{"id":410,"date":"2017-09-12T18:32:39","date_gmt":"2017-09-12T18:32:39","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=410"},"modified":"2020-02-21T17:28:19","modified_gmt":"2020-02-21T17:28:19","slug":"und-trotzdem-liebt-er-mich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=410","title":{"rendered":"Und trotzdem liebt er mich"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Meine kleine Nichte lacht mich kr\u00e4hend an. Seit ein paar Wochen kann sie lachen und inzwischen kommt der Ton sogar synchron &#8211; zum Mundwinkel nach oben und N\u00e4schen kraus ziehen &#8211; aus dem kleinen Menschen heraus. Heute ist es okay f\u00fcr mich sie zu halten und mit ihr zu flirten. Heute l\u00f6st es Gl\u00fcck in mir aus. Meine Schwester macht es mir leicht. Auch sie war ungewollt kinderlos, ohne Aussicht darauf, dass es sich \u00e4ndern w\u00fcrde. Und dann pl\u00f6tzlich klappte es doch und nun h\u00e4lt sie dieses kleine Wunder in ihren Armen. Aber sie kennt den Schmerz und geht sehr vorsichtig mit mir um. Bei ihr muss ich nicht spielen. Wenn ich weinen muss, dann darf ich das, ohne, dass sie sich angegriffen f\u00fchlt, weil ich mich gerade nicht so mit ihr freuen kann, wie sie es sich vielleicht w\u00fcnschen w\u00fcrde. Und wenn ich lachen kann, dann saugt sie meine Freude auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei meiner Schwester habe ich eine neue Rolle bekommen. Ich bin &#8222;<em>die<\/em>&nbsp;Tante&#8220;. Ich glaube ja, dass meine kleine Nichte meinen Namen so oft h\u00f6rt, dass sie sp\u00e4testens mit drei Jahren der festen \u00dcberzeugung sein wird, ich w\u00e4re schon immer da gewesen und w\u00fcrde im gleichen Haus wohnen. Ich habe die Identit\u00e4t Tante und nicht wie so oft die durch Mangel definierte Identit\u00e4t &#8222;Nicht-Mama-fremde-Frau&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft wird es so dargestellt, als w\u00e4re eine fehlende Schwangerschaft der gr\u00f6\u00dfte Verlust, bei einer ungewollten Kinderlosigkeit. Und wenn man Schwangere sieht, wie sie verliebt und unbewusst ihren Bauch streicheln, wie sie die stillen Zwiegespr\u00e4che f\u00fchren, wie sie eben nur zwischen einer Mutter und ihrem ungeborenen Kind stattfinden k\u00f6nnen, ist da auch etwas Wahres dran.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch mir pers\u00f6nlich geht es gar nicht so sehr um diese neun Monate. Nat\u00fcrlich habe auch ich mich in Tr\u00e4umen verloren, wie &#8218;wir&#8216; gemeinsam in die Bibliothek gehen und dort arbeiten. Wie wir uns einen Fruchtsaft teilen oder uns einen Weg in der vollbesetzten U-Bahn freipfl\u00fcgen. Aber das, was ich in meinem Leben am meisten vermisse, ist der Ausdruck in den Augen eines S\u00e4uglings, wenn er in mir seine Mutter erkennt. Dieser spezielle Augenblick, wenn sich das Gesicht eines kleinen Lebewesens ver\u00e4ndert, weil es von seiner Mama angel\u00e4chelt wird und in diesem Moment die Welt dieses Kindes in Ordnung ist. Die M\u00f6glichkeit Liebe zu schenken, da zu sein und die ersten Schritte in das Abenteuer Leben zu begleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind die Momente, in denen es mir das Herz zerrei\u00dft, wenn mir bewusst wird, dass dieser Traum unerf\u00fcllt bleibt. Und mit ihm all diese Erfahrungen. Bei mir und bei einem Menschen, der niemals existieren wird. Und ich glaube, dass das auch der Teil ist, mit dem ich pers\u00f6nlich am meisten zu k\u00e4mpfen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das und die tr\u00fcgerische Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Wenn frisch verheiratete oder verliebte Paare \u00fcber ihre Zukunft nachdenken. Wenn sie leidenschaftlich dar\u00fcber streiten, ob sie zwei oder drei Kinder wollen. Und mit dem naiven Selbstbewusstsein planen, das auch mein Mann und ich einmal hatten. Und wenn man sich nach einem Jahr wieder trifft und sich ihre Pl\u00e4ne wie selbstverst\u00e4ndlich erf\u00fcllen. Wenn ich dann an meine leere Wohnung zu Hause denke, dann taucht es auf. Dieses laute, verzweifelte &#8222;Warum?&#8220;. Die Frage nach dem Grund, nach dem Verbrechen, nach dem Fehler in meinem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>In solchen Momenten bin ich verzweifelt, w\u00fctend, verletzt. Und es f\u00e4llt mir unendlich schwer mich mit anderen zu freuen. Mich nicht in dem Gef\u00fchl des Allein- und Zur\u00fcckgelassenseins zu verlieren. In diesen Momenten f\u00fchle ich mich wie auf einer Eisscholle, die unaufhaltsam in das schwarze Nichts hinaustreibt und die Angst, dass meine Schreie bald niemand mehr h\u00f6ren wird, erstickt mich und jegliche Freude in mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei\u2026eigentlich ist das nur teils wahr. Ich freue mich mit jungen Familien. Nur manchmal ist der eigene Schmerz so gro\u00df, dass er, wie eine schwarze Decke, alles andere unter sich begr\u00e4bt. Es ist noch da, aber ich kann es weder sehen noch f\u00fchlen. Die Freude scheint unendlich weit entfernt. Aber dann zieht sich diese Decke wieder zur\u00fcck und darunter liegen all die anderen Gef\u00fchle, die ich verloren geglaubt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Gemeinde ist sehr homogen, was die Altersstruktur angeht. Wir sind alle in den 30\/40ern. Das hei\u00dft wir haben uns zahlenm\u00e4\u00dfig in den letzten Jahren fast verdoppelt. Nicht, weil sich neue Leute Jesus angeschlossen h\u00e4tten (leider). Sondern, weil wir Nachwuchs haben (nicht leider). Frischen, rosigen, kr\u00e4henden Nachwuchs. Das ist ein Segen. Und f\u00fcr z.B. unfreiwillige Singles oder f\u00fcr Leute wie mich, eine emotionale Herausforderung. Sind wir ehrlich: man f\u00fchlt sich meist weniger allein, wenn andere auch allein sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann nichts f\u00fcr meine Kinderlosigkeit. Ich bin nicht schuld. Und die anderen Paare, die Kinder bekommen k\u00f6nnen, sind auch nicht schuld. Ihr Gl\u00fcck hat nichts mit meinem Ungl\u00fcck zu tun. Und meine Traurigkeit ist kein Verbot f\u00fcr ihre Freude. Das einzugestehen, f\u00e4llt nicht leicht. Doch gerade in der Gemeinde m\u00fcssen wir es lernen: manches kann und darf gleichzeitig existieren. Und man kann den Schmerz und die Freude nur gemeinsam aushalten. Aushalten ist auch nicht immer leicht. Den Schmerz nicht wegnehmen zu k\u00f6nnen und gleichzeitig die Freude wahrzunehmen, ist ein riesen Lernprozess. Und an manchen Tagen ist es vielleicht auch unm\u00f6glich. Dann muss und darf man das respektieren und sich selbst eine Pause g\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df, dass Jesus einen Weg mit mir hat. Das wei\u00df ich so sicher, weil Jesus mit jedem einen Weg gehen wird, der das Angebot seiner ausgestreckten Hand annimmt. Und ich wei\u00df, dass es kein Weg des Mangels ist. In manchen Situationen kann ich das nicht so klar sehen. Vor allem dann nicht, wenn Schmerz und Trauer sich zu giftiger Verbitterung zu mischen drohen. Ja, diese Zeiten gibt es. Dann muss ich mit Jesus in den Garten gehen und muss die Wurzel dieser Pflanze ausgraben. Das ist anstrengend und oft mache ich das nur widerwillig. Aber es ist n\u00f6tig. Und dann greife ich wieder nach der Hand von Jesus und gehe weiter. Auch wenn er mir noch nicht gesagt hat, wohin die Reise letztendlich geht. Auch wenn er mir noch keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr unsere Kinderlosigkeit gegeben hat und das vielleicht auch niemals tun wird. Ich vertraue ihm. Manchmal vertraue ich emotional, das hei\u00dft, &nbsp;ich kann das Vertrauen sp\u00fcren. Manchmal sp\u00fcre ich nichts, dann muss ich diese Entscheidung ohne die Emotionen treffen. Letztere m\u00fcssen dann nachr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus liebt mich. Er ist vernarrt in mich. Und in dich auch. Er bringt uns an sein Ziel. Und bis dahin, wird er unsere Hand nicht loslassen. Er geht mit.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine kleine Nichte lacht mich kr\u00e4hend an. 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Ich glaube ja, dass meine kleine Nichte meinen Namen so oft h\u00f6rt, dass sie sp\u00e4testens mit drei Jahren der festen \u00dcberzeugung sein wird, ich w\u00e4re schon immer da gewesen und w\u00fcrde im gleichen Haus wohnen. Ich habe die Identit\u00e4t Tante und nicht wie so oft die durch Mangel definierte Identit\u00e4t &#8222;Nicht-Mama-fremde-Frau&#8220;. Oft wird es so dargestellt, als w\u00e4re eine fehlende Schwangerschaft der gr\u00f6\u00dfte Verlust, bei einer ungewollten Kinderlosigkeit. Und wenn man Schwangere sieht, wie sie verliebt und unbewusst ihren Bauch streicheln, wie sie die stillen Zwiegespr\u00e4che f\u00fchren, wie sie eben nur zwischen einer Mutter und ihrem ungeborenen Kind stattfinden k\u00f6nnen, ist da auch etwas Wahres dran. Doch mir pers\u00f6nlich geht es gar nicht so sehr um diese neun Monate. Nat\u00fcrlich habe auch ich mich in Tr\u00e4umen verloren, wie &#8218;wir&#8216; gemeinsam in die Bibliothek gehen und dort arbeiten. Wie wir uns einen Fruchtsaft teilen oder uns einen Weg in der vollbesetzten U-Bahn freipfl\u00fcgen. Aber das, was ich in meinem Leben am meisten vermisse, ist der Ausdruck in den Augen eines S\u00e4uglings, wenn er in mir seine Mutter erkennt. Dieser spezielle Augenblick, wenn sich das Gesicht eines kleinen Lebewesens ver\u00e4ndert, weil es von seiner Mama angel\u00e4chelt wird und in diesem Moment die Welt dieses Kindes in Ordnung ist. Die M\u00f6glichkeit Liebe zu schenken, da zu sein und die ersten Schritte in das Abenteuer Leben zu begleiten. Das sind die Momente, in denen es mir das Herz zerrei\u00dft, wenn mir bewusst wird, dass dieser Traum unerf\u00fcllt bleibt. Und mit ihm all diese Erfahrungen. Bei mir und bei einem Menschen, der niemals existieren wird. Und ich glaube, dass das auch der Teil ist, mit dem ich pers\u00f6nlich am meisten zu k\u00e4mpfen habe. Das und die tr\u00fcgerische Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Wenn frisch verheiratete oder verliebte Paare \u00fcber ihre Zukunft nachdenken. Wenn sie leidenschaftlich dar\u00fcber streiten, ob sie zwei oder drei Kinder wollen. Und mit dem naiven Selbstbewusstsein planen, das auch mein Mann und ich einmal hatten. Und wenn man sich nach einem Jahr wieder trifft und sich ihre Pl\u00e4ne wie selbstverst\u00e4ndlich erf\u00fcllen. Wenn ich dann an meine leere Wohnung zu Hause denke, dann taucht es auf. Dieses laute, verzweifelte &#8222;Warum?&#8220;. Die Frage nach dem Grund, nach dem Verbrechen, nach dem Fehler in meinem Leben. In solchen Momenten bin ich verzweifelt, w\u00fctend, verletzt. Und es f\u00e4llt mir unendlich schwer mich mit anderen zu freuen. Mich nicht in dem Gef\u00fchl des Allein- und Zur\u00fcckgelassenseins zu verlieren. In diesen Momenten f\u00fchle ich mich wie auf einer Eisscholle, die unaufhaltsam in das schwarze Nichts hinaustreibt und die Angst, dass meine Schreie bald niemand mehr h\u00f6ren wird, erstickt mich und jegliche Freude in mir. Wobei\u2026eigentlich ist das nur teils wahr. Ich freue mich mit jungen Familien. Nur manchmal ist der eigene Schmerz so gro\u00df, dass er, wie eine schwarze Decke, alles andere unter sich begr\u00e4bt. Es ist noch da, aber ich kann es weder sehen noch f\u00fchlen. Die Freude scheint unendlich weit entfernt. Aber dann zieht sich diese Decke wieder zur\u00fcck und darunter liegen all die anderen Gef\u00fchle, die ich verloren geglaubt habe. Unsere Gemeinde ist sehr homogen, was die Altersstruktur angeht. Wir sind alle in den 30\/40ern. Das hei\u00dft wir haben uns zahlenm\u00e4\u00dfig in den letzten Jahren fast verdoppelt. Nicht, weil sich neue Leute Jesus angeschlossen h\u00e4tten (leider). Sondern, weil wir Nachwuchs haben (nicht leider). Frischen, rosigen, kr\u00e4henden Nachwuchs. Das ist ein Segen. Und f\u00fcr z.B. unfreiwillige Singles oder f\u00fcr Leute wie mich, eine emotionale Herausforderung. Sind wir ehrlich: man f\u00fchlt sich meist weniger allein, wenn andere auch allein sind. Ich kann nichts f\u00fcr meine Kinderlosigkeit. Ich bin nicht schuld. Und die anderen Paare, die Kinder bekommen k\u00f6nnen, sind auch nicht schuld. Ihr Gl\u00fcck hat nichts mit meinem Ungl\u00fcck zu tun. Und meine Traurigkeit ist kein Verbot f\u00fcr ihre Freude. Das einzugestehen, f\u00e4llt nicht leicht. Doch gerade in der Gemeinde m\u00fcssen wir es lernen: manches kann und darf gleichzeitig existieren. Und man kann den Schmerz und die Freude nur gemeinsam aushalten. Aushalten ist auch nicht immer leicht. Den Schmerz nicht wegnehmen zu k\u00f6nnen und gleichzeitig die Freude wahrzunehmen, ist ein riesen Lernprozess. Und an manchen Tagen ist es vielleicht auch unm\u00f6glich. Dann muss und darf man das respektieren und sich selbst eine Pause g\u00f6nnen. Ich wei\u00df, dass Jesus einen Weg mit mir hat. Das wei\u00df ich so sicher, weil Jesus mit jedem einen Weg gehen wird, der das Angebot seiner ausgestreckten Hand annimmt. Und ich wei\u00df, dass es kein Weg des Mangels ist. In manchen Situationen kann ich das nicht so klar sehen. Vor allem dann nicht, wenn Schmerz und Trauer sich zu giftiger Verbitterung zu mischen drohen. Ja, diese Zeiten gibt es. Dann muss ich mit Jesus in den Garten gehen und muss die Wurzel dieser Pflanze ausgraben. Das ist anstrengend und oft mache ich das nur widerwillig. Aber es ist n\u00f6tig. Und dann greife ich wieder nach der Hand von Jesus und gehe weiter. Auch wenn er mir noch nicht gesagt hat, wohin die Reise letztendlich geht. Auch wenn er mir noch keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr unsere Kinderlosigkeit gegeben hat und das vielleicht auch niemals tun wird. Ich vertraue ihm. 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