
Thank you for travelling
Ich muss gestehen: ich fahre gerne Zug. Von allen mir zur Verfügung stehenden Reisemitteln, ist mir die Bahn am liebsten. Ich mag sowohl das verträumte Zuckeln eines Regionalexpresses, als auch das Fahren mit dem modernen Hochgeschwindigkeits-ICE, inklusive W-LAN und Kaffee an den Platz (Ja, diesen Service gibt’s inzwischen auch für die Arbeiterklasse).
Dieses Wochenende wars wieder soweit.
Morgens um neun steh ich auf dem zugigen Bahnsteig und steige strahlend in den rundgelutschten, zäpfchenförmigen InterCityExpress. Ich fühle mich weltmännisch, unabhängig, abenteuerlustig und sehr erwachsen.
Nur Minuten später ist meine Laune im Keller und ich bereue zutiefst, keinen Sitzplatz reserviert zu haben. Woher kommen nur all diese Menschen? Über den meisten Plätzen leuchten Reserviert-Schildchen, hinter mir drängeln Leute, vor mir sortieren Personen sich und ihr Gepäck in die Sitzreihen. Es ist laut, hektisch und unterschwellig aggressiv. „Dieser Fensterplatz ist aber meiner!“ Wie im Kindergarten.
Ich stelle einen Teil meines Gehirns zum Gebet ab (in der Hoffnung, dass mich das von einem gereizten zu einem netten Menschen werden lässt) während der andere Teil versucht zu erfassen welche Reservierung erst später auf der Fahrt gebraucht wird, so dass ich mich erst mal setzen kann und aus dem Weg bin. Schließlich werde ich in ein Miniabteil mit drei weiteren Frauen gespült. Keine von uns weiß, ob wir berechtigt sind uns hier aufzuhalten. Gleichzeitig hat keine Lust, diese Oase der Stille wieder zu verlassen. So lächeln wir alle höflich, hüllen uns in Schweigen und packen schon mal die Brotzeiten aus. Ich habe einen Platz am Fenster UND an einem Tisch ergattert und bin glücklich.
In meiner Reisetasche stecken die Unterlagen, die ich noch durchzuarbeiten habe. Die Fastenwoche ohne Perfektionismus gefällt mir von allen bisher am besten. Ich bin selbst überrascht, wie gut es geht – und wie sehr es mich entspannt. Ich gebe mein bestes und wenn das nicht reicht, dann kann ich mit den betreffenden Personen reden, was ich besser machen kann oder ob ich eventuell gar nicht der richtige Mensch für den Auftrag bin. Aber bisher hat es gereicht und den Leuten fällt zudem auf, dass ich viel weniger gehetzt wirke. Mir fällt es auch auf. Und dabei ist es noch nicht mal eine Woche. Verrückt.
Die Tür öffnet sich bei einem Halt und zwei Frauen strecken die Köpfe herein. Sie hätten hier drin reserviert. Es sind noch zwei Plätze frei und ich muss mich stark beherrschen mich nicht an meinen Sitz zu klammern und ‚aber nicht den hier, dieser Fensterplatz ist meiner!‘ zu rufen. Geht aber alles gut, ich darf sitzen bleiben.
Zwei Stunden später fahren wir mit wenigen Minuten Verspätung in den Bahnhof ein, wo ich umsteigen soll. Mein Zug wartet am Gleis gegenüber. Das ist das Schöne an ICEs, die warten aufeinander. Perfekt. Ich eile mit noch ein paar Fahrgästen über den Bahnsteig und drücke auf den Türöffner. Nichts. Kaputte Tür erwischt? Am Zug entlang stehen hektisch knopfdrückende Menschen. Keine der Türen öffnet sich. Hinter mir ertönt die Stimme eines jungen Mannes in majestätischer DB-Uniform. „Der ist schon weg.“
Ich muss ihn wohl mit wenig intelligentem Gesicht angesehen haben, denn er wiederholt in langsamen und etwas lauterem Deutsch: „Der Zug…der ist schon weg.“
Ich starre verständnislos zwischen der Uniform und dem Zug hin und her. Letzteren kann ich nicht nur deutlich sehen sondern unter meiner rechten Hand auch spüren. „Ich bin mir sehr sicher, dass der Zug noch da ist.“, versuche ich es zaghaft. Da fährt der Zug an und ist nur Sekunden später verschwunden.
Der Mann in Uniform lächelt überlegen und wendet sich ab. In mir brodelt etwas nach oben, färbt mein Gesicht rot, meinen Blick schwarz und lässt Mordgedanken aufpoppen; viel zu schnell und zu detailliert um sie fromm zu unterdrücken. Während ich um Fassung ringe, bricht auf dem Bahnsteig wütender Tumult aus. Die Leute sind sauer. Ein junges Mädchen neben mir hat ihr Handy gezückt und erklärt nun der Person am anderen Ende, was sie von der DB hält. Ich stelle mich ein wenig näher neben sie und nutze ihre vielfältigen und kreativen Kraftausdrücke, als stellvertretendes Ventil für meinen eigenen Ärger.
Ich hatte diese Fahrt so gut geplant. Hatte extra nicht den Zug genommen, der mich ohne Umsteigen ans Ziel gebracht hätte, da der 30 Minuten später angekommen wäre. Es war mir wichtig pünktlich bei dem Termin zu sein. Guter Eindruck und so. Ich wäre fast minutengenau dort aufgetaucht…perfekt eben.
Seufzend muss ich grinsen. Gehört das auch zu Perfektionismus? Auch jetzt mit der Verspätung werde pünktlich zum Sitzungsbeginn ankommen, nur das Essen verpasse ich vielleicht. Kein Weltuntergang…aber eben nicht das, was ich wollte. Ich lehne mich an eine Säule, gehe kurz in mich. Dann greife ich zum Handy, gebe durch, dass ich mich verspäten werde (was wie erwartet kein Problem ist) und beschließe mit Jesus noch einen Kaffee trinken zu gehen. Eine Stunde hab ich Zeit, bis der nächste Zug kommt. Uns schließt sich eine Frau an, die das gleiche Reiseziel hat wie ich. Am Ende der Zwangspause sind die Frau und ich per du und ich um einige lustige und spannende Lebensgeschichten reicher.
Pünktlich komme ich nicht mehr, aber rechtzeitig, sogar Essen bekomme ich noch. Und da die Gespräche schon am Laufen sind, fällt es mir leicht, erst einmal anzukommen und entspannt zuzuhören. Das Wochenende wurde dann noch spannend, produktiv und herzlich, mit wunderbaren und interessanten Menschen, guten Themen und tollem Essen. Irgendwie perfekt.
One Comment
Vorgärtnerin
Hahahahahaaa!
Der Zug ist schon weg!
Da hätte ich gern neben dir (und dem Zug) gestanden!!!