{"id":311,"date":"2018-06-19T07:20:00","date_gmt":"2018-06-19T07:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=311"},"modified":"2020-04-28T10:48:31","modified_gmt":"2020-04-28T10:48:31","slug":"der-leere-platz-stranderinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=311","title":{"rendered":"Der leere Platz &#8211; Stranderinnerungen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Mein Mann hantiert im Flur, ich h\u00f6re das Schleifen der Reisetasche \u00fcber Fliesen. Es muss mitten in der Nacht sein. Drau\u00dfen ist es noch stockfinster. Ich bin wohl wieder eingeschlafen, denn als ich die Augen erneut aufmache, steht er neben mir und fl\u00fcstert.&nbsp;<em>&#8222;Komm, lass uns losfahren, das Meer wartet. Du kannst im Auto noch ein wenig schlafen.&#8220;<\/em>&nbsp;W\u00e4hrend ich in meine Kleidung schl\u00fcpfe und auf dem Weg zum Auto notd\u00fcrftig versuche mit den Fingern eine Frisur aus meinen verknoteten Haaren zu machen, blitzen Bilder von fr\u00fcher wieder auf:<\/p>\n\n\n\n<p>Die leisen Stimmen meiner Eltern, die mich wecken. Mein Schlaf war schon immer leicht, selbst als Kind. Drau\u00dfen ist dunkle Nacht. Um diese Zeit f\u00fchlt sich die Wohnung anders an, fremd. Vielleicht ein bisschen nach Abenteuer. Ich wei\u00df nicht, ob ich das mag. Die Stimmen meiner Eltern sind zwar vertraut, klingen um diese Uhrzeit und gefl\u00fcstert aber dennoch ungewohnt. Ich bleibe im Bett, warte. Bis die T\u00fcr aufgeht und meine Mutter mir sanft \u00fcber die Stirn streichelt.&nbsp;<em>&#8222;Aufwachen, mein Schatz. Wir fahren in den Urlaub.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So war es immer: mein Vater peilt f\u00fcnf Uhr morgens an, beschlie\u00dft gegen 24 Uhr ins Bett zu gehen und gegen zwei Uhr, dass er eh nicht schlafen kann. Kurz vor drei fahren wir dann los. Die Stra\u00dfen leer, die Stimmung kribbelig, das Auto in bester Tetris-Manier bis auf den letzten Zentimeter gef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und irgendwann, sind wir da. In D\u00e4nemark. Am Meer. Beim \u00d6ffnen der Autot\u00fcren schl\u00e4gt uns Wind entgegen. Immer. Hier ist immer Wind. Angereichert mit dem Geruch von Salz und der leichten Fischnote vom nahen Hafen. Wir holen die Schl\u00fcssel f\u00fcr das Ferienhaus. Zum Meer gehen wir alle zusammen. Die letzte D\u00fcne ist am steilsten. Ich krabble auf allen vieren hoch und genie\u00dfe den weichen Sand unter meinen Fingern und die pl\u00f6tzliche Windb\u00f6e, wenn man den Kopf \u00fcber den Rand der D\u00fcne schiebt. Dann taucht es auf &#8211; das Meer. Es verschl\u00e4gt mir die Sprache, ich kann nicht mehr atmen. Jedes Mal. Angst krabbelt in mir hoch. Das Meer ist so weit, so gewaltig. Es wird ein paar Tage dauern, bis ich mich an den Anblick und an das Gef\u00fchl in mir, das dieser Anblick ausl\u00f6st, gew\u00f6hnt habe. Aber dann werde ich entspannt am Strand spielen k\u00f6nnen und mich sogar in das Meer hinein trauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den Jahren weichen die Sandburgen den Strandspazierg\u00e4ngen. Meine Mama ist neben mir und ich f\u00fchle mich unglaublich erwachsen, wenn wir uns unterhalten. Inzwischen sind meine Fu\u00dfabdr\u00fccke im weichen Sand fast so gro\u00df wie ihre. Sie interessiert sich f\u00fcr meine Ansichten und erkl\u00e4rt mir ihre. Wir kommen von einem Thema zum n\u00e4chsten, w\u00e4hrend unsere Vertrautheit w\u00e4chst. Mit den Jahren hat sich unsere Beziehung ver\u00e4ndert. L\u00e4ngst bin ich ausgezogen, lebe und arbeite in einer anderen Stadt, aber in den Urlaub begleite ich meine Eltern noch. Mama ist meine Freundin geworden, die mich besser kennt, als jeder andere Mensch. Sie hat es geschafft mir Freiraum zu geben, auch da, wo sie meine Ansichten nicht teilt. Und ich habe begriffen, dass es nicht meine Aufgabe ist, sie zu erziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch heute l\u00f6st der Anblick des Meeres ein leichtes Kribbeln in mir aus. Die pure Weite erschl\u00e4gt und fasziniert mich gleicher Ma\u00dfen. Das Gef\u00fchl und die Ger\u00fcche kn\u00fcpfen an meine Kindheit an und erreichen R\u00e4ume, die ich ohne sie nicht \u00f6ffnen k\u00f6nnte. Hier, an diesem speziellen Strand, liegen Gl\u00fcck und Schmerz nah beieinander. Hier hat meine Mutter ihren letzten Urlaub verbracht, bereits von der Chemo geschw\u00e4cht, aber unwillig auf das Meer zu verzichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute gehe ich allein am Strand entlang. Mein Mann ist in der N\u00e4he, aber hier am Meer ist jeder von uns in seiner eigenen Welt. Ich sp\u00fcre den k\u00fchlen, nassen Sand unter meinen F\u00fc\u00dfen, weiche immer mal wieder einer vorwitzigen Welle aus, die unerwartet weit \u00fcber den Strand schwappt. Der Platz an meiner Seite ist leer und wird es auch bleiben. Manche Menschen hinterlassen L\u00fccken in unserem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmerzhafte L\u00fccken. Doch wenn ich ehrlich bin, dann finde ich das auch gut so. Ich finde es beruhigend, dass Menschen nicht einfach ersetzbar sind. Ich finde es beruhigend, dass Menschen mehr sind, als nur die Bed\u00fcrfnisse, die sie in uns befriedigen.<br>Ich habe gute Freunde und einen liebevollen Mann. Meine Seite ist nicht wirklich leer. Aber dieser eine spezielle Platz wird unbesetzt bleiben. Das tut weh und manchmal kommt Verzweiflung hoch und brennende Sehnsucht. Vor allem hier am Strand. Gleichzeitig ist hier der Ort, an dem ich mich gerne und dankbar zur\u00fcckerinnere, an eine Zeit mit einem wundervollen Menschen. Einem Menschen, der eine L\u00fccke hinterlassen hat, weil er f\u00fcr mich so viel war und so viel in mich investiert hat. Ein Mensch, der an mich geglaubt hat, unabh\u00e4ngig von meinen Leistungen und meinen Launen. Danke, Mama. Ich liebe Dich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/laufforum24.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Meer-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-312\" srcset=\"http:\/\/nurheute.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Meer-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/nurheute.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Meer-300x225.jpg 300w, http:\/\/nurheute.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Meer-768x576.jpg 768w, http:\/\/nurheute.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Meer-1140x855.jpg 1140w, http:\/\/nurheute.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Meer.jpg 1210w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/laufforum24.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/MeerTine-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-313\" srcset=\"http:\/\/nurheute.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/MeerTine-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/nurheute.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/MeerTine-300x225.jpg 300w, http:\/\/nurheute.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/MeerTine-768x576.jpg 768w, http:\/\/nurheute.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/MeerTine-1140x855.jpg 1140w, http:\/\/nurheute.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/MeerTine.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Mann hantiert im Flur, ich h\u00f6re das Schleifen der Reisetasche \u00fcber Fliesen. Es muss mitten in der Nacht sein. Drau\u00dfen ist es noch stockfinster. Ich bin wohl wieder eingeschlafen, denn als ich die Augen erneut aufmache, steht er neben mir und fl\u00fcstert.&nbsp;&#8222;Komm, lass uns losfahren, das Meer wartet. Du kannst im Auto noch ein wenig schlafen.&#8220;&nbsp;W\u00e4hrend ich in meine Kleidung schl\u00fcpfe und auf dem Weg zum Auto notd\u00fcrftig versuche mit den Fingern eine Frisur aus meinen verknoteten Haaren zu machen, blitzen Bilder von fr\u00fcher wieder auf: Die leisen Stimmen meiner Eltern, die mich wecken. Mein Schlaf war schon immer leicht, selbst als Kind. Drau\u00dfen ist dunkle Nacht. Um diese Zeit f\u00fchlt sich die Wohnung anders an, fremd. Vielleicht ein bisschen nach Abenteuer. Ich wei\u00df nicht, ob ich das mag. Die Stimmen meiner Eltern sind zwar vertraut, klingen um diese Uhrzeit und gefl\u00fcstert aber dennoch ungewohnt. Ich bleibe im Bett, warte. Bis die T\u00fcr aufgeht und meine Mutter mir sanft \u00fcber die Stirn streichelt.&nbsp;&#8222;Aufwachen, mein Schatz. Wir fahren in den Urlaub.&#8220; So war es immer: mein Vater peilt f\u00fcnf Uhr morgens an, beschlie\u00dft gegen 24 Uhr ins Bett zu gehen und gegen zwei Uhr, dass er eh nicht schlafen kann. Kurz vor drei fahren wir dann los. Die Stra\u00dfen leer, die Stimmung kribbelig, das Auto in bester Tetris-Manier bis auf den letzten Zentimeter gef\u00fcllt. Und irgendwann, sind wir da. In D\u00e4nemark. Am Meer. Beim \u00d6ffnen der Autot\u00fcren schl\u00e4gt uns Wind entgegen. Immer. Hier ist immer Wind. Angereichert mit dem Geruch von Salz und der leichten Fischnote vom nahen Hafen. Wir holen die Schl\u00fcssel f\u00fcr das Ferienhaus. Zum Meer gehen wir alle zusammen. Die letzte D\u00fcne ist am steilsten. Ich krabble auf allen vieren hoch und genie\u00dfe den weichen Sand unter meinen Fingern und die pl\u00f6tzliche Windb\u00f6e, wenn man den Kopf \u00fcber den Rand der D\u00fcne schiebt. Dann taucht es auf &#8211; das Meer. Es verschl\u00e4gt mir die Sprache, ich kann nicht mehr atmen. Jedes Mal. Angst krabbelt in mir hoch. Das Meer ist so weit, so gewaltig. Es wird ein paar Tage dauern, bis ich mich an den Anblick und an das Gef\u00fchl in mir, das dieser Anblick ausl\u00f6st, gew\u00f6hnt habe. Aber dann werde ich entspannt am Strand spielen k\u00f6nnen und mich sogar in das Meer hinein trauen. Mit den Jahren weichen die Sandburgen den Strandspazierg\u00e4ngen. Meine Mama ist neben mir und ich f\u00fchle mich unglaublich erwachsen, wenn wir uns unterhalten. Inzwischen sind meine Fu\u00dfabdr\u00fccke im weichen Sand fast so gro\u00df wie ihre. Sie interessiert sich f\u00fcr meine Ansichten und erkl\u00e4rt mir ihre. Wir kommen von einem Thema zum n\u00e4chsten, w\u00e4hrend unsere Vertrautheit w\u00e4chst. Mit den Jahren hat sich unsere Beziehung ver\u00e4ndert. L\u00e4ngst bin ich ausgezogen, lebe und arbeite in einer anderen Stadt, aber in den Urlaub begleite ich meine Eltern noch. Mama ist meine Freundin geworden, die mich besser kennt, als jeder andere Mensch. Sie hat es geschafft mir Freiraum zu geben, auch da, wo sie meine Ansichten nicht teilt. Und ich habe begriffen, dass es nicht meine Aufgabe ist, sie zu erziehen. Noch heute l\u00f6st der Anblick des Meeres ein leichtes Kribbeln in mir aus. Die pure Weite erschl\u00e4gt und fasziniert mich gleicher Ma\u00dfen. Das Gef\u00fchl und die Ger\u00fcche kn\u00fcpfen an meine Kindheit an und erreichen R\u00e4ume, die ich ohne sie nicht \u00f6ffnen k\u00f6nnte. Hier, an diesem speziellen Strand, liegen Gl\u00fcck und Schmerz nah beieinander. Hier hat meine Mutter ihren letzten Urlaub verbracht, bereits von der Chemo geschw\u00e4cht, aber unwillig auf das Meer zu verzichten. Heute gehe ich allein am Strand entlang. Mein Mann ist in der N\u00e4he, aber hier am Meer ist jeder von uns in seiner eigenen Welt. Ich sp\u00fcre den k\u00fchlen, nassen Sand unter meinen F\u00fc\u00dfen, weiche immer mal wieder einer vorwitzigen Welle aus, die unerwartet weit \u00fcber den Strand schwappt. Der Platz an meiner Seite ist leer und wird es auch bleiben. Manche Menschen hinterlassen L\u00fccken in unserem Leben. Schmerzhafte L\u00fccken. Doch wenn ich ehrlich bin, dann finde ich das auch gut so. Ich finde es beruhigend, dass Menschen nicht einfach ersetzbar sind. Ich finde es beruhigend, dass Menschen mehr sind, als nur die Bed\u00fcrfnisse, die sie in uns befriedigen.Ich habe gute Freunde und einen liebevollen Mann. Meine Seite ist nicht wirklich leer. Aber dieser eine spezielle Platz wird unbesetzt bleiben. Das tut weh und manchmal kommt Verzweiflung hoch und brennende Sehnsucht. Vor allem hier am Strand. Gleichzeitig ist hier der Ort, an dem ich mich gerne und dankbar zur\u00fcckerinnere, an eine Zeit mit einem wundervollen Menschen. Einem Menschen, der eine L\u00fccke hinterlassen hat, weil er f\u00fcr mich so viel war und so viel in mich investiert hat. Ein Mensch, der an mich geglaubt hat, unabh\u00e4ngig von meinen Leistungen und meinen Launen. Danke, Mama. Ich liebe Dich.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":315,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[48],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/311"}],"collection":[{"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=311"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/311\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":314,"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/311\/revisions\/314"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/315"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/nurheute.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}