
Lass uns rauben gehen
Mein Vater wollte sein Leben lang nichts von Gott wissen. Auf meinen Glauben reagierte er oft mit milden Spott, mit einem leichten Kopfschütteln oder er reagierte gar nicht.
Es ist drei Tage nach der Gemeindefreizeit und ich fahre nach Hause zu Papa. Der Zauber der Freizeit verfliegt. Zwar hallen noch immer die Gebete nach und viele aufmunternde Nachrichten von Freunden begleiten mich auf meinem Smartphone. Dennoch fahre ich wieder in eine ‚andere Welt‘. Beten fällt mir mit jedem Meter schwerer. Ein Phänomen, das ich schon häufiger beobachtet habe.
Im Auto bete ich ein letztes intensives Gebet, bevor ich die Autobahn verlasse.
Und mir kommt der Vers von Markus 3,27 in den Sinn.
Andererseits kann aber auch niemand in das Haus eines Starken eindringen und ihm seinen Besitz rauben, wenn er den Starken nicht vorher fesselt. Dann allerdings kann er sein Haus ausrauben.
Und dann habe ich plötzlich den vagen Eindruck, dass Jesus leise antwortet: „Au ja. Lass uns rauben gehen.“
Wenig später sitze ich bei meinem Papa im Wohnzimmer und bin geschockt. Es ist nur vier Wochen her, seit ich das letzte Mal hier war. Aber von dem Mann den ich kannte ist kaum noch etwas übrig. Keine Farbe, keine Kraft, kein Leuchten. Er will über den Abbruch der Therapien reden, wofür er aufgrund eines Schlaganfalls meine Zustimmung und Übersetzung bei den Ärzten braucht. Es war mein letztes Druckmittel. Ich hatte mit ihm abgemacht, dass er mit mir über Jesus reden muss, sollte er die Therapien beenden. Nicht sehr elegant, ich weiß. Aber Verzweiflung lässt einen komische Wege einschlagen. Und nun lasse ich diesen Deal fallen. Kein Jesus, kein Kampf mehr.
Und dann sieht mich mein Vater an und versucht mir verständlich zu machen, dass er mit mir reden muss. Er wird ganz aufgeregt. Ich rätsle was er mir sagen will, denn seit dem Schlaganfall, hat er seine Sprache verloren. Er versteht noch alles, aber ihm fallen keine Worte mehr ein. Nach einigem Rätseln und einem schließlich sehr ungehalten werdenden Vater, fällt mir nur noch „Magst du über Jesus reden?“ ein. Fühlt sich komisch pelzig an, diesen Namen in diesem Wohnzimmer auszusprechen. Mein Vater jubelt auf. „Ja.“ Er beugt sich mit einigem Kraftaufwand nach vorne und schaut mich gespannt an. Ich fühle mich hilflos und überfordert. All die Kurse in Evangelisation und ich sitze da und weiß nicht was ich sagen soll. Ganz toll, Frau Predigerin.
Ich rätsle noch eine Weile mit meinem Vater, was er wohl über Jesus wissen will, bis ich irgendwann heraus platze. „Willst du Jesus dein Leben geben?“ Papa schaut mich an und sagt leise. „Ja.“
Die nächsten Minuten heule ich. Papa wartet geduldig.
Und jetzt? Wie macht man das, wenn jemand nicht reden kann? Wenn jemand noch nichts über Gott weiß. Geht das? Kann er ‚ja‘ zu einem Gott sagen, den er nicht kennt? Und wie bringe ich meinem Vater das Thema Schuld und Umkehr nahe, ohne ihn zu verprellen?
Ich schlage mit zitternder Stimme vor, dass ich ein Gebet laut formuliere. Und dass er „Ja. Amen.“ sagen soll, wenn er dem Gebet zustimmt.
Dann formuliere ich, ein wenig hölzern. Und Papa unterbricht mich immer wieder, um ‚Ja‘ zu sagen. Nicht einfach nur so. Er ist aufgeregt, hat Tränen in den Augen. Murmelt immer wieder etwas unverständliches. Als ich abschließe, sagt er noch einmal ‚Ja, Amen.‘.
Das war es. Mein Vater ist in Sicherheit. Er lehnt sich entspannt zurück. Ich bin klatschnass geschwitzt. Vier Tage später stirbt mein Vater. Es geht schnell und schmerzlos.
„Lass uns rauben gehen.“ Ich habe Jesus neu kennen gelernt in den letzten Tagen. Ich dachte immer, dass Bekehrung ausschließlich eine Art Liebestanz ist: Jesus lockt, zieht und schiebt uns, bis wir nachgeben und in seine Arme fallen.
Doch meinen Papa hat er geraubt. Aus einem Haus, in dem er unglücklich und gefangen war. Ich hab den SEK-Jesus kennen gelernt. Einen Jesus, der auf die Gebete seiner Kinder hört und der handelt. Und wie er gehandelt hat.
Als ich es meiner Schwester am Telefon mit tränenerstickter Stimme erzähle, dass Papa sich bekehrt hat, kommt von ihr nur ein leiser, glücklicher und erschütterter Satz, der mich seither begleitet: „Wenn Jesus das kann, dann kann er alles.“
11 Comments
Christina
Das ist einer der schönsten und bewegendsten Texte den ich jemals gelesen habe. Ich drück dich, liebe Tine und freue mich mit, dass dein Papa zu Hause angekommen ist! Ich liebe den SEK Jesus!!!
die Vorgärtnerin
wau!
Das ist eine echt starke Geschichte.
Danke!
Petra
Liebe Tine!
Juchhu, dein Blog ist da!!!! Weißt du noch, Petra aus der Schreibwerkstatt:-)!!!
Tja, ich sitze hier und schluchze und weiß, ja, genau so ist Jesus. Mit uns unfähigen Hanselen (entschuldige, ich meine hauptsächlich mich!!) baut Er sein Reich. Und was soooo cool ist, Jede(r) kann dieses Reich betreten, der will.
Ich z.B. habe mich am Radio bekehrt, weil mir Niemand, den ich gefragt hatte, erklären konnte, wie man Christ wird. Anton Schulte im Radio hat es mir erklärt, Radio aus, Jesus mein Leben gegeben, schwupp, war’s passiert.
Gott ist so kreativ. Ich liebe Ihn!!!!!
Und nun freue ich mich, immer wieder von dir zu lesen.
Übrigens, die Begegnung mit dir war für mich eins der schönen Erlebnisse der Schreibwerkstatt. Muß ja auch mal gesagt werden, gell?!!
Sehr herzliche Grüße nun von
Petra
Tine
So schön, dass Du da bist!! Ich hatte ja drauf gehofft 🙂
Die Zeit in der Schreibwerkstatt mit Dir und Euch war etwas ganz besonderes. Danke, dass Ihr mich so lieb aufgenommen habt. Du hast am letzten Tag (zumindest an meinem letzten Tag) einen Teil Deines Textes vorgelesen. Ich hab mir einige Wörter mit geschrieben und am Tag als der Blog live ging in meinen Kalender geklebt. Ich hoffe, dass auch Du bald unter die Schreiberlinge gehst.
Und die Geschichte Deiner Bekehrung ist fantastisch!
Fühl dich feste umarmt.
Tine
Tine
@ Christina & die Vorgärtnerin
Danke. Ich kann es auch immer noch nicht fassen. ER ist schon ganz schön fantastisch.
Elisabeth
Vielen Dank,das ist ergreifend und wunderschön
mel
DAS ist wirklich wunderschön! Danke Jesus…
the
Wow, Tine – vielen Dank fürs Teilen dieser besonderen, ungewöhnlichen , ganz persönlichen Momente mit deinem Vater und Einsatzleiter Jesus! Sie haben mich sehr berührt und Mut gemacht, mit Jesus wieder um alle Ecken zu denken und alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen!! Ich wünsche dir und deiner Familie viel Kraft und Segen und freue mich, hier mehr von dir zu lesen!
Liebe Grüße sendet die the
Tine
Liebe the,
hab vielen Dank für deine lieben Zeilen. Sie haben mich riesig gefreut.
Über deinen Kommentar bin ich nun auf deinen Blog gestoßen und hab mich sofort verliebt.
Vielen Dank.
Grüße
Tine
Dorothee
Hallo,
Danke für diesen wundervollen und hoffnunggebenden Beitrag!Ja, Jesus und seine Überraschungen. Ähnlich unglaubliches habe ich mit meinem Stiefvater erlebt..!! Amazing! Schön das du da bist.
Lisa
Im Juli bekam meine Oma die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, sie war „traditionell katholisch“, wie es mit einer persönlichen Beziehung zu Jesus aussah, wussten wir nicht genau. Etwa einen Monat vor ihrem Tod, hat meine andere Oma nochmal mit ihr über ihren Glauben gesprochen, danach haben sie meine Mama angerufen und erzählt das sie nach dem Gespräch gebetet hat.
Ich hatte meiner Mama nachdem meine Oma die Diagnose bekommen hatte, den Link zu deinem Post hier geschickt, um ihr Mut zu machen, jetzt hoffe ich vielleicht anderen Mut machen zu können. Gott segne Dich!