alltägliches,  Gedankenflug

Schreibmaschinengeräusche

Ich werde durch ein vertrautes Geräusch wach: das Klappern der Tasten einer elektrischen Schreibmaschine, das halb durch die Wand, halb durch das geöffnete Fenster meines Zimmers dringt. Es ist noch sehr früh. Die Vögel zwitschern schon, aber sonst ist alles leise und dunkel. Kein Verkehrslärm, keine Stimmen. Und nun ist auch das Klappern der Schreibmaschine verstummt. Ich brauche ein wenig, bis ich wach genug bin um mich zu erinnern, dass es gar nicht da war. Es war ein Geräuschfetzen, der aus einem Traum mit hinüber in die Realität gerutscht wird.

Meine schreibmaschinenschreibende Nachbarin ist in ein Altenheim gezogen und seitdem ist es still auf der anderen Seite der Wand. Jahrelang haben uns nur ein paar Zentimeter Beton getrennt. Es irritiert mich immer wieder, wenn ich mir bewusst mache, wie nah wir beieinander gelebt und sogar geschlafen haben. Seite an Seite. Sie hat viel geschrieben. Kleine Geschichten und Gedichte, in denen sie erlebtes verarbeitet hat. Einige von ihren Werken haben lokale Preise gewonnen oder wurden in der Stadtzeitung veröffentlicht. Vor allem aber hat sie Briefe geschrieben. Durch meine Nachbarin habe auch ich wieder angefangen Briefe zu schreiben. Und da sie eine sehr korrekte und feine ältere Dame war, hab ich auch erstmal gelernt, was man dabei formal alles falsch machen kann.

Sie hatte ihre Vorstellung vom Leben. Und sie hatte ihre festen Routinen. Zu einer gehörte, dass sie an bestimmten Wochentagen, direkt nach dem Aufstehen (also kurz nach vier Uhr morgens) Briefe schrieb. Und da ich einen sehr leichten Schlaf habe, wurde ich – mit der gleichen Regelmäßigkeit mit der sie schrieb – wach. Aber ich mochte das Geräusch. Und ich mochte es, davon wach zu werden – auch wenn es viel zu früh war. Mit der Zeit wurde das Tippen zu einem friedlichen Geräusch von Heimat. Und die Stunde in der ich wach lag, zu einer Stunde des Nachdenkens, Redens mit Gott (der ist ja auch schon immer so früh wach) oder einem entspannten vor sich hindösen.

Eine meiner liebsten Gedanken war mir vorzustellen, welche Geräusche es wohl im Himmel geben wird. Welche Geräusche werden wir da hören, die uns ein Gefühl von zu Hause vermitteln? Die uns ein Lächeln aufs Gesicht und Schmetterlinge in den Bauch zaubern werden. Die Gefühle auslösen, die wie warme Wellen durch unseren neuen Körper strömen und in dem tiefen Bewusstsein münden: Hier gehöre ich her.

Unser Leben hier auf der Erde ist eine Reise. Eine wilde, wundervolle und manchmal leider auch verletzende und schmerzhafte Reise. Aber eine Reise mit Ziel. Vieles auf dieser Reise habe ich so lieb gewonnen, ist mir so vertraut geworden, dass ich Zweifel bekomme, der Himmel könnte mir jemals das an zu Hause bieten, was ich hier kennen gelernt habe.
Doch dann fällt mir wieder ein, dass Jesus seit 2000 Jahren damit beschäftigt ist, mein und dein und unsere Zimmer vorzubereiten. So viel Mühe hat sich noch niemand für mich gemacht. Ich bin so gespannt. Und bis dahin werde ich weiter auf die Geräusche lauschen, die mir hier begegnen und sie dankbar in mein Erinnerungskästchen legen.

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