Kindheitserinnerung,  zurück zu Jesus

Über die Scham

Meine Pause geht weiter. Täglich kann ich ein bisschen besser loslassen. In den Tag hinein leben. Ausmisten. In meinem Inneren und auch in der Wohnung. Bei uns stapeln sich gerade Kartons und Säcke mit Dingen, die wir weggeben werden, weil wir sie nicht brauchen. Und dabei kann ich spüren, wie das Atmen leichter wird. Die Zimmer wirken plötzlich größer, heller und irgendwie freier. Ich werde euch noch davon schreiben. In ein paar Wochen, sobald ich das Gefühl habe zu wissen, wo diese Reise hingeht.

Ansonsten finde ich gerade viel Zeit zum Nachdenken. Auch hier sortiere ich aus. Schreibe. Fasse in Worte, was mir sonst wie ein glitschiger Fisch durch die Finger rutscht. Und wenn ich es formuliert habe, überlege ich mir, ob ich behalten möchte oder loslassen. Dieses Reflektieren hat bereits vor einigen Wochen angefangen. Folgender Text entstand während einer Schreibwerkstatt Ende Juni. Gerade ist das Thema bei mir wieder sehr aktuell. Und da ich merke, das auch einige von euch damit zu kämpfen haben, möchte ich es gerne teilen. Vielleicht hilft es der ein oder anderen.

„Unsere Christine, die ist halt fester, nicht so zart.“

Ein Satz, den ich oft gehört habe, ohne mich dabei an eine konkrete Situation erinnern zu können. Ich habe ihn so oft gehört…irgendwann wurde er zu meiner Identität. Ich bin halt ‚fester‘.

Fester. Das ist ein Wort, das ich hassen gelernt habe. Ein Wort, bei dem mir heute noch die Tränen in die Augen steigen würden, würde mich jemand so bezeichnen. Fester, das bedeutet in meiner Familie so viel wie: gedrungen, klein, grobe Knochen. Etwas, bei dem man zupacken kann, ohne es gleich kaputt zu machen. Mein Problem war, dass ich mich innerlich überhaupt nicht ‚fest‘ fühlte. Ich fühlte mich zerbrechlich. So zerbrechlich wie das chinesische Porzellan meiner Oma, das wir Kinder nicht anfassen durften. Nur sah man in mir wohl eher den steinernen Bierkrug.

Was hätte ich mir gewünscht zart zu sein. Meine Mutter hatte drei kleine Porzellanfigürchen. Mädchen in grünen Turnanzügen, die in drei verschiedenen Gymnastikposen gegossen waren. Als Kind saß ich oft einen ganzen Nachmittag lang vor der Vitrine und betrachtete sie. In Gedanken davon träumend so sein zu können wie diese zartgliedrigen Wesen. Ich nahm Kassetten (die Älteren unter uns erinnern sich) auf, Zusammenschnitte aus Musik und Wortschnipseln meiner Lieblingsfilme. Und dann versank ich in diesen selbst zusammengestellten Geschichten. Hier war ich Tänzerin, zart, zerbrechlich und federleicht.

In der Realität war ich beim Judo, beim Schwimmen und half meinem Vater bei seinen Basteleien mit Lötkolben und Zangen im Keller.

Irgendwann akzeptierte ich meine äußere Form und versteckte meine Innere. Das Gefühl falsch zu sein, da ich mich so ganz anders fühlte als ich wahrgenommen wurde, wurde zur festen Gewissheit. Ich lernte zu schweigen, zu überspielen und weite Kleidung zu tragen, um meinen groben Körper zu verstecken. Dass bei so einem Verhalten natürlich die gemeinen Kommentare von gleichaltrigen Jungs nicht ausblieben versteht sich von selbst. Das untermauerte meine Annahme über mein Selbstbild nur noch: schön, zart und zerbrechlich sind andere. Aber nicht ich. 

Dann kam das Studium. Ich startete als Unsichtbare. Als die ersten Prüfungen anstanden, lernte ich Tag und Nacht in meiner Studentenwohnung und, ohne die Kochkünste meiner Mutter, ernährte ich mich fast einen Monat lang nur von Tee. Nun war ich – wie ich heute weiß – schon damals nicht dick. Ich war völlig normal und gesund. Aber nach dieser mehr oder weniger unfreiwilligen Teekur, war ich untergewichtig.

Und nun kam etwas, was mich bis heute wütend und unsicher macht. Denn mein Umfeld reagierte positiv. Die Jungs in meinem Studiengang luden mich plötzlich abends auf einen Drink ein, meine Freundinnen reagierten neidisch-bewundernd und mein damaliger Freund stolz. Lachend bemerkte er, dass meine Hosen wie Clownshosen an mir hängen würden und dass ich ein bezauberndes Wesen sei. Bezaubernd. Wesen. Vielleicht ein bisschen wie eine Tänzerin?

Der Weg in die Essstörung war breit, geteert und in allen Farben glitzernd.  Es ging so leicht hinein. Und so schwer wieder heraus. Ich möchte hier nicht über diese Essstörung schreiben, über Ana, wie ich sie nannte. Sie hat bereits zu viel Platz in meinem Leben beansprucht.

Ich möchte an Jesus denken. Der kam nämlich kurz nachdem Ana bei mir einzog. Er kam so leise und unaufdringlich, dass ich ihn zunächst gar nicht bewusst wahrnahm. Ich möchte an seine ruhige Stimme denken, die ich in der schlimmsten Zeit meines Verhungerns das erste Mal wahrnahm. Über Jesus, der mit seiner Geduld und Treue täglich Zärtlichkeiten in mein Herz flüsterte. Unermüdlich. Immer wieder. Oft über die Bibel, selten über Träume, immer wieder über Menschen der Gemeinde, in die ich nun häufiger ging. Anfangs wollte ich diese Worte nicht hören, konnte sie nicht annehmen. Ich habe mich geschämt, dass ich nun Gott zum Lügen verführe, denn das was er mir sagte, konnte unmöglich wahr sein. Erst nach und nach wurde mir diese innere Reaktion bewusst. Ich bezichtigte Gott der Lüge, weil mir das, was er sagte, so unglaublich erschien.

Mit der Zeit konnte ich Jesus unverkrampfter zuhören. Inzwischen, nach einigen Jahren, will ich ihm glauben und werde immer neugieriger auf seinen Blick. Und je mehr ich ihm glaube, desto mehr bekomme Wut auf eine Welt, die wundervollen Geschöpfen Gottes vermittelt minderwertig, nicht liebenswert oder nicht richtig zu sein. Nicht zu genügen. 

Als ich zu Jesus Ja gesagt habe, beschloss ich mein Leben zum Lobpreis werden zu lassen. Ich glaube, dass es zum größten Lobpreis gehört Schönes schön zu nennen. Also will ich das tun. Mich selbst und auch andere. Auch, wenn inzwischen das ein oder andere Röllchen meine Hüfte ziert und Cellulite mich jeden Morgen im Badezimmer fröhlich begrüßt. Ich habe eine weibliche Figur, mit eher breiteren Hüften. Meine Beine sind im Vergleich zum Rest kurz. Dafür sind meine Füße groß. That’s life. Aber ich lache gerne. Und langsam zeigen sich die ersten bleibenden Lachfältchen um meine Augen. Diese Charakterfältchen liebe ich. Ich habe die strahlend blauen Augen meines Vaters und zunehmend einen Blick darin, der von meinem anderen Vater hineingelegt wird. Und ich habe Arme, die ganz toll darin sind, in den Arm zu nehmen. Zum Glück gehöre ich zu einer Gemeinde in der gern gekuschelt wird. Das lässt mich diese Gabe voll ausleben.

Wir sind geschaffen um geliebt zu werden. Gott hat uns mit Wert, mit Würde geschaffen. Es gehört zum Wesen der Würde, dass wir sie nicht selbst herstellen können. Wir können sie nur empfangen. Sie muss uns zugesprochen werden. Würde hat immer etwas mit göttlicher Autorität zu tun. Wir waren es Gott wert, dass er sein Liebstes, seinen Sohn hergab, damit wir Gemeinschaft mit ihm haben können. Das war der höchste Preis, der gezahlt werden konnte. Und das warst du – und ich – Gott wert.

„Weil du teuer bist in meinen Augen und wertvoll bist und ich dich lieb habe.“ (Jes 43,4a)

9 Comments

  • Sonja

    Liebe Tine, jetzt bin ich diejenige, die mit den Tränen kämpft!! Du formulierst es so perfekt, wie es sich anfühlt, innerlich zart zu sein und äusserlich so (anders) beurteilt zu werden! Das ist so ein Grundgefühl aus meiner Kindheit.

    Ich freue mich so für dich, dass du Knuddel-Arme hast, deine Augenfältchen (und wohl auch deinen Blick) magst und „That’s life“ lächelnd sagen kannst. Das ist ein riesiges Geschenk. Weil es versöhnt klingt.

    Alles Liebe, Sonja

  • Katrin

    Wie schade, dass man die Lügen viel eher glaubt, als das was Jesus zu einem sagt. Und trotzdem geht es wahrscheinlich den Meisten ein Stück weit so, wenn nicht mit dem Gewicht, dann mit etwas Anderem. Da sieht man erstmal, was man mit solchen Aussagen anrichten kann. Du bist aber ganz sicher nicht „fest“. So ein blödes Wort, am Besten wir vergessen es ganz schnell wieder.

  • die Vorgärtnerin

    „fest“ gehört auch eigentlich groß geschrieben: „Fest“!
    Ein Fest ist viel schöner als „fest“ zu sein. Katrin hat recht.

  • Becky

    So ein Mist, was sich alles so an Lügen einnisten kann. Und ich verstehe nicht ganz, was Du mit kurzen Beinen, breiten Hüften und Knuddelarmen meinst. Das sind auf keinen Fall Begriffe, die ich mit Dir verbinde… (Also nicht, dass Du nicht toll knuddeln kannst! Sondern falls Du meinst, Deine Arme wären dick oder so was). Du bist schlank und zierlich und ganz sicher auch zart und ein bisschen zerbrechlich. „Fest“ passt überhaupt nicht zu Dir. Das musste ich jetzt hier kurz loswerden. *Kopfschüttel*

  • Gernot

    Also diese Selbsteinschätzung ist nur durch ein arg verschobenes Selbstbild (was ja mit einer Eßstörung zumeist einhergeht) zu erklären.
    Ich habe Dir das nicht gesagt, aber der Eindruck, den Du auf mich machst, ist ganz bestimmt kein „fester“ sondern grazil und fast schon ein wenig feen- oder elfenhaft.

  • Tine

    Danke – einmal mehr – für die lieben Kommentare.

    Dieses Grundgefühl, wie Sonja es ausgedrückt hat (was für ein treffender Begriff) ist nach wie vor da. Nur bin ich durch die Kommentare nun ins Grübeln gekommen. Wie oft habe ich wohl in der Zwischenzeit schon Gegenteiliges gehört und nicht wahrgenommen? Einfach wieder vergessen, weil es nicht ernst gemeint sein kann?
    Eigentlich dachte ich, dass ich schon viel mehr wertschätze, wenn etwas nettes gesagt wird. Doch offensichtlich prallen ganz viele dieser schönen Sachen noch ab. Warum eigentlich?

    Danke fürs Aufschreiben und Zusprechen. Ich merke wie es mir gut tut. Und es ist mein Gebet, dass auch diejenigen von euch, die es betrifft, solche lieben und aufbauenden Worte in ihr Leben lassen können. Von Menschen, die euch wichtig sind und denen man eine Stimme in seinem Leben gegeben hat.

    Offensichtlich habe ich mich hinter meiner Schutzmauer so häuslich eingerichtet, dass ich viele Nettigkeiten noch immer nicht wahrnehme. Also mal ehrlich…so eine Schutzmauer ist doch doof, wenn sie auch das nette nicht durchlässt.

    Es gibt noch so viel zu lernen und zu entdecken.

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