{"id":82,"date":"2019-11-11T06:51:00","date_gmt":"2019-11-11T06:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=82"},"modified":"2020-02-21T00:28:41","modified_gmt":"2020-02-21T00:28:41","slug":"melancholie-und-ein-bis-zum-advent-kalender","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=82","title":{"rendered":"Melancholie und ein Bis-zum-Advent-Kalender"},"content":{"rendered":"\n<p>Melancholie. Ein Luxusgef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Rezept f\u00fcr Melancholie: Man braucht einen m\u00f6glichst sorgenfreien Grundzustand des Lebens. Den mixt man dann mit einem vagen Gef\u00fchl der Sehnsucht und f\u00fcllt ihn in einen grauen, kalten Monat. (Ich empfehle November, wahlweise auch Januar oder Februar, falls man zu den nicht-Skifahrern geh\u00f6rt.)<br>Tipp: schmalzige Weltschmerzmusik in Mollt\u00f6nen hilft ungemein.<\/p>\n\n\n\n<h5>November 2005<\/h5>\n\n\n\n<p>Es ist ein verregnet-nebliger Novembertag und es beginnt bereits dunkel zu werden. Der Gasofen bollert im Wohnzimmer leise vor sich hin. In der K\u00fcche ist es frostig. Wenn ich hier heizen will, muss ich den Backofen anmachen. Wenn ich will, dass es beim Heizen in der K\u00fcche gut riecht, muss ich zus\u00e4tzlich nen Kuchen reinstellen. Normalerweise heize ich in der K\u00fcche nicht. Und ich backe auch nicht. So ganz habe es noch nicht raus, diese Sache mit dem Kochen und Backen oder mit dem rechtzeitigen Einkaufen. Generell ist diese Sache mit Unabh\u00e4ngigkeit, Selbstverantwortung und Organisation gar nicht so einfach. Oder \u00fcberhaupt das mit dem Leben.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte mich an meiner warmen Kaffeetasse fest, vergrabe den Kopf tief in meinem XXL-Schal und schaue durch das angelaufene Fenster meiner kleinen Studentenwohnung auf den tristen Hinterhof. Durch das undichte Fenster streckt der Novemberwind seine klammen Finger in meine K\u00fcche. Im Hintergrund l\u00e4uft Vonda Shepard mit einem wehm\u00fctigen Musikmix aus der Serie Ally McBeal. Und ich sp\u00fcre zum ersten Mal das, von dem ich sp\u00e4ter herausbekommen sollte, dass man es Melancholie nennt.<br>Ich bin melancholisch und werde es den ganzen November \u00fcber sein. Ich mag das. Diese sorgenfreie, unbegr\u00fcndete, nicht zielgerichtete Sehnsucht. Ich habe sp\u00e4tjugendlichen Weltschmerz. Damals wurden der November und ich Freunde.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h5>November 2016<\/h5>\n\n\n\n<p>Meine Melancholie ist weg. Ich habe meinen Weltschmerz verloren. Daf\u00fcr ist echte Trauer an die Stelle ger\u00fcckt; ich vermisse meine Mama. Doch ansonsten geht es mir gut. Die Wohnung ist dank Zentralheizung warm, die Fenster sind dicht, ich lebe mit dem Mann zusammen, den ich liebe. Er mag Vonda Shepard nicht und ohne die leidende Musik, mag ich den November nicht. Au\u00dferdem hab ich keinen Hunger, weil ich gekocht habe. Bei mir schleicht sich der Verdacht ein, dass ich das ich den Dreh mit Leben organisieren inzwischen raus habe. Ich f\u00fchle mich erwachsen. Wann ist das denn bitte passiert?! Die einzige Konstante ist das schlechte Wetter drau\u00dfen. Aber ohne Melancholie ist der November einfach nur grau und nicht&#8230;naja&#8230;nicht weltschmerzig eben. Ich drehe die Heizung ab, wickle mich in einen Schal und stelle mich ans gekippte Fenster. Wenigstens kann ich so ein bisschen frieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend sind wir einkaufen. Meine Laune hat sich nicht wirklich gebessert. Der Gatte merkt es, sucht instinktiv den Fehler bei sich und versucht mich im Gang mit den Konserven aufzuheitern. Was es nur noch schlimmer macht. Meine Erkl\u00e4rung bekomme ich dann auch nicht besonders griffig formuliert:&nbsp;<em>&#8222;Ich bin traurig, weil ich nicht melancholisch bin, verstehst du?&#8220;<\/em>&nbsp;Hilfloses Gesicht beim Gatten.<br>An der Kasse schleppt er dann einen aberwitzig gro\u00dfen Adventskalender an. Da ist Schokolade drin, wahrscheinlich eine Tafel pro Tag. Um die Frau gl\u00fccklich zu machen. Ich werde sp\u00e4ter nochmal versuchen ihm zu erkl\u00e4ren, dass ich ja gar nicht gl\u00fccklich sein will. Nur weniger traurig und ein bisschen mehr wehm\u00fctig. Aber den Adventskalender nehm ich trotzdem.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause fiel uns beiden dann der Denkfehler auf: die Schokolade ist&nbsp;<strong>im<\/strong>&nbsp;Adventskalender. Und der Advent ist noch 18 Tage weit weg. 18 Tage voller Nichtmelancholie und einem Monat, mit dem ich irgendwie nicht so richtig was anzufangen wei\u00df. Langsam verstehe ich, warum niemand den November mag. Der ist ja nichts Halbes und nichts Ganzes. Kalt, meist ohne Schnee, ohne Weihnachtszauber und viel zu weit weg vom Fr\u00fchling. Ich werde n\u00f6lig.<br><em>&#8222;Wozu braucht man einen Adventskalender? Der Advent ist doch schon sch\u00f6n und \u00fcberall gibt es leckere Sachen. Den November muss man irgendwie \u00fcberleben. Ich brauche einen Kalender daf\u00fcr!&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So entstand sie: die Idee des Bis-zum-Advent-Kalenders. Jeden Tag ein T\u00fcrchen aufmachen, bis dann endlich die Zeit mit den Lichtern und Lebkuchen und Weihnachtsm\u00e4rkten losgeht. Und weil bereits der 12 November war, durfte ich gleich sechs T\u00fcrchen auf einmal aufmachen und leer essen. Danach war mir schokoladenschlecht und ich f\u00fchlte mich irgendwie unvern\u00fcnftig und kindisch. Und das war fast so sch\u00f6n, wie melancholisch zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Melancholie. Ein Luxusgef\u00fchl. 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Generell ist diese Sache mit Unabh\u00e4ngigkeit, Selbstverantwortung und Organisation gar nicht so einfach. Oder \u00fcberhaupt das mit dem Leben. Ich halte mich an meiner warmen Kaffeetasse fest, vergrabe den Kopf tief in meinem XXL-Schal und schaue durch das angelaufene Fenster meiner kleinen Studentenwohnung auf den tristen Hinterhof. Durch das undichte Fenster streckt der Novemberwind seine klammen Finger in meine K\u00fcche. Im Hintergrund l\u00e4uft Vonda Shepard mit einem wehm\u00fctigen Musikmix aus der Serie Ally McBeal. Und ich sp\u00fcre zum ersten Mal das, von dem ich sp\u00e4ter herausbekommen sollte, dass man es Melancholie nennt.Ich bin melancholisch und werde es den ganzen November \u00fcber sein. Ich mag das. Diese sorgenfreie, unbegr\u00fcndete, nicht zielgerichtete Sehnsucht. Ich habe sp\u00e4tjugendlichen Weltschmerz. Damals wurden der November und ich Freunde. November 2016 Meine Melancholie ist weg. Ich habe meinen Weltschmerz verloren. Daf\u00fcr ist echte Trauer an die Stelle ger\u00fcckt; ich vermisse meine Mama. Doch ansonsten geht es mir gut. Die Wohnung ist dank Zentralheizung warm, die Fenster sind dicht, ich lebe mit dem Mann zusammen, den ich liebe. Er mag Vonda Shepard nicht und ohne die leidende Musik, mag ich den November nicht. Au\u00dferdem hab ich keinen Hunger, weil ich gekocht habe. Bei mir schleicht sich der Verdacht ein, dass ich das ich den Dreh mit Leben organisieren inzwischen raus habe. Ich f\u00fchle mich erwachsen. Wann ist das denn bitte passiert?! Die einzige Konstante ist das schlechte Wetter drau\u00dfen. Aber ohne Melancholie ist der November einfach nur grau und nicht&#8230;naja&#8230;nicht weltschmerzig eben. Ich drehe die Heizung ab, wickle mich in einen Schal und stelle mich ans gekippte Fenster. Wenigstens kann ich so ein bisschen frieren. Am Abend sind wir einkaufen. Meine Laune hat sich nicht wirklich gebessert. 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