Dankbarkeit,  Kinderlosigkeit

Die Sache mit dem Neid

Ein Bekannter aus der Schweiz ist Radfahren und schickt Bilder. Fotos in strahlenden Farben: blauer Himmel und türkises Wasser zwischen grüngrauen Bergen. Meine spontane Reaktion: „Boah, ich bin so neidisch auf dich.“ Seine spontane Reaktion: „Dazu bist du doch gar nicht in der Lage.“

Meine Laune steigt. Ich fühle mich geschmeichelt und sonne mich kurz in diesem Fremdbild meines unneidischen Selbst. Es ist schön mich durch diese Augen zu sehen. Ich sehe dann eine Frau, die in sich ruht. Die sich mit ihren Freunden freut und anderen Menschen ihr Glück und alles was damit zusammenhängt gönnt. Eine Frau, mit der man gerne zusammen ist. Ja, so will ich eigentlich auch sein.

Dummerweise sehe ich nicht nur meine nette Fassade, sondern auch die muffeligen Gedanken dahinter. Ob ich Menschen ihr Glück gönne, hängt leider nur zu oft von meiner eigenen Stimmung ab. Geht es mir gut, darf’s auch anderen gut gehen. Fühle ich mich benachteiligt oder -noch schlimmer- übersehen, dann wird’s ganz schnell eng mit dem freundlichen Gönnen.

Neid. Das heißt jemandem etwas nicht gönnen, weil man es gerne für sich haben möchte. Und wenn man selbst es nicht haben kann, dann soll es der andere gefälligst auch nicht haben.

In der Bibel heißt es immer wieder, dass Jesus aus Neid an’s Kreuz genagelt wurde. Weil er Menschen hatte, die ihm glaubten und ihm mit Leidenschaft nachfolgten. Weil er Wunder tun konnte. Weil er sich eine Nähe zu Gott dem Vater herausnahm. Das machte die führenden Männer neidisch. Sie wollten das auch. Und wenn sie es nicht haben konnten, dann sollte Jesus es auch nicht haben.

Oft habe ich anderen Frauen ihre Kinder geneidet. Wenn sie, einfach so, schwanger wurden. Und ich mich von Gott und der Welt übergangen und übersehen gefühlt habe. Da war es nicht nur schlimm, dass ich selbst Monat für Monat mit Grauen die beginnenden Regelschmerzen begrüßen musste. Es war auch schlimm, mit ansehen zu müssen, wie andere dieses Erlebnis nicht teilten.

Verrückt, oder? Denn gleichzeitig wünsche ich es keiner Frau, dass sie es erleben muss.

Meinem Freund in der Schweiz gönne ich seine Radtouren durch die Berge (mit Akkufahrrad, was ich ihm nicht nur gönne, sondern auch aus tiefster Seele nachvollziehen kann). Aber wie ginge es mir, wenn er mir, Woche für Woche, Bilder von der Nordsee schicken würde? Von Ausflügen durch die Dünen oder Picknick am Strand? Wäre ich immer noch so gönnerhaft?

Wahrscheinlich nicht.

Neid ist kurzsichtig. Neid möchte klein halten; wegnehmen.

Ich will so nicht sein. Ich möchte gönnen, möchte mich mitfreuen, mitjubeln. Aus tiefstem Herzen, nicht nur an der Oberfläche. Daher bin ich sehr erleichtert, wenn andere Menschen mich nicht als neidisch wahr nehmen. Denn es ist meine Entscheidung, anderen Menschen ihr Glück von Herzen gönnen zu wollen und mein eigenes mit beiden Händen zu ergreifen.

Vielleicht weist die Bibel deswegen so oft darauf hin, dass wir Gott Danke sagen sollen. Danke sagen, für das wer er ist und für das was er gibt. Dankbarkeit ist ein Game Changer. Sie verstellt den Fokus im Leben von dem was man vermisst oder zu brauchen glaubt, hin zu dem, was man bereits hat. Und wenn dann immer noch ein großes Loch im Leben bleibt, dann darf ich meinen Gott bitten, dass er es füllt. Mit sich selbst oder etwas, das er mir gibt.

Soweit zur Theorie. Und nun hab ich ein Leben lang Zeit es fröhlich zu üben. Die Zeit werde ich auch brauchen.

2 Comments

  • Petra H.

    Ach, liebe Tine, ja, so ist es, gell?!! Zum Glück ist Gott gnädig und barmherzig und soooo geduldig. Deshalb dürfen wir ein Leben lang üben. Ich freue mich so riesig, dass ER so ist! Und danke dir für deine offenen Worte.
    Sei gesegnet,
    Petra aus Heidelberg 🙂

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