alltägliches

Melancholie und ein Bis-zum-Advent-Kalender

Melancholie. Ein Luxusgefühl.

Das Rezept für Melancholie: Man braucht einen möglichst sorgenfreien Grundzustand des Lebens. Den mixt man dann mit einem vagen Gefühl der Sehnsucht und füllt ihn in einen grauen, kalten Monat. (Ich empfehle November, wahlweise auch Januar oder Februar, falls man zu den nicht-Skifahrern gehört.)
Tipp: schmalzige Weltschmerzmusik in Molltönen hilft ungemein.

November 2005

Es ist ein verregnet-nebliger Novembertag und es beginnt bereits dunkel zu werden. Der Gasofen bollert im Wohnzimmer leise vor sich hin. In der Küche ist es frostig. Wenn ich hier heizen will, muss ich den Backofen anmachen. Wenn ich will, dass es beim Heizen in der Küche gut riecht, muss ich zusätzlich nen Kuchen reinstellen. Normalerweise heize ich in der Küche nicht. Und ich backe auch nicht. So ganz habe es noch nicht raus, diese Sache mit dem Kochen und Backen oder mit dem rechtzeitigen Einkaufen. Generell ist diese Sache mit Unabhängigkeit, Selbstverantwortung und Organisation gar nicht so einfach. Oder überhaupt das mit dem Leben.

Ich halte mich an meiner warmen Kaffeetasse fest, vergrabe den Kopf tief in meinem XXL-Schal und schaue durch das angelaufene Fenster meiner kleinen Studentenwohnung auf den tristen Hinterhof. Durch das undichte Fenster streckt der Novemberwind seine klammen Finger in meine Küche. Im Hintergrund läuft Vonda Shepard mit einem wehmütigen Musikmix aus der Serie Ally McBeal. Und ich spüre zum ersten Mal das, von dem ich später herausbekommen sollte, dass man es Melancholie nennt.
Ich bin melancholisch und werde es den ganzen November über sein. Ich mag das. Diese sorgenfreie, unbegründete, nicht zielgerichtete Sehnsucht. Ich habe spätjugendlichen Weltschmerz. Damals wurden der November und ich Freunde.


November 2016

Meine Melancholie ist weg. Ich habe meinen Weltschmerz verloren. Dafür ist echte Trauer an die Stelle gerückt; ich vermisse meine Mama. Doch ansonsten geht es mir gut. Die Wohnung ist dank Zentralheizung warm, die Fenster sind dicht, ich lebe mit dem Mann zusammen, den ich liebe. Er mag Vonda Shepard nicht und ohne die leidende Musik, mag ich den November nicht. Außerdem hab ich keinen Hunger, weil ich gekocht habe. Bei mir schleicht sich der Verdacht ein, dass ich das ich den Dreh mit Leben organisieren inzwischen raus habe. Ich fühle mich erwachsen. Wann ist das denn bitte passiert?! Die einzige Konstante ist das schlechte Wetter draußen. Aber ohne Melancholie ist der November einfach nur grau und nicht…naja…nicht weltschmerzig eben. Ich drehe die Heizung ab, wickle mich in einen Schal und stelle mich ans gekippte Fenster. Wenigstens kann ich so ein bisschen frieren.

Am Abend sind wir einkaufen. Meine Laune hat sich nicht wirklich gebessert. Der Gatte merkt es, sucht instinktiv den Fehler bei sich und versucht mich im Gang mit den Konserven aufzuheitern. Was es nur noch schlimmer macht. Meine Erklärung bekomme ich dann auch nicht besonders griffig formuliert: „Ich bin traurig, weil ich nicht melancholisch bin, verstehst du?“ Hilfloses Gesicht beim Gatten.
An der Kasse schleppt er dann einen aberwitzig großen Adventskalender an. Da ist Schokolade drin, wahrscheinlich eine Tafel pro Tag. Um die Frau glücklich zu machen. Ich werde später nochmal versuchen ihm zu erklären, dass ich ja gar nicht glücklich sein will. Nur weniger traurig und ein bisschen mehr wehmütig. Aber den Adventskalender nehm ich trotzdem.

Zu Hause fiel uns beiden dann der Denkfehler auf: die Schokolade ist im Adventskalender. Und der Advent ist noch 18 Tage weit weg. 18 Tage voller Nichtmelancholie und einem Monat, mit dem ich irgendwie nicht so richtig was anzufangen weiß. Langsam verstehe ich, warum niemand den November mag. Der ist ja nichts Halbes und nichts Ganzes. Kalt, meist ohne Schnee, ohne Weihnachtszauber und viel zu weit weg vom Frühling. Ich werde nölig.
„Wozu braucht man einen Adventskalender? Der Advent ist doch schon schön und überall gibt es leckere Sachen. Den November muss man irgendwie überleben. Ich brauche einen Kalender dafür!“

So entstand sie: die Idee des Bis-zum-Advent-Kalenders. Jeden Tag ein Türchen aufmachen, bis dann endlich die Zeit mit den Lichtern und Lebkuchen und Weihnachtsmärkten losgeht. Und weil bereits der 12 November war, durfte ich gleich sechs Türchen auf einmal aufmachen und leer essen. Danach war mir schokoladenschlecht und ich fühlte mich irgendwie unvernünftig und kindisch. Und das war fast so schön, wie melancholisch zu sein.

3 Comments

  • Christina

    Ach Tine, das ist mal wieder wunderbar! Und diese Idee mit dem November-Kalender – einfach spitze! (und Du hast einen so tollen Mann!!! Aber das weißt du ja :-)). Melancholische Grüße! Ich such mir jetzt ein Stück Schokolade….

  • Sonja

    Liebe Tine – das ist so grandios und seidig geschrieben, danke dafür!!! Danke, dass du uns in deine vorhandene und deine fehlende Melancholie entführst und mir den November so noch lieber machst. Ich liebe deine Text! DANKE nochmals und alles Liebe!

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