Kleine Abenteuer

Von der Idee Grenzen zu sprengen

Eigentlich war dieser Text gar nicht als Blogbeitrag gedacht, sondern als persönliche Geschichte. Sollte meine Nichte später mal fragen, was ihre Tante so für ein Mensch gewesen ist, dann kann sie diese Geschichten lesen. Aber jetzt bin ich gerade so zappelig und fühle mich irgendwie allein und möchte alles teilen. Wie schön, dass ich euch habe.


Manchmal im Leben erwischt einen eine lustige Idee. Lustige Ideen kommen meist unangekündigt. Und sie springen einen gerne an, oft von hinten, so dass man sich richtig arg erschrickt. Und wenn einen so eine Idee überrumpelt hat, ist man plötzlich der Überzeugung, sie sei die beste aller Ideen, die jemals ein Mensch hatte.
Erzählt man einem lieben und vernünftigen Menschen von dieser Idee, dann bekommt man gesagt, dass das eine sehr blöde Idee ist und man es lassen soll.

Ein Beispiel: Den Fahrradlenker mit überkreuzten Armen anfassen und schauen ob das gut funktioniert.

Es gibt aber in jedem Freundeskreis (mindestens) einen Menschen, der statt „Du spinnst ja.“ sagt: „Hört sich gut an, ich mach mit.“ Solche Menschen nennt man dann beste Freunde.

Bei mir sind diese Menschen Ruth und Sven. Es ist ziemlich egal mit welcher absurden Idee ich um die Ecke komme, mindestens einer von den beiden fängt schon mal an konkret zu planen.

Nun bin ich von Natur aus ein elendiger Feigling. An den meisten Tagen reicht mir schon ein Gang in den Keller, um meinen Abenteuerhunger vollends zu befriedigen.
Fast elf Jahre bin ich nun mit Jesus unterwegs. Und seitdem bin ich mutiger geworden. Ich mag gefährliche Abenteuer zwar immer noch am liebsten, wenn sie zwischen zwei Buchdeckeln stattfinden und meine Definition von wilder Party hat eher was mit einem Glas Rotwein, einem verregneten Abend und dem freien Zugriff auf die e-books meiner Bücherei zu tun, als mit rausgehen und um die Häuser ziehen.

Doch ich folge einem Gott der einen gerne mal aus dem Boot auf’s Wasser ruft. Das heißt, dass er einen aus der Komfort-Zone holt und einen herausfordert. Das hat mir lange Zeit nicht gepasst. Doch Gottes liebevolle Hartnäckigkeit kommt, zumindest bei mir, früher oder später an ihr Ziel. Der Rahmen, in dem ich mich früher bewegt habe und dessen Grenzen durch meine Ängste definiert war, wird weiter. Die Welt wird größer. Das ist ein wunderbares Gefühl.
Und inzwischen finde ich einen ersten zarten Gefallen daran, Angstgrenzen zu sprengen.

Vor drei Monaten kam sie dann, die neueste Idee. Und zwar überfiel sie mich, als ich gerade im Internet unterwegs war, auf der Seite einer Gartenschau. Ich wollte ein bisschen Blumen gucken. Aber die haben auf dieser Gartenschau nicht nur Blumenbeete angelegt, sondern auch Wanderwege. Und weil in der Gruppe wandern am schönsten ist, organisiert der Wanderverein ein Gruppenevent, stand da auf der Seite.
75 Kilometer in 24 Stunden. Start: 18 Uhr, Ende 18 Uhr des Folgetages. Stirnlampe wird empfohlen, ist ja zwischendrin Nacht.

Die euphorische Idee mitzumachen, hat mich schlichtweg überrannt.
Meine Freunde sagen mir, dass es seine sehr dumme Idee ist. Nur Ruth und Sven sind begeistert. Leider muss Sven arbeiten, aber er wird nächstes Jahr was ähnliches machen, aber Ruth hofft, dass sie frei bekommt. Da hilft auch das wilde Vogelzeigen meines Mannes nichts: Wir gehen wandern. Mein Mann kauft seufzend Powerriegel und Blasenpflaster für eine halbe Armee ein. Außerdem habe ich jetzt zwei Stirnlampen, obwohl ich nur einen Kopf habe. Aber ich habe ja zwei Augen, und nun auch für jedes eine Beleuchtung.


Soweit zur Geschichte. Einen Tag vor der Wanderung sieht es so aus:

Morgen ist die Wanderung…wieso ist die schon morgen??…Gestern war die noch in drei Monaten…Bin mir nicht mehr sicher, ob die Idee wirklich so brillant war….vielleicht war’s auch einfach ne blöde Idee…Wieso muss mein Mann immer recht haben…Ruth muss doch arbeiten…Sven plant für’s nächsten Jahr…hätte ich mal darauf gewartet…Dass ich auch nie warten kann!!…Was ist nur los mit mir?…Ich will nicht allein…Nachts ist es halt schon sehr dunkel…im Wald bestimmt noch mehr als im Keller…Ich war noch niemals in meinem Leben 24 Stunden am Stück wach…wozu auch…ich schlafe meistens gut…Jesus schläft nie…im Wald wäre er dabei…er kennt den Wald, hat ihn ja gemacht…und die anderen Menschen hat er auch gemacht…Ich weiß nicht ob ich mit fremden Menschen wandern gehen will…am Ende reden die noch mit mir…Oder keiner redet mit mir…vielleicht finden die mich alle blöd!…Ich will nicht, dass die mich blöd finden, die sollen mich mögen!…Alle!…Ich würde sogar die Kartoffelsuppe vom ersten Versorgungsstand teilen…ich mag Kartoffelsuppe…und ich mag eigentlich auch mal Nachts im Wald sein…Ein bisschen heimlich Herr der Ringe spielen…vielleicht hänge ich meinen Ehering an meine Halskette…natürlich nur, weil die Finger beim Wandern immer so dick anschwellen…Und dann trage ich treu den Ring in’s Ziel…darf ihn dann halt nur nicht in die Holzkohle vom Grill werfen…aber 75 Kilometer sind weit…Ich bin noch nie so weit gelaufen…Und ich hab nicht mal nen Samwise, der mich tragen könnte….Wahrscheinlich ist es lächerlich zu glauben, dass ich das schaffen kann…Im Internet sagen sie, dass man einen starken Willen braucht…Aber ich hab nur zwei Stirnlampen…Und Angst hab ich, mal wieder…die wird mit jedem Tag größer…Besser ich bleibe zu Hause…einfach nicht hingehen…aber ich will mich doch nicht mehr von meiner eigenen Angst einschüchtern lassen…oh man, schon morgen…wie kommen diese Ideen nur immer auf mich?

13 Comments

    • Tine

      Oh Ellen, das wäre schön! Dann hätten wir ganz lange Zeit uns kennen zu lernen. Nach der Hälfte der Strecke wahrscheinlich von der schlechtesten Seite, aber dann hätten wir das wenigstens auch schon durch 😆

      Mal sehen, vielleicht kann ich Donnerstag Abend ein paar Bilder reinstellen.
      Sei ganz lieb gegrüßt!
      Tine

    • Tine

      Ach Elke, du Treue. 🙂
      Versuche mich gerade damit zu beruhigen, dass ich ja jederzeit heim kann. Wenn die anderen Kinder gemein zu mir sind, spiele ich einfach nicht mehr mit.
      Dann esse ich denen noch den nächsten Versorgungsstand leer und fahre mit dem Shuttlebus nach Hause. So.

  • Dorothee

    Liebe Tine, ich finde das total klasse, dass du das machst. Ich bin gespannt auf deinen Bericht. Mein Schwager ist ehrenamtlicher Wanderguide und ist so eine Wanderung vor Wochen einmal vorgegangen und eine Woche später hat er die Wanderung durchgeführt. Da hat er meinen totalen Respekt gehabt. Wenn du sagst, dass du das machst, werde ich es mir mal überlegen ob ich nicht auch mal meinen inneren Schweinehund überwinden will. Wandern tu ich gerne und ich schaue auch, dass mein Schrittzähler jeden Tag mindestens 10000 Schritte zeigt aber was du vorhast ist ja eine ganz andere Kategorie. Sei gesegnet und ich freue mich auf deinen Bericht.
    Viele Grüße Dorothee

    • Tine

      Hallo Dorothee,
      er ist die Strecke zwei Mal gegangen! Wow.
      Ich finde es so toll, dass sich Leute ehrenamtlich diese Mühe machen und dann auch noch ne Gruppe leiten.
      Mit 10000 Schritten bist du aber sehr gut dabei; da könntest du auf jeden Fall mit.

      Dann melde ich mich diese Woche nochmal und sag wie es war. Unabhängig davon, ob ich in’s Ziel komme. 🙂

  • Vera

    Du wirst es nicht bereuen und hast nichts zu verlieren. Im schlimmsten Fall lässt Du Dich eben vom shuttle- Bus mitnehmen und hast es zumindest probiert. Wäre selbst auch gerne dabei. Allerdings erweitere ich meine Grenzen gerade durchs Training für einen Halbmarathon, was mir lange Zeit immer unmöglich schien. Mal sehen, wie es mir dann im September am Start geht. Bin gespannt auf Dein Erzählen.
    Grüße von Vera

    • Tine

      Oh Vera, wie toll, dass du dich an den Halbmarathon wagst! Das ist mit dem ganzen Training und der Vorbereitung nochmal ne ganz andere Hausnummer. Würde ja am liebsten Mäuschen spielen und zugucken. Viel Erfolg und Spaß beim Grenzen verschieben!

      Und du hast natürlich recht: verlieren kann ich nichts. Das muss ich mir jetzt nur noch bis morgen merken. 🙂

  • Dorothee

    Ja bitte, melde dich nochmal, ich freue mich über deinen Mut und glaub mir, mein Schwager hat jetzt schon einige Jahre Erfahrung. Er hat diese ehrenamtliche Ausbildung nach einem Burnout gemacht und ist nun sehr dankbar, dass er Leuten etwas bieten kann. Er hat sich mit den Jahren gesteigert. Einmal im Monat bietet er eine dreistündige Abendwanderung an, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Ich freue mich auf jeden Fall zu lesen wie es dir ergangen ist, vielleicht werde ich dann auch so mutig wie du und trau mich an sowas ran.

  • Becks

    RESPEKT, meine Liebe! Du bist ja wirklich herrlich verrückt. Ich hatte am Sonntag nach 5 km schon keine Lust mehr neben dem begeisterten kleinen Radfahrer (hat er gerade erst gekernt) zu spazieren und war ganz froh, dass dann noch ein Spielplatz kam 😆
    24 h Laufen – niiieeeemals würde mir das einfallen. Bin so gespannt, was Du erzählst! Viel Spaß!!!

    • Tine

      😆 Ich glaube ja, dass neben einem kleinen Rennfahrer herzulaufen eine ganz andere Hausnummer ist. Da bin ich mir nicht sicher, wer von uns die größere Herausforderung angenommen hat.

      Freue mich auf morgen und auf deinen großen Tag!

  • Annette

    Liebe Tine,
    voll cool, dass du dich zur 24h-Wanderung angemeldet hast! Wie ist es dir ergangen? Lebst du noch? Ich bin ja so gespannt, was du berichten wirst. Ich hatte es mir nämlich auch schon überlegt, mitzumachen, habe aber niemand gefunden, der ähnlich verrückt war wie ich … 🙂 Jedoch hätte ich es wohl erst mal mit den 12 Stunden versucht! Liebe Grüße von Annette

    • Tine

      Hallo Annette!
      Vielleicht können wir nächstes Jahr ja zusammen gehen. Auch wenn ich mir während der Nachtetappe geschworen habe, das NIE WIEDER zu machen. 🙂 Aber kaum sind die Blasen an den Füßen weg…hach. Ja komm, lass uns das für’s nächste Jahr überlegen. Vielleicht mag Vera noch mit und Dorothee. 8)

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