Dankbarkeit,  Gedankenflug,  zurück zu Jesus

Schritt für Schritt

Letzte Woche durfte ich ein Seminar über den Titusbrief besuchen. Den Kopf immer noch voll von den Eindrücken der durchwanderten Nacht, war ich nicht sonderlich erpicht darauf, mir schon wieder neuen Input zu holen. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass ein wenig Fokus auf die Bibel Klarheit in die aufgewühlten Gedanken bringen könnte.

Im Titusbrief gibt Paulus dem jungen Titus Hilfestellungen, wie er die Gemeinden auf Kreta fit für ein Leben mit Jesus machen kann. Unter anderem soll Titus die Leute erinnern. (Titus 3,1).

Erinnert wird man dann, wenn man etwas eigentlich schon weiß, aber dieses Wissen nicht im Leben präsent ist. Durch das Erinnern kommt das Wissen wieder in den Fokus, kann eingeübt werden, bis es zu einer etablierten Gewohnheit geworden ist.
Zum Beispiel muss ich daran erinnert werden, dass ich dazu aufgerufen bin zu verzeihen, unabhängig von meinem Charakter oder Temperament.
Mit dem Erinnern, beginnt dann das Üben. Meist startet es mit der Entscheidung verzeihen zu wollen. Und das macht man dann so häufig und unter Gebet, bis die Gefühle nachrücken und man wirklich von ganzem Herzen vergeben kann. (Soweit zur Theorie. Ich melde mich, wenn es für mich nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel ist.)

Das Leben mit Jesus bedeutet ständigen Wachstum und sich-weiter-entwickeln. Diese Entwicklung geht leider nicht über Nacht. Zwar kann Gott Wunder tun und Menschen schlagartig verändern – manchmal tut er das auch. Manchmal schenkt es Gott, dass wir sofort und vollständig vergeben können. (Wie ich diese Momente liebe.) Aber der normale Prozess ist ein langsamer Wachstumsprozess. Schritt für Schritt werden wir Gott ähnlicher. Schritt für Schritt lernen wir, erinnern wir uns, üben wir. Jeder an seiner aktuellen Front.

Und an diesem Punkt des Seminars, fielen ein paar Puzzelteile an ihren Platz. Ich denke, das war die Hauptlektion, die ich im Wald erfahren und an der ich so zu knabbern hatte/habe: Es geht nur schrittweise voran. Man kommt dem Ziel nur schrittweise näher. Zwar kann man sich versuchen wegzuträumen oder man kann sich ausmalen, wie wunderschön es wird, wenn man den nächsten Streckenposten erreicht hat, etwas zu trinken bekommt und sich setzen darf. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass man in der Gegenwart Schritt für Schritt laufen muss. Es gibt keinen 3-minütigen Zusammenschnitt der nächtlichen Kämpfe mit hinterlegter Rockymusik.
Stehenbleiben ist auch keine Option, denn wenn man aufhört zu laufen wird es zwar erstmal entspannter, aber man kommt halt auch nicht mehr voran.

Im Wald gab es nur Gegenwart. Ein Schritt vor den anderen. Keine Tricks, keine Abkürzung. Manchmal hatte ich das Gefühl überhaupt nicht voran zu kommen und die Verzweiflung schlug zu. Der Weg scheint so weit. Man weiß nicht, was die Strecke noch bringt und wie das Wetter wird, wie sich die Schmerzen in den Füßen weiter entwickeln und wo zum Henker man mit den vielen Gedanken hinsoll, die plötzlich bleischwer im Kopf sind.

An einem Punkt hat mir ein Mitwanderer, mit dem ich mich angefreundet hatte, angeboten, mir meinen Rucksack ein Stück zu tragen. Er macht solche Touren regelmäßig, der Rucksack sei nicht schwer und bei der Armee in der er lange gedient hatte, wäre das üblich.
Ich habe abgelehnt, weil es mir peinlich war und mein Stolz nicht auch noch so schmerzen sollte wie meine Zehen.

Vielleicht hätte ich annehmen sollen. Vielleicht sollte ich es in der Gemeinde öfter annehmen, wenn mir Menschen ihre Hilfe anbieten. Oder Gebete, in denen sie meine Lebenslasten teilen und mir den schweren Rucksack eine kurze Zeit abnehmen.
Wir sind in einer Gruppe unterwegs. Christen sind keine Einzelkämpfer und Gemeinde keine Idee von Menschen. Unabhängig davon, wie sich die Gemeinde vor Ort organisiert, wie und wo man sich trifft und wie viele Menschen um einen herum sind: andere Christen, Weggefährten sind wichtig. Zum Erinnern. Zum Lasten teilen. Zum gemeinsam unterwegs sein. Schritt für Schritt Jesus hinterher. Schritt für Schritt wachsen, sich verändern, aufblühen.

Und schließlich können wir (hoffentlich) mit C.S. Lewis sagen:

„Isn’t it funny how day by day nothing changes, but when you look back everything is different?“

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