Gastbeitrag

Gastbeitrag: Fastenerfahrungen

Ich freu mich so. Ihr Lieben, heute hab ich was Besonderes für euch. Diejenigen von euch, die diesen Blog regelmäßiger verfolgen wissen ja, dass ich mitten in der Fastenzeit stecke. Und zwar im Wörter-Fasten. Als ich das Fasten angekündigt habe, hat sich unter anderem auch die liebe Petra Höfker gemeldet. Petra habe ich letzten Sommer bei einem Schreibseminar kennen gelernt. Sie ist eine ganz tolle Frau, lustig, herzlich, tief.

Petra hat erzählt, dass Gott ihr etwas ganz ähnliches in der Fastenzeit aufs Herz gelegt hat wie das Wörter -Fasten. Sie fastet negative Bewertungen.

Die letzten Wochen wurde ich immer neugieriger, wie es ihr wohl im Alltag geht. Da habe ich sie gefragt, ob sie uns nicht mal reinspitzen lassen würde in ihre Erlebnisse. Und sie hat ja gesagt!!
Hier ist ihr Minitagebuch für uns. Im Einleitungstext nimmt sie uns mit, wie das mit dem Bewertungsfasten geht. Das wird dann auch gleich meine nächste Aufgabe für die kommende Woche. (Und für diejenigen von euch, die mit machen.)

Danke liebe Petra für deine Offenheit in diesem großartigen Text. Es ist schön Dich zu kennen.

Bewertung fasten – eine Einführung

Dieses Jahr habe ich von Gott wahrgenommen, dass ich „Bewertung“ fasten soll. Komisch, dachte ich.
Jedoch fiel mir gleich ein, dass ich oft morgens mit einem ratternden Gedankenzug im Kopf aufwache, alles, was am Tag zuvor nicht so gut war, was ich nicht geschafft hatte, oder wo ich versagt hatte, kommt mir in den Sinn. Auch Menschen, die mir nahestehen, bekommen so eine gedankliche Bewertung. Bei meinem Herzallerliebsten geht es dann auch oft über die Gedanken hinaus. Und auch im ganz normalen Alltag, beim Autofahren, durch die Stadt laufen, beim Zusammentreffen mit Menschen an den verschiedensten Orten, kommen mir Gedanken der Bewertung in den Kopf gesprungen. Und, ja, ich schäme mich, überwiegend negative Gedanken. Keine gedanklichen Mordgelüste, nein, so ja nicht. Aber mir fällt einfach zu oft das Negative an meinem Gegenüber auf. Sei es etwas Äußerliches, oder etwas an seiner Art und Weise.

In Phillipper 4, 8 steht was ganz spannendes zu diesem Thema:

Konzentriert euch auf das, was anständig und gerecht ist. Denkt über das nach, was rein und liebenswert und bewunderungswürdig ist, über Dinge, die Auszeichnung und Lob verdienen. Am Ende von Vers 9 steht dann … und der Gott des Friedens wird mit euch sein.
(NL Bibel)

und Bewertung, mein Fastenthema dieses Jahr. Vom Negativ -> zum Positiv bewerten.

Hier gebe ich euch nun einen kleinen Einblick, wie es mir damit erging.

21.02.2018

Ich faste Bewertung und nehme wahr, wieviel ich bewerte. „ Mensch, hat die sich verändert, die Frisur steht ihr aber gar nicht“, oder „ Wie die wieder angezogen ist…“. Spontane Gedanken, die einfach so kommen. Ich schäme mich. Was mache ich damit. Gedacht ist gedacht. Ich denke, was ich gar nicht denken will. Wie gut, dass Gott mir gnädig ist und mir vergibt. Ich habe die Person und ihre Lebenssituation gesegnet. Wie sündig bin ich. Und dennoch geliebt.

22.02.2018

Heute waren meine Augen ( meine Gedanken, die Augen meines Herzens) gnädig. Durch meine Arbeit in einer Arztpraxis komme ich Menschen in ihrer Körperlichkeit oft sehr nah. Heute habe ich mir eher Gedanken darüber gemacht, was Jesus wohl zu ihnen sagen würde, wie Er ihnen begegnen würde. Und ich konnte segnen, ohne vorher bewertet zu haben. Den Anderen stehen lassen in seinem so ganz eigenen Sein und Jesus ihn/sie durch mich lieben lassen. Das ist es, was ich wirklich will!

Und ich merke, je weniger ich mich selbst bewerte, desto mehr gelingt es mir auch mit meinem Gegenüber. Vorgestern hatte ich ein echtes Aha-Erlebnis. Ich nehme gerade an einer Fastenzeit Schreibwerkstatt teil. An diesem Tag war die Übung, einmal die Perspektive auf sich selbst zu wechseln. So habe ich mich einmal mit Gottes Augen, den Augen der echten, wahren Liebe angeschaut. So ganz spontan habe ich los geschrieben, mit dem Fokus darauf, das Gott eben nicht bewertet, sondern liebt – brutto. Und dies kam dabei heraus:“Da sitzt sie nun. Will wie immer alles gut und richtig machen. Will aber auch, dass die Andern alles gut und richtig machen. Sie hat ein Herz für die Schwachen. Wenn die aber nicht so wollen, wie sie, sich nicht auf das einlassen, was ihnen helfen könnte, dann wendet sie sich ab. Sie nennt sie dann vielleicht verletzt, ängstlich. Keine harten Worte, aber eine harte Haltung. Da hat sie eine Mauer gebaut. Und damit ihr Herz verschlossen. Die Kälte geht nicht von den andern aus, sondern von ihr selbst. Eigentlich hat sie Schema F im Kopf und wenn Schema F nicht läuft, ist es schlecht und falsch. Schwarz/weiß. Sie wundert sich, warum es so zäh ist mit den Beziehungen. Sie fühlt sich als Opfer. Sie entdeckt gerade, dass Erwachsene gar keine Opfer mehr sind. So wird sie lernen, proaktiv auch in diesen diffizilen Situationen zu sein. Sie wird nicht mehr innerlich Veränderung fordern, sondern genau das lieben lernen, was sie sieht. Sie wird offen werden für das, was Ich ihr schenken möchte. Und sie wird es erkennen, auch wenn es anders aussieht, als sie dachte. – Ich liebe sie. Bei mir darf sie Kind sein. Trotzig, rebellisch und manchmal starr. Ich schicke sie immer wieder gestärkt als Erwachsene in’s Leben hinaus. Meine unsichtbare Hand hält sie, so dass sie nicht abrutscht. Mein Petralein!“

Ich war, bin einfach nur berührt. Gott ist so anders. Er sieht und kennt mich absolut genau und dennoch ist da einfach nur pure Liebe. Und diese Liebe liebt mich in die Veränderung. Weil ich schon vor der Veränderung geliebt bin!!

23.02.2018

Unterwegs mit dem Auto bei strahlendem Sonnenschein. Der Frühling lässt sich erahnen. An der Ampel überquert eine Frau im strahlend weißen Skianzug die Straße. Schwupp, da ist sie wieder, meine Begleiterin, die Bewertung. „Wie sieht die denn aus, wie bescheuert ist das denn, wir sind doch hier nicht auf der Piste, so kalt ist es nun auch wieder nicht,…“ Völlig unbewusst purzeln diese Gedanken in meine Realität. Ich schäme mich. „ Herr, was steckt da eigentlich in mir?“ Erschrecken tue ich mich auch. Ich bin ja gar nicht so nett, wie ich denke.

Kaum faste ich Bewertung, steht sie wild gestikulierend auf der Matte der Kellertür. Da scheint das Schloss kaputt zu sein. Ha, ich lege so viel Wert auf Echtheit. Und nun sehe ich mich echter, als mir lieb ist. Ich entscheide mich, nicht in die Falle „ Oh, ich Arme, ich kann ja nichts dafür, es kommt halt einfach so „ zu tappen. Ich werde bei jedem Klappern des Kellertürschlosses beten und vor allem segnen. Wie auch jetzt die Dame im weißen Skianzug.

Dies Alles ging ja in Sekundenbruchteilen in meinem Kopf (und Herz) vor sich. Echt verrückt. Ich denke, es wird Auswirkungen haben.

24.02.2018

Heute lese ich in der neu angekommenen Joyce, Dossier Gemeinde. Ich versinke in diesem Thema, steht es doch ganz oben auf meiner Jahresagenda. Oh,oh,oh, so viele Bewertungen reichen sich da in mir die Hand und tanzen Ringelreihn um mein Echtheit suchendes Herz. Ich spüre die zwei Seelen in meiner Brust. Die Sehnsucht und Suche nach Echtheit und die Haltung der Überheblichkeit. Ich erkenne auch Hochmut. Indem ich bewerte, stelle ich mich über mein Gegenüber. Wie heißt es doch gleich – Hochmut kommt vor dem Fall. Puh!! Dem Demütigen aber gibt Gott Gnade.
Hier werde ich wieder mit den Niederungen meiner selbst konfrontiert . Es gibt so Etliches, für das ich um Vergebung bitte. Erkennen und bekennen, ein guter Weg. Trotzdem fühle ich mich mies.

25.02.2018

Auf dem Weg zum Gottesdienst erzähle ich meinem Mann von meinem Erleben und meinen Erkenntnissen der letzten Tage. Ich muss ein bisschen weinen. Da mischen sich wohl Selbstmitleid – und Bußtränen. Mein Schatz tröstet mich ( beim Autofahren gar nicht so einfach) und meint dann augenzwinkernd: „Hey, könnte es sein, dass du gerade dein Glashaus, aus dem die Steine fliegen, verlässt?“ Unter Tränen muss ich doch lachen. Recht hat er. Raus aus dem Glashaus, rein in’s „echte“ Leben!
Mir fällt das Bibelwort ein, wo man den Splitter im Auge des Nächsten sieht, aber den eigenen Balken nicht wahrnimmt. Ich glaube, indem ich mich auf das „Bewertung fasten“ eingelassen habe, habe ich Gott erlaubt, mir meinen/ meine Balken zu zeigen. Ich traue mich nur, diesen Fastenweg weiterzugehen, weil ich weiß, dass ich eben Brutto geliebt bin. Aber hoppla, mein Kopf weiß das sehr genau. Es rüttelt an der Kellertür und die Selbstbewertung ist da.

26.02. – 03.03.2018

Die letzten Tage waren nicht einfach. Die Selbstbewertung hat getobt und agiert. Ich habe mich mal vorsichtshalber versteckt.
Ärger über mich selbst, Scham und Selbstmitleid haben sich in meiner Gefühlslage abgewechselt. Mein Kopf weiß so viel von Angenommensein, Geliebtsein, Vergebung. In meinem Versteck war es aber dunkel. Ich konnte nur die glühenden Augen der Selbstbewertung erkennen. Sie haben mich angestarrt und ich fiel in die Schockstarre. Lähmung! Das Sickersystem Kopf Richtung Herz war außer Kraft gesetzt.
Ich konnte die letzten Tage nicht schreiben und auch mein Reden mit Gott war auf ein Minimum beschränkt.

Heute nun wieder Beginn eines Wandels. Zuversicht keimt auf. Ich kann andere, neue Gedanken denken. Gottes Treue kommt zum Tragen. So dieses „ wenn wir unsere Schuld bekennen, so ist Er treu und gerecht und rechnet uns unsere Sünden nicht mehr zu“ . Und wenn Er mir vergibt, kann ich mir (muss ich mir) selbst auch vergeben.
Und plötzlich wird es hell in meinem Versteck. Es ist, als hätte ich nur eine Decke über meinen Herzensantennen gehabt und die ist nun gelüftet.

Zum Hausputz gehört auskehren und lüften. Dieses Fasten ist für mich ein geistlicher Frühlingshausputz der besonderen Art.Tja, dies war ja nun nur ein kleiner Einblick. Sieben Wochen sind ganz schön lang. Es geht weiter, immer wieder zitternd und zagend, aber doch im Vertrauen auf Gott, der es gut mit mir meint!!!

2 Comments

  • Christina

    Liebe Petra! ich erkenne mich so gut wieder in deinen Beschreibungen. (und immer wieder, wenn ich denke ich bin eigentlich doch ganz ok stelle ich mir vor meine Gedanken würden sichtbar vor meiner Stirn ablaufen – oh weh!) Es zeigt mir wie sehr ich Gottes Gnade brauche, jeden Moment. Für mich und andere. Danke für diese Erinnerung und deine wunderbaren, lebensnahen Beschreibungen!!!

  • Sonja

    Liebe Petra, beim Lesen musste ich lachen (nur beim weissen Skianzug, die Kombination mit dem anbrechenden Frühling ist einfach köstlich) und mit den Tränen kämpfen. Deine Ehrlichkeit ist total berührend und überführend. So oft bin ich auch bewertend unterwegs. Dein Tagebuch wird mich innerlich noch weiter begleiten, ganz herzlichen Dank dafür!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.