Kinderlosigkeit,  zurück zu Jesus

Und trotzdem liebt er mich

Meine kleine Nichte lacht mich krähend an. Seit ein paar Wochen kann sie lachen und inzwischen kommt der Ton sogar synchron – zum Mundwinkel nach oben und Näschen kraus ziehen – aus dem kleinen Menschen heraus. Heute ist es okay für mich sie zu halten und mit ihr zu flirten. Heute löst es Glück in mir aus. Meine Schwester macht es mir leicht. Auch sie war ungewollt kinderlos, ohne Aussicht darauf, dass es sich ändern würde. Und dann plötzlich klappte es doch und nun hält sie dieses kleine Wunder in ihren Armen. Aber sie kennt den Schmerz und geht sehr vorsichtig mit mir um. Bei ihr muss ich nicht spielen. Wenn ich weinen muss, dann darf ich das, ohne, dass sie sich angegriffen fühlt, weil ich mich gerade nicht so mit ihr freuen kann, wie sie es sich vielleicht wünschen würde. Und wenn ich lachen kann, dann saugt sie meine Freude auf.

Bei meiner Schwester habe ich eine neue Rolle bekommen. Ich bin „die Tante“. Ich glaube ja, dass meine kleine Nichte meinen Namen so oft hört, dass sie spätestens mit drei Jahren der festen Überzeugung sein wird, ich wäre schon immer da gewesen und würde im gleichen Haus wohnen. Ich habe die Identität Tante und nicht wie so oft die durch Mangel definierte Identität „Nicht-Mama-fremde-Frau“.

Oft wird es so dargestellt, als wäre eine fehlende Schwangerschaft der größte Verlust, bei einer ungewollten Kinderlosigkeit. Und wenn man Schwangere sieht, wie sie verliebt und unbewusst ihren Bauch streicheln, wie sie die stillen Zwiegespräche führen, wie sie eben nur zwischen einer Mutter und ihrem ungeborenen Kind stattfinden können, ist da auch etwas Wahres dran.

Doch mir persönlich geht es gar nicht so sehr um diese neun Monate. Natürlich habe auch ich mich in Träumen verloren, wie ‚wir‘ gemeinsam in die Bibliothek gehen und dort arbeiten. Wie wir uns einen Fruchtsaft teilen oder uns einen Weg in der vollbesetzten U-Bahn freipflügen. Aber das, was ich in meinem Leben am meisten vermisse, ist der Ausdruck in den Augen eines Säuglings, wenn er in mir seine Mutter erkennt. Dieser spezielle Augenblick, wenn sich das Gesicht eines kleinen Lebewesens verändert, weil es von seiner Mama angelächelt wird und in diesem Moment die Welt dieses Kindes in Ordnung ist. Die Möglichkeit Liebe zu schenken, da zu sein und die ersten Schritte in das Abenteuer Leben zu begleiten.

Das sind die Momente, in denen es mir das Herz zerreißt, wenn mir bewusst wird, dass dieser Traum unerfüllt bleibt. Und mit ihm all diese Erfahrungen. Bei mir und bei einem Menschen, der niemals existieren wird. Und ich glaube, dass das auch der Teil ist, mit dem ich persönlich am meisten zu kämpfen habe.

Das und die trügerische Selbstverständlichkeit. Wenn frisch verheiratete oder verliebte Paare über ihre Zukunft nachdenken. Wenn sie leidenschaftlich darüber streiten, ob sie zwei oder drei Kinder wollen. Und mit dem naiven Selbstbewusstsein planen, das auch mein Mann und ich einmal hatten. Und wenn man sich nach einem Jahr wieder trifft und sich ihre Pläne wie selbstverständlich erfüllen. Wenn ich dann an meine leere Wohnung zu Hause denke, dann taucht es auf. Dieses laute, verzweifelte „Warum?“. Die Frage nach dem Grund, nach dem Verbrechen, nach dem Fehler in meinem Leben.

In solchen Momenten bin ich verzweifelt, wütend, verletzt. Und es fällt mir unendlich schwer mich mit anderen zu freuen. Mich nicht in dem Gefühl des Allein- und Zurückgelassenseins zu verlieren. In diesen Momenten fühle ich mich wie auf einer Eisscholle, die unaufhaltsam in das schwarze Nichts hinaustreibt und die Angst, dass meine Schreie bald niemand mehr hören wird, erstickt mich und jegliche Freude in mir.

Wobei…eigentlich ist das nur teils wahr. Ich freue mich mit jungen Familien. Nur manchmal ist der eigene Schmerz so groß, dass er, wie eine schwarze Decke, alles andere unter sich begräbt. Es ist noch da, aber ich kann es weder sehen noch fühlen. Die Freude scheint unendlich weit entfernt. Aber dann zieht sich diese Decke wieder zurück und darunter liegen all die anderen Gefühle, die ich verloren geglaubt habe.

Unsere Gemeinde ist sehr homogen, was die Altersstruktur angeht. Wir sind alle in den 30/40ern. Das heißt wir haben uns zahlenmäßig in den letzten Jahren fast verdoppelt. Nicht, weil sich neue Leute Jesus angeschlossen hätten (leider). Sondern, weil wir Nachwuchs haben (nicht leider). Frischen, rosigen, krähenden Nachwuchs. Das ist ein Segen. Und für z.B. unfreiwillige Singles oder für Leute wie mich, eine emotionale Herausforderung. Sind wir ehrlich: man fühlt sich meist weniger allein, wenn andere auch allein sind.

Ich kann nichts für meine Kinderlosigkeit. Ich bin nicht schuld. Und die anderen Paare, die Kinder bekommen können, sind auch nicht schuld. Ihr Glück hat nichts mit meinem Unglück zu tun. Und meine Traurigkeit ist kein Verbot für ihre Freude. Das einzugestehen, fällt nicht leicht. Doch gerade in der Gemeinde müssen wir es lernen: manches kann und darf gleichzeitig existieren. Und man kann den Schmerz und die Freude nur gemeinsam aushalten. Aushalten ist auch nicht immer leicht. Den Schmerz nicht wegnehmen zu können und gleichzeitig die Freude wahrzunehmen, ist ein riesen Lernprozess. Und an manchen Tagen ist es vielleicht auch unmöglich. Dann muss und darf man das respektieren und sich selbst eine Pause gönnen.

Ich weiß, dass Jesus einen Weg mit mir hat. Das weiß ich so sicher, weil Jesus mit jedem einen Weg gehen wird, der das Angebot seiner ausgestreckten Hand annimmt. Und ich weiß, dass es kein Weg des Mangels ist. In manchen Situationen kann ich das nicht so klar sehen. Vor allem dann nicht, wenn Schmerz und Trauer sich zu giftiger Verbitterung zu mischen drohen. Ja, diese Zeiten gibt es. Dann muss ich mit Jesus in den Garten gehen und muss die Wurzel dieser Pflanze ausgraben. Das ist anstrengend und oft mache ich das nur widerwillig. Aber es ist nötig. Und dann greife ich wieder nach der Hand von Jesus und gehe weiter. Auch wenn er mir noch nicht gesagt hat, wohin die Reise letztendlich geht. Auch wenn er mir noch keine Erklärung für unsere Kinderlosigkeit gegeben hat und das vielleicht auch niemals tun wird. Ich vertraue ihm. Manchmal vertraue ich emotional, das heißt,  ich kann das Vertrauen spüren. Manchmal spüre ich nichts, dann muss ich diese Entscheidung ohne die Emotionen treffen. Letztere müssen dann nachrücken.

Jesus liebt mich. Er ist vernarrt in mich. Und in dich auch. Er bringt uns an sein Ziel. Und bis dahin, wird er unsere Hand nicht loslassen. Er geht mit. 

9 Comments

  • Petra

    Liebe Tine!
    Du bist so ehrlich echt. Und ich weine ein bißchen mit dir!!!! Da würde ich mir wirklich ein vollmächtiges Gebet wünschen, jemand, der die Gabe hat, aus kinderlosen Paaren Eltern zu machen. Auch ich, obwohl ich Kinder habe, verstehe es manchmal nicht, wie das so angehen kann, dass gerade „die“ keine Kinder bekommen.
    Meine beste Freundin aus Jugendtagen z.B. und noch ein anderes, eng befreundetes Paar. Und einige entferntere Menschen, und du…..! Das ist eine der Fragen, die ich mit in den Himmel nehmen werde.
    Meine freundin und ich, wir haben schon oft miteinander geweint und tun es immer mal wieder. Mehr geht nicht, aber zumindest das geht. Und offen miteinander sein. So, wie deine Schwester und du.
    Ach, ich weiß gar nicht, was ich noch schreiben soll, mir fehlen die Worte. Ich schick dir einen virtuellen Drücker!
    Ich bin begeistert, wie du dies Schmerzensthema mit Jesus anschaust. Diese Echtheit, vor Ihm und mit Ihm, anders geht es nicht. Und ich wünsch‘ dir immer wieder Seine tröstende, beglückende Gegenwart!!!!!
    Herzensgrüße von Petra aus der SWS.

    • Tine

      So schön, dass du wieder da bist. Ich hoffe dein Urlaub war sonnig und du konntest dich gut erholen. Wie gut, dass es Menschen wie dich gibt, die für ihre Freunde da sind, mit ihnen weinen, schweigen und aushalten. Das ist so wertvoll. Ich hoffe wir sehen uns bald mal wieder.

  • Börgi

    Ich gucke jeden Dienstag hier vorbei. Lohnt sich nämlich. Du bist verdammt ehrlich und und als größte Zweiflerin vorm Herrn nehme ich dir so Vieles ab, was ich Vielen nicht abnehmen würde. Du hast die Gabe ins Herz zu schreiben. Dein Schmerz tut mir leid. Vielleicht entsteht aus ihm mal ein Wunder. Glauben bedeutet wohl wirklich, dass man sich selbst im Schmerz geliebt weiß. Joooo, und im Schmerz schmeckt wenigstens Eines gut – Schokolade. Die würde ich gerne mit dir zusammen knabbern. Hoffentlich bald mal wieder. Liebe Grüße von Herzen.

  • Christina

    Liebe Tine! Ich umarme dich- für die ehrlichen Worte, die du für deinen Schmerz findest, dass man ganz genau weiß was du meinst. Danke für deine Bereitschaft sich am Glück anderer zu freuen, auch wenn es manchmal unter Tränen ist, und den Boden mit Jesus zu beackern, dass die bitteren Wurzeln sich nicht ausbreiten. Du bist soooo ein Vorbild darin für mich! Als „späte Mama“ ist es auch die Erinnerung für mich den Schmerz nicht zu übersehen und mit meinen Worten vorsichtiger zu sein (wie recht hast du mit der trügerischen Selbstverständlichkeeit wie wir oft unser Leben planen, und dabei ignorieren wie wenig wie eigentlich im Griff haben!) … Auch wenn sich manchmal schmerzhafte Gräben zwischen uns auftun – ich glaube Sie sind niemals so groß, dass wir nicht an Jesu Hand darüber hüpfen können und den anderen umarmen, auf ihrem „Land“ und uns dort mitfreuen und mitweinen… genau wie du das schreibst! WIe froh und dankbar bin ich, dass wir zusammen unterwegs sind! Und, liebe Tine, dein Land wird so viel Frucht bringen, das weiß ich! Das zeigt mir allein schon dieser Blog. Deine Predigten. Dein SEIN.Jesus ist wirkich total vernarrt in dich – und weißt du was? Ich kann ihn verstehen:-). Segensgrüße!!!
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    • Tine

      Was bin ich doch gesegnet mit dir. Es ist schön mit dir unterwegs zu sein. Durch dich lerne ich immer mehr was es heißt, wertschätzend und segnend zu sein. Du bist einer der Menschen, der wirklich vorsichtig mit Worten umgeht. Vor allem dann, wenn ernste Dinge angesprochen werden (müssen). Deine ganze Art ist so von Jesus geprägt. Es ist schön mit dir unterwegs zu sein

  • Annett

    Hallo .ich kenne den Schmerz ungewollt kinderlos zu sein nur von meinen Eltern.Ich wurde adoptiert.
    Billiger Trost bringt dir nichts.Und trotzem ist Jesus für uns alle da….kinderlose,adoptierte auch für uns kinderreiche Eltern…
    Gott will uns in die Arme nehmen und trösten….unser Schmerz darf sein.
    Du bist eine wundervolle Frau .Maria

    • Tine

      Danke für deine Worte und Offenheit. Ja, du hast völlig recht. Jesus ist für uns alle da. Unabhängig davon, in welcher Konstellation wir ins Leben starten oder durchs Leben gehen. Nachdem ich deinen Kommentar gelesen hatte, musste ich so breit lächeln. Er spendet Trost und macht Mut. Und auch irgendwie neugierig darauf, wie die Geschichte weiter geht. Danke.

  • Constanze

    Wow, wie herzzerbrechend ehrlich du diesen Text geschrieben hast. Ich bewundere es sehr, dass du auf „beschwichtigende“ Erklärungen oder Ermutigungen verzichtest. Dass du schreibst wie es ist. Dass Freude und Schmerz nebeneinander stehen können. Und Jesus geht mit.
    Danke dir!

    Constanze

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