Angst,  Bibel

Angst

Heute Morgen kam sie wieder, die Angst. Es ist ungewöhnlich, dass sie sich bei Helligkeit an mich heranschleicht. Doch diesmal tut sie es. Nachts war sie nicht zu spüren. Da habe ich mich noch, friedlich vor mich hin schmatzend, umgedreht und dem nächtlichen Regen gelauscht, bevor ich weiterschlief. Doch jetzt, wo ich dabei bin die Füße aus dem Bett zu schwingen und den Tag anzupacken, greift sie nach mir. Sie erwischt mich unerwartet.

„Du schaffst das nicht.“ Die Stimme in meinem Hinterkopf ist kalt und emotionslos. Vielleicht schwingt ein Hauch von Geringschätzung darin. „Du schaffst das alles nicht.“ Ich lasse mich zurück in die Kissen fallen. Versuche ruhig zu atmen. Versuche in Gedanken durchzugehen, was ich heute alles machen möchte und machen werde. Weil ich es kann. Weil ich Dinge schaffen kann. Doch die Gedanken wollen sich nicht recht ordnen lassen. Alles fliegt durcheinander. Die kleinen und großen Aufgaben. Die wichtigen und die nebensächlichen. „Ich schaffe das nicht.“

Ich presse meine Hände auf die Augen und versuche mich zu konzentrieren. Fantasien von enttäuschten Gesichtern flimmern über die Innenseite meiner Lider: Freunde, Fremde, ich selbst, Jesus. Alle sehen sie mich schweigend und enttäuscht an. Enttäuscht, weil ich versagt habe. Weil ich nicht gut genug, nicht engagiert genug, nicht ausdauernd genug war.

Ich hole das Bild von Jesus noch einmal zurück. Seine Augen sind traurig. Enttäuscht wendet er sich ab.

Ich zwinge mich hinzusehen. Und dann sage ich mir laut und deutlich (naja…innerlich deutlich…äußerlich genuschelt): Lüge. Ich weiß, dass es eine Lüge ist. So wie ich ihn gerade gesehen haben, so ist Jesus nicht. Auch wenn es in meinem emotionalen Zustand durchaus Sinn ergibt, dass Jesus sich abwenden würde, weiß ich, dass er es niemals tun wird. Er hat es versprochen. Er hat es sogar aufschreiben lassen. Er hat sich festgelegt.

Er hat gesagt: »Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen.«

(Hebr. 13,5b)

Gott antwortet: »Kann eine Mutter ihren Säugling vergessen? Bringt sie es übers Herz, das Neugeborene seinem Schicksal zu überlassen? Und selbst wenn sie es vergessen würde – ich vergesse dich niemals!

(Jes. 49,15)

Gott ist nicht enttäuscht. Es ist eine Lüge die mir meine inneren Stimmen einflüstern wollen. Eine Lüge, die ich lange geglaubt habe.

Mein Studienleiter hat darauf bestanden, dass wir bestimmte Bibelverse auswendig lernen. Ich fand das völlig übertrieben, immerhin bin ich keine fünf mehr. Aber nun bin ich froh. Dankbar, dass ich, noch immer die Augen geschlossen, auf wichtige Verse zugreifen kann, die sich zuerst in meinen Kopf und auch nach und nach in mein Herz eingegraben haben.

Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland. Er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein, er wird dir vergeben in seiner Liebe und wird über dich mit Jauchzen fröhlich sein.

(Zefanja 3,17)

Ich bin geliebt. Ich bin wertvoll. Ich bin gesegnet. Das alles ist nicht von meiner Leistung abhängig, sondern allein von Gottes Entscheidung. Und er hat sich für mich entschieden. Wer etwas anderes sagt, der lügt.

Es dauert dennoch einige Zeit, bis ich aufstehen kann. Beten mag heute Morgen auch nicht richtig klappen. Also hänge ich mich innerlich an Jesus, schniefe ein wenig und verhalte mich wie ein Kind, das Albträume hatte. Lasse mich trösten.

Versuche lieb zu mir zu sein und langsam zu machen. Heute gibt es mehr Kaffee als sonst. Und eine extra große Kanne Tee dazu. Heute werde ich nicht sonderlich produktiv sein. Aber das muss ich auch nicht. Heute Morgen hat meine Seele eine Schlacht gegen die Angst geschlagen. Und ich bin ein bisschen stolz, dass sie nach dem Schwert Gottes als Waffe gegriffen hat. Es wird.

4 Comments

  • Judith

    Liebe Tine,
    danke für deine Offenheit! Es hilft mir zu sehen, dass andere Menschen auch innerliche Kämpfe auszufechten zu haben!
    Liebe Grüße
    Judith

  • Hannabelle

    Liebe Tine, das kenne ich nur zu gut! An manchen Tagen ist sie da die Angst, Angst, Angst… einfach so, und kein inneres verstandesmäßiges Dagegenreden hilft, sie frisst alle anderen Gefühle und lässt nichts anderes zu… ES IST ANSTRENGEND. Ich glaube, das kann niemand verstehen, der solche Zustände nicht in diesem Ausmaß kennt… Vor 20ig Jahren bin ich davon ausgegangen, dass jetzt bald alles gut wird, Gott mich jetzt heilt und alles wird demnächst wieder easy, jetzt wo ich ihn kenne… Nun bin ich 43 u es gibt sie immer noch, diese Tage –> mehr als mir lieb wäre. Er ist anders drauf, als ich damals dachte… Eins steht fest: JA, er heilt mich, UND er IST treu!!! Aber: Er hat ganz andere Maßstäbe und Zielvorstellungen, wo ER mich hinbringen will, und für alles hat er EXTREM viel Zeit! Äußere Maßstäbe scheinen ihn dabei nicht sonderlich zu interessieren. Mit einer Eselsgeduld und Ausdauer wirbt er um mein Herz, bis in den kleinsten, verborgensten Winkel, so scheint es mir. Daher ermutigt und tröstet mich, was ich von dir lese. Auch ich erlebe ihn ähnlich. Statt schwierige Gefühle oder Umstände von mir abzuhalten, nimmt er mich an der Hand, und begleitet mich wieder u wieder treu und voller Freude über mich und meine zaghaften mini Babysteps durch jedes noch so finstere, beängstigende innere oder äußere Tal. Und auch bei mir kristallisiert sich mittlerweile still und zart immer mehr diese sanfte innere Stimme heraus, die mich trotz allem ins Vertrauen, in die Erkenntnis, dass ich wirklich wirklich von ihm geliebt bin, SO wie er mich gemacht hat, zieht. Mit all meinen inneren Kämpfen. Es scheint ihm wichtiger als alles andere zu sein, dass ich wirklich, wirklich begreife, dass ich mich auf ihn verlassen kann, weil er mich niemals fallen lassen wird u bis zu meinem letzten Athemzug, trotz allem, restlos von mir begeistert und voller Liebe zu mir ist. In diesem Sinne staune ich gemeinsam mit dir über unseren genialen Gott, der so so anders tickt, als wir es menschlich meistens angehen würden… 🙂 Sei fett gesegnet und viele viele weitere liebevolle, himmlische Küsschen und Umarmungen dir!! Liebe Grüße aus Berlin, Hanna

    • Tine

      Vielen lieben Dank Hanna für deine Zeilen und dass du mich und uns mit in dein Leben schauen lässt. Es tut mir so gut diese Zeilen zu lesen und macht Mut weiter vorwärts zu gehen. Du hast so recht. Jesus ist mit dabei bei unseren Babysteps, ihm kann man vertrauen. Auch wenn die Lektionen dieser Vertrauensübungen manchmal ganz schön happig sind.
      Fühl dich fest umarmt, du wunderbare Frau.
      Tine

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