
Sommerflashback
Die Hitze flimmert in der Gasse. Irgendwo aus den Nachbargärten dröhnt ein Rasenmäher und der Geruch von frisch geschnittenem Gras weht herüber. Vermischt sich mit dem Geruch meiner Sonnencreme auf der Haut. Es sind diese Momente voller Gerüche, in denen mich die kurzen Flashbacks meist erwischen.
Fast meine ich, den Klang eines Transistorradios zu hören und das Lachen von Opa und Mama. Ich muss nur über die kleine Brücke gehen, deren Holz schon halb morsch ist, muss über den kurzen Schotterweg, vorbei an dem Garten mit dem Taubengehege, vorbei an der Hecke hinter der immer ein Hund bellt und dann nach links. Da ist der Garten meiner Großeltern. Die riesige Gartentür, die ich nie alleine aufbekomme. Die Beete voller Vergissmeinnicht, deren blau für immer meine Lieblingsfarbe bleiben wird. Barfuß über die Wiese – vorsichtig wegen der Bienen – bis unter den Kirschbaum, wo die Gartenstühle stehen, wo meine Familie sitzt und sich unterhält. Lächeln, Winken, das Wissen dazu zu gehören, zu Hause zu sein.
Die Limo im Gartenhaus, die es nur hier gibt und die nach Garten schmeckt. Der Brunnen, der so tief ist, dass man darin ertrinken könnte, weshalb ich nie alleine hin darf.
Es dauert nur so lange, wie ein Blitz dauert. Das Bild ist schnell wieder weg, aber es war intensiv genug, um sich wie ein Negativ in meine Gedanken zu brennen. Es flimmert nach, während aus der Gasse wieder die Gasse wird. Keine Brücke, kein Schotterweg. Soweit ich weiß, existiert beides nicht mehr. Die kleinen Schrebergärten wurden zu Baugrund erklärt, der Bach, der ohnehin mehr Sumpf war, ist längst trocken gelegt. Raum für neue Lebensgeschichten, die geschrieben werden können.
Ich biege in die kleine Einkaufsstraße ein. Spielende Kinder, alte Menschen, die auf Bänken im Schatten der Bäume sitzen und einen Moment ausruhen. So viele Leben. So viele Geschichten, Träume, Hoffnungen. Kurz überkommt mich der Wunsche, mich neben eine ältere Dame zu setzen und sie zu fragen, was ihre liebste Erinnerung ist. Einen kurzen Moment in ihre Geschichte einzutauchen. Mir die Bilder ihrer inneren Leinwand beschreiben zu lassen.
Ich traue mich nicht. Vielleicht verpasse ich damit eine Gelegenheit, einem Menschen den Raum zu geben einzutauchen und sich zu erinnern; jemandem zu haben, der zuhört und der sich wirklich interessiert. Vielleicht würde sie auch nicht verstehen was ich meine. Vielleicht würde es Misstrauen auslösen. Mein Mutanfall, den ich gebraucht hätte um diesen Schritt zu gehen, bleibt aus. Ich gehe einkaufen. Suche unbewusst nach der Limo aus Opas Garten, die es hier aber nicht gibt, falls es sie überhaupt noch gibt und sie nicht mit Garten und Brücke und Bach verschwunden ist. Ich kaufe Wasser. Als ich aus dem klimatisierten Laden herauskomme, ist die Dame weg und mit ihr, ihre Geschichte.
Ich frage mich, ob wir uns im Himmel unsere Geschichten erzählen werden. Ehrlich und ungefiltert, vor uns selbst und vor anderen. Alles Teilen und in aller Tiefe verstanden und gesehen werden. Ja, so wird es sein. Ich freue mich darauf.