Kindheitserinnerung,  zurück zu Jesus

Geliebt genug um mutig zu sein

Wenn ich über meine Kindheit schreibe, könnte man leicht das Gefühl bekommen, sie sei perfekt gewesen. Das war sie nicht. Neulich besuchte mich meine Schwester und während über einem Glas Wein der Abend zur Nacht wurde, kamen viele Kindheitserinnerungen hoch. Wir landeten bei dem Thema: „Ich liebe ja unsere Eltern, aber als Kind wollte ich nie so werden wie sie.“ (Was heißt: alt. Naja, und vielleicht noch so einiges andere.)

Das Thema brachte es mit sich, dass vor allem die anstrengenden Erinnerungen hoch kamen. Angefangen bei den kleinen Alltagsmomenten, die meine Schwester und ich uns anders gewünscht hätten, wie z.B. lieber einen lachenden und mit uns umhertobenden Vater zu haben, anstatt einen ständig arbeitenden, der viel zu schnell von der Lautstärke seiner Kinder genervt war und oft genug mit emotionaler Abwesenheit glänzte. Bis hin zu den großen Lebensentscheidungen unserer Eltern, die sie zwar oft in Frage stellten, aber nie den Mut fanden diese zu ändern. Wie zum Beispiel ein eigenes Haus zu bauen oder die Arbeitgeber zu wechseln.

Wäre ihr Leben anders verlaufen, wenn sie mehr Mut gehabt hätten? Manchmal denke ich über diese Momente im Leben unserer Eltern nach, die im Nachhinein Entscheidungsmomente waren.
Sie hätten ihr Leben ändern können. Aber sie haben es nie getan. Denn Änderungen kosten. Sie kosten Sicherheit, Energie und oft Geld. Und davor hatten unsere Eltern Angst. Denn so unbequem ein Leben auch sein mag, es ist wenigstens vertraut. Also fuhren wir jeden Urlaub an den gleichen Ort in Dänemark oder Österreich, was meine Eltern gleichzeitig liebten und hassten. Also zogen wir nie um, obwohl meine Mama gerne einen Garten gehabt hätte, den sie selbst gestalten wollte. Also blieben meine Eltern bei ihren jeweiligen Arbeitgebern, auch wenn sie die Sehnsucht längst in andere Richtungen zog. Ich weiß, dass sie sich, obwohl sie im Grunde glücklich waren, oft wie in einem Käfig fühlten.

Wie ist es bei mir? Als ich klein war, holte ich mir oft den schweren ADAC-Atlas meiner Eltern auf mein Bett, schlug wahllos eine Seite auf und fuhr mit dem Finger über die bunten Karten. Dann stellte ich mir vor, wie es dort wohl war…in Südamerika, am Nordpol oder in Schleswig Holstein. Und ich nahm mir vor, später Weltreisende zu werden. Mit einem Schiff mit Rädern unten dran, damit ich auch überall hinkomme.
Was ich werden wollte, wusste ich nicht so genau. ‚Was mit Menschen.‘, das hat man mir von Anfang an geraten. ‚Das kannst du so gut‘.

Vor zwei Wochen haben mein Mann und ich den Urlaub für 2019 gebucht. Wir werden wieder nach Dänemark fahren. Wieder an den gleichen Ort. Aber es ist okay. Wir wollen es so. Es ist kein enttäuschtes Aufgeben von Urlaubszielen, sondern Vorfreude auf die kuschelige Entspannungszeit. Ich habe festgestellt, dass ich gar keine Weltreisende bin, zumindest aktuell nicht. Ich lasse mir Reiseabenteuer gerne von anderen erzählen und ich träume auch gerne davon. Aber ich genieße die Sicherheit des Vertrauten um mich herum, damit ich mich in meinen inneren Welten verlieren kann. Das liebe ich.
Studiert habe ich was ‚mit Menschen‘. Dummerweise habe ich im siebten Semester festgestellt, dass ich zwar gut mit Menschen kann, das aber eigentlich gar nicht will. Das Umschwenken nach dem Studium war nicht leicht. Jahrelang war es eine Achterbahnfahrt, geprägt von Selbstzweifel und ziellosem Ausprobieren, während meine Mitmenschen Kariere machten. Aber ich habe nicht aufgehört, bis ich nun endlich das berufliche Leben lebe, das ich mag.

Zur Freiheit berufen zu sein bedeutet für mich zu wissen, wo ich hingehöre. Ich gehöre zu Jesus und ich habe hier meinen Wert. Er liebt mich, nicht nur emotional. Sondern er hat mit seiner ganzen göttlichen Entscheidungskraft sein Ja über mir ausgesprochen. Das ist mein Ankerpunkt. Und das gibt mir den Mut Dinge zu ändern und auszuprobieren, weil das Wichtigste in meinem Leben sicher ist. Es ist dennoch nicht immer leicht, denn die Prägung meiner Eltern, die sie unfreiwillig an uns Kinder weitergegeben haben, wirkt wie eine Handbremse. Aber ich habe einen freien Willen. Ich darf mein Leben gestalten. Und inzwischen darf ich sogar anderen dabei helfen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. Es macht mir riesigen Spaß, zu sehen, wie andere frei werden, ihren Platz suchen und anfangen zu blühen. Vielleicht mag ich es ja doch ‚was mit Menschen‘ zu machen.

Ach: In Dänemark fahren wir diesmal in ein anderes Haus. HA! Abenteuer!

4 Comments

  • Bettina

    Liebe Tine,
    Darf ich dich mal fragen, was du jetzt beruflich machst?
    Irgendwo habe ich kürzlich gelesen , du wärst hauptamtlich ehrenamtlich tätig. Was heißt das?
    Interessiert mich, weil ich momentan auch vor allem für die Gemeinde arbeite – ohne Geld….
    Liebe Grüße von Bettina

    • Tine

      Hallo liebe Bettina, klar darfst du fragen 🙂

      Ja, das was du gelesen hast ist richtig. Ich habe eine Stelle in unserer Gemeinde, die allerdings unbezahlt ist. Das ist in Deutschland etwas schwierig, denn unbezahlt = Hobby = keine Arbeit. (Kennst du sicher, fühlt sich furchtbar an. Daher haben wir nach einer passenden Bezeichnung gesucht und kamen auf: hauptamtlich ehrenamtlich.)
      Die andere Hälfte meiner Zeit verbringe ich mit Schreiben, Workshops und Vorträgen. (Das ist eigentlich mein Hobby, darüber verdiene ich aber Geld, also ist es Arbeit.)

      Mir kommt grad ne Idee für den Text nächste Woche. 😉

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