Angst,  Gedankenflug,  Überforderung

Viele Menschen

Spoiler: Ich schreibe in diesem Artikel in Kategorien von Introvertiert und Extrovertiert. Wen das ärgert, weil er solche Einteilungen nicht mag, der darf diesen Artikel fröhlich übersehen. Oder ihn lesen wie man Fisch isst: die Gräten einfach ausspucken.

Jetzt ist es morgens beim Aufstehen wieder dunkel draußen. Die Sonne schläft noch und selbst die Vögel sind ruhig geworden. Die Luft ist kühl und feucht, auch dann, wenn es tagsüber noch sehr warm ist.

Ich bin Jesus dankbar für diese Zeit. Es ist wie eine zärtliche Erinnerung daran, dass man nicht immer 120 Prozent geben kann.


Gerade stecke ich in der Mitte von zwei Wochen, vor denen ich Angst hatte. Und, wenn ich ehrlich bin, immer noch habe. Wer dem Blog schon eine Zeit lang folgt, der weiß, dass ich auf der stark introvertierten Seite des Lebens geparkt bin. Es macht mir nichts aus tagelang allein zu sein und mit niemandem zu reden. Es stört mich nicht, wenn ich im Urlaub an einen Küstenabschnitt fahre, der winterlich verwaist ist und außer dem kleinen Tante Emma Laden, nichts im Ort mehr geöffnet hat. Im Gegenteil: das sind die Momente, in denen ich zur Ruhe kommen kann. Dieses Jahr spiele ich zum ersten Mal mit dem Gedanken komplett alleine in den Urlaub zu fahren. Nur Jesus und ich und eine kleine Hütte am Wald. (Mit meiner Ehe ist übrigens alles okay, keine Sorge.)

Das heißt nicht, dass ich Menschen nicht mag und nicht gerne unter Menschen bin. Aber es kostet mich viel Energie. Es kostet mich Überwindung aus mir heraus zu gehen, mich auf Gespräche einzulassen, meine Gedanken in Zaum zu halten und mich auf mein Gegenüber zu konzentrieren. Konversation ist für mich immer wieder wie ein beherzter Sprung in einen Windkanal: aufregend, belebend und unendlich anstrengend.

Daher habe ich gelernt, dass ich nach sozialen Aktivitäten Ruhezeiten brauche. Ich brauche Zeit, um das Erlebte und Gehörte zu verarbeiten. Idealerweise habe ich nach einem Gespräch das doppelte an Zeit um es zu verarbeiten. Das ist krass viel. Leider.

Zur Erholung schlafe ich viel, arbeite am Schreibtisch mit meinem Handy im Flugmodus. Ich gehe allein in den Wald oder starre einfach nur auf die Raufasertapete und verbinde in Gedanken die Punkte. Faszinierend.

Selbst meine Gebete sind in solchen Momenten nur noch Seufzer oder Schweigen.

Die letzte Woche war von Feiern geprägt: Einschulung, Taufe, Geburtstag. Keine einzige der Feiern wollte ich verpassen, weil mir die jeweiligen Menschen sehr viel bedeuten. Gott sei Dank spielte das Wetter mit, denn aufgrund von Corona fanden alle Feiern draußen statt.

Jetzt kommt eine Woche mit Konferenz, fremden Menschen, Besuchen bei Freunden und Verwandten, die ich auf dem Weg besuchen möchte. Alles Begegnungen, auf die ich mich freue. Und doch habe ich Angst. Es wird wenig bis keine Möglichkeiten geben mich zurück zu ziehen. Kraft zu tanken. Zu sortieren. Ich habe Angst, dass ich den Menschen nicht gerecht werden kann. Dass ich aus Überforderung heraus ein zerstörerisches Verhalten an den Tag lege. Ich habe Angst vor der Erschöpfung.

Was mir zusätzlich zu schaffen macht ist, dass nur wenig Menschen es verstehen können. Nach außen hin wirkt es oft seltsam. Überspannt. Ich-Bezogen. Was ist an dem abendlichen Gespräche bei Wein und Chips bitte anstrengend? Warum sollte ein gemeinsames Frühstück mit frischen Croissants ein Problem sein? Ich habe keine Antwort auf diese Fragen. Zumindest keine, die verstanden werden könnte. Also schweige ich, lächle, und versuche mir nichts anmerken zu lassen.

Oft ringe ich deswegen mit Gott. Ich verstehe nicht, warum er mich so gemacht hat. Warum ich nicht auch voller Freude mit Menschen zusammen sein kann um dann energiegeladen in die nächsten sozialen Aktivitäten zu starten. Warum ist das anderen vergönnt und mir nicht?

Doch dann begegne ich anderen Introvertierten. Meistens haben wir es erst mal schwer miteinander, weil es manchmal gar nicht so leicht ist, den Kontakt aufzunehmen. Dann spüre ich die Tiefe dieser Menschen. Diese Stille Kraft und die versteckten Welten voller Wunder. Ich spüre das Kribbeln in meinem Nacken, wenn ich in diese fremden Welten eingeladen werde und Menschen mich in ihre Seele schauen lassen. Dann fällt mir wieder auf, wie einmalig und herrlich wir gemacht sind. Jeder von uns, egal wie er oder sie tickt und wie sein Charakter gestrickt ist. Denn ich bin auch nicht nur still und nachdenklich. Ich habe auch meine quirligen und aufgeweckten Phasen. Und selbst meine extrovertiertesten Freundinnen haben diese stille Tiefe in sich.

Wir sind wunderbar. Und ich will lernen aufzuhören mich oder andere zu verurteilen. Und im Gegenzug mehr diese wundervolle Vielfalt feiern. Jeder von uns hat viele Stärken. Und Schwächen. Wenn wir das eine akzeptieren, warum dann nicht auch das andere umarmen.


Ich atme noch einmal tief die kühle Morgenluft ein. Ich muss und kann nicht 120 Prozent leisten. Oft nicht mal 100 Prozent. Ich bin nicht perfekt und wahrscheinlich werden mir auch nächste Woche einige Fehler und Dummheiten unterlaufen. Ja, ich habe großen Respekt vor den nächsten Tagen. Aber ich will darauf vertrauen, dass Jesus mich durchführt und an den anstrengenden Stellen trägt. Ich hoffe auf seinen Segen.

Gerne dürft ihr in euren Gebeten mit an mich denken. Das würde mir viel bedeuten.

Eure Tine

6 Comments

  • Vera

    Da kann ich Dich so gut verstehen, liebe Tine. Wie gut, dass Du bereits gelernt hast, Dir da, wo es möglich ist, diese „Verarbeitungszeit“ einfach einzuräumen. Ich bete dafür und bin überzeugt davon, dass Gott Dich auch in turbulenten Zeiten täglich mit den nötigen Atempausen und Rückzugsoasen versorgt und dass zumindest die Menschen, die Dich schon besser kennen mit Deiner Art umgehen können. Dennoch ist es natürlich auch wichtig, sich immer mal wieder herausfordern zu lassen statt abzutauchen. Sich für den schmalen Weg zu entscheiden, die Komfortzone zu verlassen und so wie Du schreibst einfach auch das ganz andere umarmen und Schätze entdecken. Als nächste größere Auszeit kannst Du Dir jetzt ja mal die geplante Wanderwoche im Oktober vor Augen halten. Wie schön, dass Dich da jemand sozusagen an der Hand genommen hat 🙂

  • Susanne

    Liebe Tine,
    deinen Blog zu lesen ist immer ein Highlight der Woche wo ich mich darauf freue 🙂
    Weiß nicht ob du das Buch von Debora Sommer kennst: Die leisen Weltveränderer: Von der Stärke introvertierter Christen
    Ich fand es echt toll geschrieben, leicht zu lesen und hilfreich.
    Liebe Grüße aus Kirchheim

  • Judith

    Liebe Tine,
    ich bin auch eine begeisterte Blogleserin von dir! Und ich kann mich in so Vielem wiederfinden was du von deiner introvertierten Seite geschrieben hast! Vor allem auch das mit den Gesprächen am Abend oder ein Frühstück! Ich hab deswegen oft ein schlechtes Gewissen, weil ich dazu auch oft nein sage, weil es mich eben auch so viel Energie kostet! Das verstehen können nur die Menschen, die es selbst betrifft! Deshalb herzlichen Dank für deine Offenheit! Das tut gut!
    Liebe Grüße
    Judith

  • Tina

    Hallo!
    Ich kann das alles sooo gut nachvollziehen! Und nach vielen Jahren fand ich die Antwort auf die vielen Fragen in solchen Situationen. Ich wurde von unserem Schöpfer-Gott mit einem hochsensiblen Nervensystem geschaffen. Du vielleicht auch? Beim Lesen des Buches „zart besaitet“ hatte ich viele Aha-Erlebnisse und konnte nun verstehen, warum vieles in meinem Leben so war. Lass uns gut zu uns selbst sein! Psalm 139,14 stimmt auch für uns!
    Viele Grüße! Tina

  • Tine

    Ach ihr Lieben! Vielen, vielen Dank für eure Kommentare! Ich habe mich über jeden einzelnen so gefreut. Ihr habt mich durch die Woche und vor allem das Wochenende getragen. Es tut so gut zu wissen, dass man nicht alleine ist, dass man verstanden wird und dass es Menschen gibt, die mitfühlen und mitbeten. Danke auch für die Buchempfehlungen!
    Ich bin mir sicher, dass eure Worte nicht nur mir, sondern auch vielen anderen geholfen haben, wahrscheinlich mehr als mein Blogartikel. Ich bin so dankbar.

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