alltägliches

Es ist Sommer in Stuttgart

Es ist Sommer in Stuttgart.

Unter meinen Fingerspitzen kribbelt es, während sie auf der Tastatur liegen. Sie liegen da und warten auf mein Diktat. Sie warten jetzt schon eine ganze Weile und werden langsam ungeduldig. Mein Kopf, der diktieren sollte, ist jedoch viel zu sehr damit beschäftigt im internen Chaos einen klaren Gedanken zu fassen.

Bildlich gesprochen: mein Kopf sieht von innen aus wie mein Schreibtisch von außen: chaotisch, überladen und irgendwie ist alles voller Pollen. Oder ist das Staub?

Die Jalousien sind gegen die intensiven, sommerlichen Sonnenstrahlen herunter gelassen. Ich sitze im Halbdunkeln und fühle mich vampirhaft. Würde ich jetzt noch rauchen und anstatt an meinem Schreibtisch hinter einer großen Kirchturmuhr schreiben, hätte es schon fast was literarisches.

Vielleicht….müsste ich heimlich hinter dieser Uhr schreiben. Gut versteckt vor den Schergen der Regierung. Oder der Mafia. Oder einer sonstigen geheimen Geheimorganisation, die an mein Wissen will. Und wo kann man sich als Schriftstellerin besser verstecken als hinter einer großen Uhr. Da kam vor mir noch nie einer drauf. Literarisch!

Aber ich sitze in einem Waschbetonhochhaus, mitten im Hochsommer. Und das hat überhaupt nichts literarisches. Mein Shirt klebt am Rücken, die Luft ist auch ohne Zigarettenrauch stickig und die Finger haben mangels Beschäftigung angefangen Muster in den Pollenstaub zu malen. Super, jetzt muss ich putzen.

Auf dem Weg zum Putzlappen und dem Glasreiniger komme ich am Gefrierschrank vorbei. Das…ist jetzt ungünstig.

Eine halbe Stunde und eine ganze Pizza später ist der Schreibtisch zusätzlich zum Staub auch noch vollgekrümelt. Wunderbar. Läuft. Eigentlich soll man ja nicht am Arbeitsplatz essen. Aber ich hab ja noch keine Pause und man soll auch nicht einfach seinen Arbeitsplatz verlassen. Zwickmühle. Was blieb mir also übrig? Eben.

Pizza macht müde. Ich werde jetzt nicht schlafen!

Nur kurz.


So ein Nachmittagsschlaf macht einen fertig. Kaffee. Dringend. Finger auf die Tastatur. Und diesmal kommen sie da nicht runter, bis nicht was vernünftiges auf dem Blatt steht! Man muss auch mal streng zu sich selbst sein.

Meine Güte ist das warm hier.

Eine Freundin meldet sich. Ich habe schlagartig ein schlechtes Gewissen. Sie ist Mama von drei kleinen Kindern und hat heute bestimmt schon mehrfach die Welt retten müssen. Meine kreativen Ergüsse von heute erschöpfen sich in den Worten: „Es ist Sommer in Stuttgart.“ Grandios. Das würde nicht mal die geheimste Geheimmafia lesen wollen.

Mein Leben gehört einem Versager.

Gott sei Dank stellt sich raus, dass die Mama trotz Kaffee in der Hängematte eingeschlafen ist, während die Kinder mit dem Gartenschlauch den Garten in eine Moorlandschaft verwandelt haben. Jetzt hat sie glückliche Kinder und ein schlechtes Gewissen wegen des Wasserverbrauchs. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil es mir nach ihrer Geschichte schlagartig besser geht. Dafür sind Freunde da.

Sie beschließt heute früher in’s Bett zu gehen, weil sie ja den Garten nun nicht mehr gießen muss. Und ich beschließe, einfach meinen Tag aufzuschreiben und dann auch zurück in’s Bett zu gehen. Und von großen schriftstellerischen Leistungen zu träumen. Von geheimen Aufträgen, von Abenteuern. Von drückend schwülen Tagen, in denen der Heldin das Shirt schweißnass am Rück klebt…während sie versucht ihr Wissen zu Papier zu bringen, bevor es zu spät ist. Die große Uhr tickt unaufhaltsam und die Zeit verrinnt wie Sand zwischen den Fingern.

Es ist Sommer in Stuttgart…

2 Comments

  • christina

    Wie herrlich geschrieben, liebe Tine!!!!
    Ich sitze auch hinter einer tickenden Uhr und habe den Eindruck alle anderen retten die Welt während ich nur die Krümel vom Schreibtisch fege. Ach, es tut gut KEINE Heldengeschicht zu lesen. Ich drück Dich – so von Schreibtisch zu Schreibtisch…

  • Frau Vorgarten

    Hallo Tine!
    Dein neuer Cookies-Datenschutz-Hinweis ist von der Mafia gesponsert, gib es zu. So ein böses, tiefschwarzes Gerät!
    Ein einfacher Hinweis über die allgegenwärtigen Luftkekse hätte es nicht getan?
    hmmm…….

    (hab jetzt absichtlich nicht den aktuellen Beitrag genommen um diese meine Meinung darzulegen)

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