Gedankenflug

Es holt Schwung

Es ist einmal mehr früher Morgen. Es ist hell draußen und frisch. Ich atme noch ein paar Mal tief durch, bevor ich das Küchenfenster schließe. Heute sieht es richtig nach Frühling aus. Ein heller, freundlicher Tag. Und die Stadt wirkt friedlich.

Doch in mir drin ist es nicht friedlich. Ich fühle mich getrieben. Es fühlt sich an, als würde die Welt um mich herum tief Luft holen und zum Sprung ansetzen. Oder besser noch: zum Sturm.

Einmal war ich als Jugendliche auf einem Konzert. (<– Die Betonung liegt bei dem Satz auf dem ersten Wort.) Der Moment als die Türen zur Konzerthalle geöffnet wurden, war erschreckend. Plötzlich rannte alles los. Und man hatte nur eine Möglichkeit. Mitrennen.

Genauso fühlt sich diese Zeit gerade an. Als würden gleich die Türen aufgehen. Und alles spannt bereits die Muskeln an um losrennen.

Die Welt hat Corona satt. Ich auch. Vor allem stellvertretend. Stellvertretend für all die Alleinstehenden, die endlich wieder unter Menschen wollen, Spieleabende machen, Kinos besuchen, bis spät in die Nacht mit Freunden in einem Cafe sitzen. Stellvertretend für alle Eltern, für die Homeschooling zum Horrorwort des Jahrzehnts wurde. Und stellvertretend für die Kinder und Jugendlichen, die ihre Freunde über lange Zeit nicht sehen konnten.

Doch was bedeutet es für mich? Heute morgen stelle ich mir zum ersten Mal diese Frage. So wie damals bei dem Konzert. Als das Gerenne losging und mir plötzlich der Gedanke kam, warum ich überhaupt an diesen überfüllten Ort voller Fremder gegangen war. Die Frage sollte ich mir in den nächsten 2 Stunden noch öfter stellen. Und die Fragen: wo sind meine Oropax? Wo sind meine Freunde? Wo bekomme ich was zu trinken? Wie soll ich das bezahlen? Wo ist das Klo? (Klassiker) Und die Frage, die seitdem mein treuer Begleiter ist: Wann gehen wir heim?

Aaaber: ich schweife ab.

Was würde ein Ende des Lockdowns für mich bedeuten? Was vermisse ich wirklich? Es ist nicht so viel wie ich dachte. Und doch….

  • Ich vermisse Umarmungen. Ehrliche, liebevolle Umarmungen von meinen Freunden.
  • Ich vermisse Gottesdienste ohne Maske, dafür mit lautem, leidenschaftlichen und schrägem Gesang.
  • Ich vermisse Restaurantbesuche.
  • Und ich vermisse das Meer. Eine Zeit ohne Verpflichtungen, ohne Nachrichten, ohne Menschen. (Zugegeben…all das, bis auf das Meer, könnte ich auch zu Hause im Lockdown haben.)

Ja, ich sehne das Ende des Lockdowns herbei, wie wohl fast alle. Und trotzdem merke ich, dass ich mich in dieser Zeit den gefühlten Schwungholens seltsam verloren fühle. Fast als hätte ich verlernt, wie man sich im normalen Leben verhält. Wie man das macht, in überfüllten Cafes nach einem Platz zu suchen. Wie man das macht, wenn am Abend wieder verschiedene Termine sind, bei denen man nicht nur virtuell von der Couch aus anwesend sein muss. Vieles werde ich erst wieder neu lernen müssen. Und ein Teil von mir fürchtet sich davor.

Der restliche Teil will ans Meer. Es muss eben auch Konstanten im Leben geben.

4 Comments

  • Vera

    Kürzlich habe ich in der Zeitung eine passende Karrikatur gesehen, in der jemand mit Koffer, Taucherbrille- und flossen losrannte und der Arzt ihm hinterherrief, da er noch die Impfspritze im Arm stecken hatte. Ja, die Meisten sehnen sich wohl nach so etwas wie „Normalität“ (wobei ich mir vorstellen kann, dass Manches nie mehr so wird wie es vorher war). Genauso wichtig finde ich es jedoch nochmals bewusst hinzuschauen, was für mich selbst wirklich zählt oder vielleicht gerade in dieser besonderen Zeit wichtig geworden ist, zu fragen, ob man überhaupt alles wieder so möchte wie zuvor. So hoffe ich, dass diejenigen, deren Leben sich zwangsentschleunigt hat nicht so schnell wieder in ein Hamsterrad geraten und dass Dinge, die lange selbstverständlich waren wieder mit neuer Dankbarkeit betrachtet werden. Danke für Deine Inspiration, nochmals innezuhalten bevor vielleicht der ein oder andere run beginnt 😀

    • Tine

      Liebe Vera, danke für deine weisen Worte. Es ist immer so schön von dir zu lesen. Wenn ich ehrlich bin, dann fiebere ich auch schon auf unseren Urlaub und unser ‚Blind Date‘ im Sommer hin. Und ich versuche gerade vom Koffein los zu kommen, damit es mit dem Fasten auch klappt. Aaahhh. Gar nicht so leicht.

  • Hanna

    Liebe Tine, der 2. Blog-Kommentar meines Lebens, und wieder geht er an Dich 🙂 Du findest einfach Worte… HaHaHa… SO GENIAL! Auch bei mir müsste die Betonung auf dem ersten Wort liegen, definitiv, GRINS. In meinem Fall war es nicht die Rennerei am Eingang, sondern das plötzlich eintretende wilde Gepoke auf der Tanzfläche in deren Mitte mich leider meine 50% cholerischen Persönlichkeitsanteile vorschnell im ersten Begeisterungsflash gebracht hatten. Was soll ich sagen… ich fand mich panisch u überfordert am Fußboden zwischen lauter trampelnden Füßen wieder und wusste gar nicht, wie mir geschah… ES WAR TRAUMATISCH, mein Konzerterfahrungsbedürfniss war damit für meine melancholische Hälfte jedenfalls auf Lebenszeit aber SOWAS VON abgedeckt 😉 Liebste Grüße an Euch aus Berlin, Hannabelle

    • Tine

      Oh man Hanna, du arme! Auf dem Boden liegen, während die anderen Poken ist wirklich traumatisch! Gott sei Dank ist dir nichts passiert. Dann doch lieber die nächtlichen Berliner Straßenmusiker. Fühl dich fest gedrückt. Und danke für den 2. Blog Kommentar. 🙂

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