{"id":350,"date":"2018-03-06T07:08:00","date_gmt":"2018-03-06T07:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=350"},"modified":"2020-02-21T18:40:15","modified_gmt":"2020-02-21T18:40:15","slug":"thank-you-for-travelling","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=350","title":{"rendered":"Thank you for travelling"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich muss gestehen: ich fahre gerne Zug. Von allen mir zur Verf\u00fcgung stehenden Reisemitteln, ist mir die Bahn am liebsten. Ich mag sowohl das vertr\u00e4umte Zuckeln eines Regionalexpresses, als auch das Fahren mit dem modernen Hochgeschwindigkeits-ICE, inklusive W-LAN und Kaffee an den Platz (Ja, diesen Service gibt\u2019s inzwischen auch f\u00fcr die Arbeiterklasse).<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Wochenende wars wieder soweit.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgens um neun steh ich auf dem zugigen Bahnsteig und steige strahlend in den rundgelutschten, z\u00e4pfchenf\u00f6rmigen InterCityExpress. Ich f\u00fchle mich weltm\u00e4nnisch, unabh\u00e4ngig, abenteuerlustig und sehr erwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur Minuten sp\u00e4ter ist meine Laune im Keller und ich bereue zutiefst, keinen Sitzplatz reserviert zu haben. Woher kommen nur all diese Menschen? \u00dcber den meisten Pl\u00e4tzen leuchten Reserviert-Schildchen, hinter mir dr\u00e4ngeln Leute, vor mir sortieren Personen sich und ihr Gep\u00e4ck in die Sitzreihen. Es ist laut, hektisch und unterschwellig aggressiv.&nbsp;<em>&#8222;Dieser Fensterplatz ist aber meiner!&#8220;<\/em>&nbsp;Wie im Kindergarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stelle einen Teil meines Gehirns zum Gebet ab (in der Hoffnung, dass mich das von einem gereizten zu einem netten Menschen werden l\u00e4sst) w\u00e4hrend der andere Teil versucht zu erfassen welche Reservierung erst sp\u00e4ter auf der Fahrt gebraucht wird, so dass ich mich erst mal setzen kann und aus dem Weg bin. Schlie\u00dflich werde ich in ein Miniabteil mit drei weiteren Frauen gesp\u00fclt. Keine von uns wei\u00df, ob wir berechtigt sind uns hier aufzuhalten. Gleichzeitig hat keine Lust, diese Oase der Stille wieder zu verlassen. So l\u00e4cheln wir alle h\u00f6flich, h\u00fcllen uns in Schweigen und packen schon mal die Brotzeiten aus. Ich habe einen Platz am Fenster UND an einem Tisch ergattert und bin gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Reisetasche stecken die Unterlagen, die ich noch durchzuarbeiten habe. Die Fastenwoche ohne Perfektionismus gef\u00e4llt mir von allen bisher am besten. Ich bin selbst \u00fcberrascht, wie gut es geht &#8211; und wie sehr es mich entspannt. Ich gebe mein bestes und wenn das nicht reicht, dann kann ich mit den betreffenden Personen reden, was ich besser machen kann oder ob ich eventuell gar nicht der richtige Mensch f\u00fcr den Auftrag bin. Aber bisher hat es gereicht und den Leuten f\u00e4llt zudem auf, dass ich viel weniger gehetzt wirke. Mir f\u00e4llt es auch auf. Und dabei ist es noch nicht mal eine Woche. Verr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr \u00f6ffnet sich bei einem Halt und zwei Frauen strecken die K\u00f6pfe herein. Sie h\u00e4tten hier drin reserviert. Es sind noch zwei Pl\u00e4tze frei und ich muss mich stark beherrschen mich nicht an meinen Sitz zu klammern und&nbsp;<em>&#8218;aber nicht den hier, dieser Fensterplatz ist meiner!&#8216;<\/em>&nbsp;zu rufen. Geht aber alles gut, ich darf sitzen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter fahren wir mit wenigen Minuten Versp\u00e4tung in den Bahnhof ein, wo ich umsteigen soll. Mein Zug wartet am Gleis gegen\u00fcber. Das ist das Sch\u00f6ne an ICEs, die warten aufeinander. Perfekt. Ich eile mit noch ein paar Fahrg\u00e4sten \u00fcber den Bahnsteig und dr\u00fccke auf den T\u00fcr\u00f6ffner. Nichts. Kaputte T\u00fcr erwischt? Am Zug entlang stehen hektisch knopfdr\u00fcckende Menschen. Keine der T\u00fcren \u00f6ffnet sich. Hinter mir ert\u00f6nt die Stimme eines jungen Mannes in majest\u00e4tischer DB-Uniform.&nbsp;<em>&#8222;Der ist schon weg.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss ihn wohl mit wenig intelligentem Gesicht angesehen haben, denn er wiederholt in langsamen und etwas lauterem Deutsch:&nbsp;<em>&#8222;Der Zug\u2026der ist schon weg.&#8220;<\/em><br>Ich starre verst\u00e4ndnislos zwischen der Uniform und dem Zug hin und her. Letzteren kann ich nicht nur deutlich sehen sondern unter meiner rechten Hand auch sp\u00fcren.&nbsp;<em>&#8222;Ich bin mir sehr sicher, dass der Zug noch da ist.&#8220;<\/em>, versuche ich es zaghaft. Da f\u00e4hrt der Zug an und ist nur Sekunden sp\u00e4ter verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann in Uniform l\u00e4chelt \u00fcberlegen und wendet sich ab. In mir brodelt etwas nach oben, f\u00e4rbt mein Gesicht rot, meinen Blick schwarz und l\u00e4sst Mordgedanken aufpoppen; viel zu schnell und zu detailliert um sie fromm zu unterdr\u00fccken. W\u00e4hrend ich um Fassung ringe, bricht auf dem Bahnsteig w\u00fctender Tumult aus. Die Leute sind sauer. Ein junges M\u00e4dchen neben mir hat ihr Handy gez\u00fcckt und erkl\u00e4rt nun der Person am anderen Ende, was sie von der DB h\u00e4lt. Ich stelle mich ein wenig n\u00e4her neben sie und nutze ihre vielf\u00e4ltigen und kreativen Kraftausdr\u00fccke, als stellvertretendes Ventil f\u00fcr meinen eigenen \u00c4rger.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte diese Fahrt so gut geplant. Hatte extra nicht den Zug genommen, der mich ohne Umsteigen ans Ziel gebracht h\u00e4tte, da der 30 Minuten sp\u00e4ter angekommen w\u00e4re. Es war mir wichtig p\u00fcnktlich bei dem Termin zu sein. Guter Eindruck und so. Ich w\u00e4re fast minutengenau dort aufgetaucht\u2026perfekt eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Seufzend muss ich grinsen. Geh\u00f6rt das auch zu Perfektionismus? Auch jetzt mit der Versp\u00e4tung werde p\u00fcnktlich zum Sitzungsbeginn ankommen, nur das Essen verpasse ich vielleicht. Kein Weltuntergang\u2026aber eben nicht das, was ich wollte. Ich lehne mich an eine S\u00e4ule, gehe kurz in mich. Dann greife ich zum Handy, gebe durch, dass ich mich versp\u00e4ten werde (was wie erwartet kein Problem ist) und beschlie\u00dfe mit Jesus noch einen Kaffee trinken zu gehen. Eine Stunde hab ich Zeit, bis der n\u00e4chste Zug kommt. Uns schlie\u00dft sich eine Frau an, die das gleiche Reiseziel hat wie ich. Am Ende der Zwangspause sind die Frau und ich per du und ich um einige lustige und spannende Lebensgeschichten reicher.<\/p>\n\n\n\n<p>P\u00fcnktlich komme ich nicht mehr, aber rechtzeitig, sogar Essen bekomme ich noch. Und da die Gespr\u00e4che schon am Laufen sind, f\u00e4llt es mir leicht, erst einmal anzukommen und entspannt zuzuh\u00f6ren. Das Wochenende wurde dann noch spannend, produktiv und herzlich, mit wunderbaren und interessanten Menschen, guten Themen und tollem Essen. Irgendwie perfekt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich muss gestehen: ich fahre gerne Zug. Von allen mir zur Verf\u00fcgung stehenden Reisemitteln, ist mir die Bahn am liebsten. Ich mag sowohl das vertr\u00e4umte Zuckeln eines Regionalexpresses, als auch das Fahren mit dem modernen Hochgeschwindigkeits-ICE, inklusive W-LAN und Kaffee an den Platz (Ja, diesen Service gibt\u2019s inzwischen auch f\u00fcr die Arbeiterklasse). Dieses Wochenende wars wieder soweit. Morgens um neun steh ich auf dem zugigen Bahnsteig und steige strahlend in den rundgelutschten, z\u00e4pfchenf\u00f6rmigen InterCityExpress. Ich f\u00fchle mich weltm\u00e4nnisch, unabh\u00e4ngig, abenteuerlustig und sehr erwachsen. Nur Minuten sp\u00e4ter ist meine Laune im Keller und ich bereue zutiefst, keinen Sitzplatz reserviert zu haben. Woher kommen nur all diese Menschen? \u00dcber den meisten Pl\u00e4tzen leuchten Reserviert-Schildchen, hinter mir dr\u00e4ngeln Leute, vor mir sortieren Personen sich und ihr Gep\u00e4ck in die Sitzreihen. Es ist laut, hektisch und unterschwellig aggressiv.&nbsp;&#8222;Dieser Fensterplatz ist aber meiner!&#8220;&nbsp;Wie im Kindergarten. Ich stelle einen Teil meines Gehirns zum Gebet ab (in der Hoffnung, dass mich das von einem gereizten zu einem netten Menschen werden l\u00e4sst) w\u00e4hrend der andere Teil versucht zu erfassen welche Reservierung erst sp\u00e4ter auf der Fahrt gebraucht wird, so dass ich mich erst mal setzen kann und aus dem Weg bin. Schlie\u00dflich werde ich in ein Miniabteil mit drei weiteren Frauen gesp\u00fclt. Keine von uns wei\u00df, ob wir berechtigt sind uns hier aufzuhalten. Gleichzeitig hat keine Lust, diese Oase der Stille wieder zu verlassen. So l\u00e4cheln wir alle h\u00f6flich, h\u00fcllen uns in Schweigen und packen schon mal die Brotzeiten aus. Ich habe einen Platz am Fenster UND an einem Tisch ergattert und bin gl\u00fccklich. In meiner Reisetasche stecken die Unterlagen, die ich noch durchzuarbeiten habe. Die Fastenwoche ohne Perfektionismus gef\u00e4llt mir von allen bisher am besten. Ich bin selbst \u00fcberrascht, wie gut es geht &#8211; und wie sehr es mich entspannt. Ich gebe mein bestes und wenn das nicht reicht, dann kann ich mit den betreffenden Personen reden, was ich besser machen kann oder ob ich eventuell gar nicht der richtige Mensch f\u00fcr den Auftrag bin. Aber bisher hat es gereicht und den Leuten f\u00e4llt zudem auf, dass ich viel weniger gehetzt wirke. Mir f\u00e4llt es auch auf. Und dabei ist es noch nicht mal eine Woche. Verr\u00fcckt. Die T\u00fcr \u00f6ffnet sich bei einem Halt und zwei Frauen strecken die K\u00f6pfe herein. Sie h\u00e4tten hier drin reserviert. Es sind noch zwei Pl\u00e4tze frei und ich muss mich stark beherrschen mich nicht an meinen Sitz zu klammern und&nbsp;&#8218;aber nicht den hier, dieser Fensterplatz ist meiner!&#8216;&nbsp;zu rufen. Geht aber alles gut, ich darf sitzen bleiben. Zwei Stunden sp\u00e4ter fahren wir mit wenigen Minuten Versp\u00e4tung in den Bahnhof ein, wo ich umsteigen soll. Mein Zug wartet am Gleis gegen\u00fcber. Das ist das Sch\u00f6ne an ICEs, die warten aufeinander. Perfekt. Ich eile mit noch ein paar Fahrg\u00e4sten \u00fcber den Bahnsteig und dr\u00fccke auf den T\u00fcr\u00f6ffner. Nichts. Kaputte T\u00fcr erwischt? Am Zug entlang stehen hektisch knopfdr\u00fcckende Menschen. Keine der T\u00fcren \u00f6ffnet sich. 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Die Leute sind sauer. Ein junges M\u00e4dchen neben mir hat ihr Handy gez\u00fcckt und erkl\u00e4rt nun der Person am anderen Ende, was sie von der DB h\u00e4lt. Ich stelle mich ein wenig n\u00e4her neben sie und nutze ihre vielf\u00e4ltigen und kreativen Kraftausdr\u00fccke, als stellvertretendes Ventil f\u00fcr meinen eigenen \u00c4rger. Ich hatte diese Fahrt so gut geplant. Hatte extra nicht den Zug genommen, der mich ohne Umsteigen ans Ziel gebracht h\u00e4tte, da der 30 Minuten sp\u00e4ter angekommen w\u00e4re. Es war mir wichtig p\u00fcnktlich bei dem Termin zu sein. Guter Eindruck und so. Ich w\u00e4re fast minutengenau dort aufgetaucht\u2026perfekt eben. Seufzend muss ich grinsen. Geh\u00f6rt das auch zu Perfektionismus? Auch jetzt mit der Versp\u00e4tung werde p\u00fcnktlich zum Sitzungsbeginn ankommen, nur das Essen verpasse ich vielleicht. Kein Weltuntergang\u2026aber eben nicht das, was ich wollte. Ich lehne mich an eine S\u00e4ule, gehe kurz in mich. Dann greife ich zum Handy, gebe durch, dass ich mich versp\u00e4ten werde (was wie erwartet kein Problem ist) und beschlie\u00dfe mit Jesus noch einen Kaffee trinken zu gehen. Eine Stunde hab ich Zeit, bis der n\u00e4chste Zug kommt. Uns schlie\u00dft sich eine Frau an, die das gleiche Reiseziel hat wie ich. Am Ende der Zwangspause sind die Frau und ich per du und ich um einige lustige und spannende Lebensgeschichten reicher. P\u00fcnktlich komme ich nicht mehr, aber rechtzeitig, sogar Essen bekomme ich noch. Und da die Gespr\u00e4che schon am Laufen sind, f\u00e4llt es mir leicht, erst einmal anzukommen und entspannt zuzuh\u00f6ren. Das Wochenende wurde dann noch spannend, produktiv und herzlich, mit wunderbaren und interessanten Menschen, guten Themen und tollem Essen. 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