{"id":900,"date":"2020-07-07T01:39:00","date_gmt":"2020-07-06T23:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nurheute.net\/?p=900"},"modified":"2020-07-06T17:57:42","modified_gmt":"2020-07-06T15:57:42","slug":"es-ist-sommer-in-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=900","title":{"rendered":"Es ist Sommer in Stuttgart"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist Sommer in Stuttgart.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter meinen Fingerspitzen kribbelt es, w\u00e4hrend sie auf der Tastatur liegen. Sie liegen da und warten auf mein Diktat. Sie warten jetzt schon eine ganze Weile und werden langsam ungeduldig. Mein Kopf, der diktieren sollte, ist jedoch viel zu sehr damit besch\u00e4ftigt im internen Chaos einen klaren Gedanken zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bildlich gesprochen: mein Kopf sieht von innen aus wie mein Schreibtisch von au\u00dfen: chaotisch, \u00fcberladen und irgendwie ist alles voller Pollen. Oder ist das Staub?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jalousien sind gegen die intensiven, sommerlichen Sonnenstrahlen herunter gelassen. Ich sitze im Halbdunkeln und f\u00fchle mich vampirhaft. W\u00fcrde ich jetzt noch rauchen und anstatt an meinem Schreibtisch hinter einer gro\u00dfen Kirchturmuhr schreiben, h\u00e4tte es schon fast was literarisches.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht&#8230;.m\u00fcsste ich heimlich hinter dieser Uhr schreiben. Gut versteckt vor den Schergen der Regierung. Oder der Mafia. Oder einer sonstigen geheimen Geheimorganisation, die an mein Wissen will. Und wo kann man sich als Schriftstellerin besser verstecken als hinter einer gro\u00dfen Uhr. Da kam vor mir noch nie einer drauf. Literarisch!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich sitze in einem Waschbetonhochhaus, mitten im Hochsommer. Und das hat \u00fcberhaupt nichts literarisches. Mein Shirt klebt am R\u00fccken, die Luft ist auch ohne Zigarettenrauch stickig und die Finger haben mangels Besch\u00e4ftigung angefangen Muster in den Pollenstaub zu malen. Super, jetzt muss ich putzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum Putzlappen und dem Glasreiniger komme ich am Gefrierschrank vorbei. Das&#8230;ist jetzt ung\u00fcnstig.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine halbe Stunde und eine ganze Pizza sp\u00e4ter ist der Schreibtisch zus\u00e4tzlich zum Staub auch noch vollgekr\u00fcmelt. Wunderbar. L\u00e4uft. Eigentlich soll man ja nicht am Arbeitsplatz essen. Aber ich hab ja noch keine Pause und man soll auch nicht einfach seinen Arbeitsplatz verlassen. Zwickm\u00fchle. Was blieb mir also \u00fcbrig? Eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Pizza macht m\u00fcde. Ich werde jetzt nicht schlafen!<\/p>\n\n\n\n<p>Nur kurz.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>So ein Nachmittagsschlaf macht einen fertig. Kaffee. Dringend. Finger auf die Tastatur. Und diesmal kommen sie da nicht runter, bis nicht was vern\u00fcnftiges auf dem Blatt steht! Man muss auch mal streng zu sich selbst sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine G\u00fcte ist das warm hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Freundin meldet sich. Ich habe schlagartig ein schlechtes Gewissen. Sie ist Mama von drei kleinen Kindern und hat heute bestimmt schon mehrfach die Welt retten m\u00fcssen. Meine kreativen Erg\u00fcsse von heute ersch\u00f6pfen sich in den Worten: &#8222;Es ist Sommer in Stuttgart.&#8220; Grandios. Das w\u00fcrde nicht mal die geheimste Geheimmafia lesen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Leben geh\u00f6rt einem Versager.<\/p>\n\n\n\n<p>Gott sei Dank stellt sich raus, dass die Mama trotz Kaffee in der H\u00e4ngematte eingeschlafen ist, w\u00e4hrend die Kinder mit dem Gartenschlauch den Garten in eine Moorlandschaft verwandelt haben. Jetzt hat sie gl\u00fcckliche Kinder und ein schlechtes Gewissen wegen des Wasserverbrauchs. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil es mir nach ihrer Geschichte schlagartig besser geht. Daf\u00fcr sind Freunde da.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie beschlie\u00dft heute fr\u00fcher in&#8217;s Bett zu gehen, weil sie ja den Garten nun nicht mehr gie\u00dfen muss. Und ich beschlie\u00dfe, einfach meinen Tag aufzuschreiben und dann auch zur\u00fcck in&#8217;s Bett zu gehen. Und von gro\u00dfen schriftstellerischen Leistungen zu tr\u00e4umen. Von geheimen Auftr\u00e4gen, von Abenteuern. Von dr\u00fcckend schw\u00fclen Tagen, in denen der Heldin das Shirt schwei\u00dfnass am R\u00fcck klebt&#8230;w\u00e4hrend sie versucht ihr Wissen zu Papier zu bringen, bevor es zu sp\u00e4t ist. Die gro\u00dfe Uhr tickt unaufhaltsam und die Zeit verrinnt wie Sand zwischen den Fingern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Sommer in Stuttgart&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Sommer in Stuttgart. Unter meinen Fingerspitzen kribbelt es, w\u00e4hrend sie auf der Tastatur liegen. Sie liegen da und warten auf mein Diktat. Sie warten jetzt schon eine ganze Weile und werden langsam ungeduldig. Mein Kopf, der diktieren sollte, ist jedoch viel zu sehr damit besch\u00e4ftigt im internen Chaos einen klaren Gedanken zu fassen. Bildlich gesprochen: mein Kopf sieht von innen aus wie mein Schreibtisch von au\u00dfen: chaotisch, \u00fcberladen und irgendwie ist alles voller Pollen. Oder ist das Staub? Die Jalousien sind gegen die intensiven, sommerlichen Sonnenstrahlen herunter gelassen. Ich sitze im Halbdunkeln und f\u00fchle mich vampirhaft. W\u00fcrde ich jetzt noch rauchen und anstatt an meinem Schreibtisch hinter einer gro\u00dfen Kirchturmuhr schreiben, h\u00e4tte es schon fast was literarisches. Vielleicht&#8230;.m\u00fcsste ich heimlich hinter dieser Uhr schreiben. Gut versteckt vor den Schergen der Regierung. Oder der Mafia. Oder einer sonstigen geheimen Geheimorganisation, die an mein Wissen will. Und wo kann man sich als Schriftstellerin besser verstecken als hinter einer gro\u00dfen Uhr. Da kam vor mir noch nie einer drauf. Literarisch! Aber ich sitze in einem Waschbetonhochhaus, mitten im Hochsommer. Und das hat \u00fcberhaupt nichts literarisches. Mein Shirt klebt am R\u00fccken, die Luft ist auch ohne Zigarettenrauch stickig und die Finger haben mangels Besch\u00e4ftigung angefangen Muster in den Pollenstaub zu malen. Super, jetzt muss ich putzen. Auf dem Weg zum Putzlappen und dem Glasreiniger komme ich am Gefrierschrank vorbei. Das&#8230;ist jetzt ung\u00fcnstig. Eine halbe Stunde und eine ganze Pizza sp\u00e4ter ist der Schreibtisch zus\u00e4tzlich zum Staub auch noch vollgekr\u00fcmelt. Wunderbar. L\u00e4uft. Eigentlich soll man ja nicht am Arbeitsplatz essen. Aber ich hab ja noch keine Pause und man soll auch nicht einfach seinen Arbeitsplatz verlassen. Zwickm\u00fchle. Was blieb mir also \u00fcbrig? Eben. Pizza macht m\u00fcde. Ich werde jetzt nicht schlafen! Nur kurz. So ein Nachmittagsschlaf macht einen fertig. Kaffee. Dringend. Finger auf die Tastatur. Und diesmal kommen sie da nicht runter, bis nicht was vern\u00fcnftiges auf dem Blatt steht! Man muss auch mal streng zu sich selbst sein. Meine G\u00fcte ist das warm hier. Eine Freundin meldet sich. Ich habe schlagartig ein schlechtes Gewissen. Sie ist Mama von drei kleinen Kindern und hat heute bestimmt schon mehrfach die Welt retten m\u00fcssen. Meine kreativen Erg\u00fcsse von heute ersch\u00f6pfen sich in den Worten: &#8222;Es ist Sommer in Stuttgart.&#8220; Grandios. Das w\u00fcrde nicht mal die geheimste Geheimmafia lesen wollen. Mein Leben geh\u00f6rt einem Versager. Gott sei Dank stellt sich raus, dass die Mama trotz Kaffee in der H\u00e4ngematte eingeschlafen ist, w\u00e4hrend die Kinder mit dem Gartenschlauch den Garten in eine Moorlandschaft verwandelt haben. Jetzt hat sie gl\u00fcckliche Kinder und ein schlechtes Gewissen wegen des Wasserverbrauchs. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil es mir nach ihrer Geschichte schlagartig besser geht. Daf\u00fcr sind Freunde da. Sie beschlie\u00dft heute fr\u00fcher in&#8217;s Bett zu gehen, weil sie ja den Garten nun nicht mehr gie\u00dfen muss. Und ich beschlie\u00dfe, einfach meinen Tag aufzuschreiben und dann auch zur\u00fcck in&#8217;s Bett zu gehen. Und von gro\u00dfen schriftstellerischen Leistungen zu tr\u00e4umen. Von geheimen Auftr\u00e4gen, von Abenteuern. Von dr\u00fcckend schw\u00fclen Tagen, in denen der Heldin das Shirt schwei\u00dfnass am R\u00fcck klebt&#8230;w\u00e4hrend sie versucht ihr Wissen zu Papier zu bringen, bevor es zu sp\u00e4t ist. Die gro\u00dfe Uhr tickt unaufhaltsam und die Zeit verrinnt wie Sand zwischen den Fingern. 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