alltägliches,  Kindheitserinnerung,  zurück zu Jesus

Wind & Gebet

Ich glaube, alles begann mit den Spaziergängen ‚am Hang‘. Der Hang, das war eine geteerte Straße, die hinter dem Haus meiner Eltern aus der Ortschaft hinaus und auf die Felder führte, sich gabelte um sich dann schließlich auf einem Schotterweg im Wald zu verlieren. ‚Ninnern Hang‘ (dt. ’nach Hinten zum Hang‘) gingen meine Eltern gerne, wenn sie sich nach dem Essen ein wenig die Füße vertreten wollten oder um sich vom Wind durchpusten zu lassen. Denn am Hang war es immer windig. Die Straße verlief – trotz der Namensgebung – erstaunlich eben und das einzig aufregende waren die Felder die je nach Jahreszeit anders aussahen, aber irgendwie meistens gleich rochen, nämlich nach Kuh.

Ich mochte den Hang. Vor allem aber mochte ich es, wenn wir von dort wieder zurück kamen. Wenn das Gesicht rot vor Kälte war und die Wohnung so angenehm warm. Das Spazieren selber war nicht so meins. Wenn ich ehrlich bin, dann war spazieren bis vor zwei Jahren noch das Unwort für mich und ich habe mich dieser Tätigkeit kategorisch verweigert. Wenn mein Mann mit mir raus wollte, fragte er meistens, ob wir nicht eine halbstündige Wanderung machen wollten. (Meistens wollte ich trotzdem nicht, denn auch wandern ist nicht so meins.)

Nun, wo ich nicht mehr joggen gehen oder Radfahren kann (mein Knie will immer noch nicht richtig), wird Wandern langsam zu einer Alternative. Auch die 30 Minuten Wanderungen. Wir wohnen zwar in einem Wohnsilo, aber man ist erstaunlich schnell auf den Feldern. Felder, die je nach Jahreszeit ihr Aussehen ändern. Und die erstaunlich wenig nach Kuh riechen. Aber den Wind gibt es auch hier. Und er fühlt sich vertraut an, wenn auch vielleicht nicht ganz so beißend. Wenn ich zwischen den abgeernteten und umgepflügten Feldern spazieren gehe, die Fäuste tief in den Jackentaschen vergraben, werden die Gedanken ruhiger. Das vertraute Gedankenkarussell dreht sich noch eine Weile, bevor es langsam zum Stillstand kommt. Die Bewegung meiner Beine in Verbindung mit dem Wind im Gesicht fühlt sich vertraut an, so als würde der zeitliche Abstand zur Vergangenheit schrumpfen, bis nur noch eine dünne, fast durchsichtige Wand als Trennung zwischen mir und meinem jüngeren Selbst steht. So nah und doch unerreichbar.

Vor einiger Zeit habe ich geschrieben, dass ich mich auf eine Gebetsreise machen möchte. Ich möchte wissen, was es mit dem Gebet auf sich hat, möchte dem Geheimnis näher kommen. Angetrieben von Sehnsucht nach Nähe zu Gott, nicht aus einem Pflichtgefühl heraus. Diese Reise hat damals begonnen und auch wenn ich nur langsam vorwärts gehe, geht es doch voran. Schritt für Schritt. Buchstäblich in diesem Fall, denn die Zeiten zwischen den Feldern sind für mich zu einer neuen Möglichkeit geworden. Sobald der Kopf still ist, beginne ich (momentan noch zaghaft) zu fragen. Ich beginne all die Fragen loszuwerden, die mich beschäftigen, über Dinge die ich nicht verstehe und die ich doch nur zu gerne begreifen würde.
Manchmal sind es ganz einfache aber tiefe Fragen, verletzlich und echt. „Liebst du mich? Wie sehr liebst du mich?“
Manchmal sind es Fragen, die schon lange an mir nagen und bei denen ein Schrei meinen Hals hochkrabbelt. Wie die Fragen nach dem Leid im Leben einer Freundin, die aufgrund einer psychischen Erkrankung zurück zu ihren Eltern ziehen musste und die doch nichts sehnlicher will als gesund und frei zu sein. Wieso hat Jesus sie noch nicht geheilt, er könnte doch!
Und manchmal ist es einfach nur die stumme Frage, ob Jesus mir etwas sagen möchte.

Ich kann nicht behaupten, dass ich auf alle Fragen eine Antwort bekomme. Gerade auf die Fragen nach Leid oder dem Warum bleibt es oft erstaunlich ruhig. Allerdings bin ich auch hier meist so emotional, dass ich gar nicht richtig zuhören will. Aber alleine der Prozess des Fragens ist neu für mich. (Ich bin mehr ein Klage-Beter; der danach schuldbewusst eine Danke-Sequenz anhängt…oder vorschiebt, je nachdem wie schnell es mir einfällt.) Das Fragen und das Hören hat einen neuen Prozess in mir angestoßen. Es ist gar nicht so leicht zu lauschen. Aber Übung macht den Meister. Perfektionismus ist bei Gebet wohl nicht angebracht.

Und wenn ich dann durchgepustet und mit rotem Gesicht nach Hause komme, angenehm ruhig und doch voller Erwartung, dann schmeckt die heiße Schokolade gleich doppelt so gut.

2 Comments

  • Christina

    Und schon hast du mich zu einem Spaziergang über die Felder motiviert:-). DANKE. (hab einen wunderschönen Sonnenuntergang gesehen den ich sonst verpasst hätte!).Ach und: genau so!Deine Worte sagen alles…. wie unglaublich, dass wir mit so einem Gott unterwegs sein dürfen! Ich schick Dir liebste Grüße!!!

    • Tine

      Und die Felder bei euch sind so schön (auch wenn ich fast nicht mehr rechtzeitig zu euch zurück gefunden hätte :lol:)
      Ein Kuss zu Dir und einen wunderschönen Feiertag!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.