Dankbarkeit,  Kindheitserinnerung,  Trauer

Als es noch Zeitmaschinen gab

Kennt ihr diese alten Diaprojektoren?

Unsere Familiendiazeiten fielen in der Regel auf verregnete Nachmittage, in denen die Verwandtschaft im Haus war, sprich auf verregnete Geburtstage. Zu dem Zeitpunkt, wenn der Kaffee getrunken und der Kuchen gegessen war entstand eine unangenehme Lücke. Diese wurde entweder mit Fernsehen überbrückt (was meine Mutter in den Wahnsinn trieb) oder mit Spazierengehen, trotz Regenwetter – sehr zu meinem Leidwesen.

Ich möchte an dieser Stelle gerne betonen, dass ich dem Spruch „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“ überhaupt nichts abgewinnen kann. Es gibt sehr wohl schlechtes Wetter. Die Hauptaufgabe dieses Wetters ist es, einem ein Argument zu liefern, dass man zu Hause kann. Am besten mit nem heißen Kakao in Händen. Meine Familie hat dieses Prinzip nur nie richtig verstanden.

Ab und zu kam jedoch der zaghafte Vorschlag (meistens von mir), man könne ja auch Dias anschauen. Und damit begann das Spektakel:

Der Raum muss abgedunkelt werden. Vater und Onkel streiten sich, wie der Projektorklapptisch denn nun korrekt aufgestellt wird, während Opa voller Vorfreude – auf dem Boden hockend – die Dias vorsortiert. Das Licht geht aus, jeder findet seinen Platz (jemand flucht, weil ihm/ihr jemand anderes auf den Zeh getreten ist. Mama schimpft, weil man nicht flucht, schon gar nicht vor den Kindern.) Und dann geht der Projektor an. Der Raum riecht plötzlich nach warmen Staub. Ich bin davon überzeugt, dass Zeitmaschinen so riechen wie Diaprojektoren.

Es klickt wiederholt, der Projektträger greift drei Mal ins Leere, nichts passiert. Ich bekomme Panik, weil ich befürchte er könne kaputt sein. Dann erwischt das Gerät das erste Bild. Damit beginnt der Zauber. Jedes Bild bietet eine neue Welt, in die man eintauchen kann. Und mit jedem Klicken möchte man aufschreien, weil es verschwindet, während sich gleichzeitig das Tor zu einer neuen Welt öffnet. In jedes möchte man eintauchen, darin umhergehen, beobachten, berühren, zuhören.

Da sind die Urlaube von Kroatien, wo Mama so jung und glücklich ist und ich noch kein Kindergartenkind bin, aber schon ganz lange Haare habe. Ich trage einen zitronengelben Rock und spiele mit einer kleinen Katze. Kroatien ist für mich untrennbar mit gelben Röcken und dem staubig-warmen Geruch des Diaprojektors verbunden.
Dann Geburtstagsfeiern im Garten: gleicher Ort, gleiches Wetter, gleiche Menschen nur unterschiedlich alt und mit unterschiedlichen Frisuren. Es wird gestichelt und gekichert. Bilder vom Grill. Erstes Gemurmel, ob es eigentlich schon zu früh für ein Bier ist.
„Ist es“, sagt Mama. „Ist doch ein besonderer Tag.“, sagt Papa. „Man könne mal wieder grillen.“, sagt Oma, während Opa schon mal los läuft um Bier aus dem Keller zu holen. Das Licht geht an, damit Opa was sieht und nicht über fremde Beine fällt. Das Bild, das gerade noch deutlich auf der Leinwand zu sehen war verblasst und die Zeitmaschinenstimmung ist weg.
Die Erwachsenen unterhalten sich und ich verdrücke mich in mein Zimmer, bis mich jemand zum Abendessen ruft.

Meine Familie war alles andere als perfekt. Ich könnte auch Geschichten von unerfüllten Bedürfnissen, von Verletzungen, Egoismus und Streit erzählen. Oder eben noch weitere von Liebe, gemeinsamen Ritualen und Nähe. Ich denke es ist immer beides. Die größten Verletzungen ziehen wir uns bei den Menschen zu, die uns nahe sind. Aber hier erleben wir auch das größte Glück.
Heute habe ich keine Kernfamilie in diesem Sinne mehr. Aber ich habe einen tollen Mann, eine wunderbare Schwester, liebe Freunde und ich habe eine Gemeinde. Menschen, mit denen ich zusammengewürfelt wurde, so wie ich in meine Familie hineingerutscht bin. Mit diesen Menschen bin ich nun unterwegs. Es bilden sich bereits neue Rituale. Es entwickelt sich Vertrauen. Es kommt zu Streit und zu Verletzungen.

Unterm Strich weiß ich, dass ich hier richtig bin. Und während ich mich weiter mit meiner Trauer beschäftige, blitzen bereits immer wieder Erinnerungen an Erlebnisse aus der jüngeren Vergangenheit auf. Das Leben geht weiter. Das ist manchmal schmerzhaft, aber eigentlich ist es wunderbar.

4 Comments

  • Becky

    Liebe Tine, Du schreibst einfach nur wundervoll. Und jetzt hast Du ganz bald Dein Einjähriges hier mit Deinem Blog. Danke, dass Du Dein Leben, Deine Gedanken, Deine Trauer, Deine Erinnerungen, Deine Gefühle, Dein Ringen und Freuen und einfach so Vieles mit uns teilst! Das ist SO bereichernd. Ich liebe es, bei Dir zu stöbern, mich von Dir für einen Moment im Alltag entführen zu lassen. So wie auch heute, in die Zeit der Diaprojektoren… 🙂
    Ich drück Dich! Becky

    • Tine

      Du bist so ein Schatz. Danke, liebe Becky. Jetzt sitze ich hier mit Tränen in den Augen.

      Übrigens: herzlichen Glückwunsch!! Ein dicker Kuss für Dich und Euch.

  • die Vorgärtnerin

    beim Wort „Kernfamilie“ musste ich schmunzeln … wenn man die zweite Silbe des Nachnamens ergänzt, seid ihr zwei eine hervorragende Kernfamilie.

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