{"id":309,"date":"2018-06-26T06:18:00","date_gmt":"2018-06-26T06:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=309"},"modified":"2020-02-21T18:49:12","modified_gmt":"2020-02-21T18:49:12","slug":"als-es-noch-zeitmaschinen-gab","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=309","title":{"rendered":"Als es noch Zeitmaschinen gab"},"content":{"rendered":"\n<p>Kennt ihr diese alten Diaprojektoren?<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Familiendiazeiten fielen in der Regel auf verregnete Nachmittage, in denen die Verwandtschaft im Haus war, sprich auf verregnete Geburtstage. Zu dem Zeitpunkt, wenn der Kaffee getrunken und der Kuchen gegessen war entstand eine unangenehme L\u00fccke. Diese wurde entweder mit Fernsehen \u00fcberbr\u00fcckt (was meine Mutter in den Wahnsinn trieb) oder mit Spazierengehen, trotz Regenwetter &#8211; sehr zu meinem Leidwesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte an dieser Stelle gerne betonen, dass ich dem Spruch&nbsp;<em>&#8222;Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.&#8220;<\/em>&nbsp;\u00fcberhaupt nichts abgewinnen kann.&nbsp;<strong>Es gibt sehr wohl schlechtes Wetter.<\/strong>&nbsp;Die Hauptaufgabe dieses Wetters ist es, einem ein Argument zu liefern, dass man zu Hause kann. Am besten mit nem hei\u00dfen Kakao in H\u00e4nden. Meine Familie hat dieses Prinzip nur nie richtig verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab und zu kam jedoch der zaghafte Vorschlag (meistens von mir), man k\u00f6nne ja auch Dias anschauen. Und damit begann das Spektakel:<\/p>\n\n\n\n<p>Der Raum muss abgedunkelt werden. Vater und Onkel streiten sich, wie der Projektorklapptisch denn nun korrekt aufgestellt wird, w\u00e4hrend Opa voller Vorfreude &#8211; auf dem Boden hockend &#8211; die Dias vorsortiert. Das Licht geht aus, jeder findet seinen Platz (jemand flucht, weil ihm\/ihr jemand anderes auf den Zeh getreten ist. Mama schimpft, weil man nicht flucht, schon gar nicht vor den Kindern.) Und dann geht der Projektor an. Der Raum riecht pl\u00f6tzlich nach warmen Staub.&nbsp;<strong>Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass Zeitmaschinen so riechen wie Diaprojektoren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es klickt wiederholt, der Projekttr\u00e4ger greift drei Mal ins Leere, nichts passiert. Ich bekomme Panik, weil ich bef\u00fcrchte er k\u00f6nne kaputt sein. Dann erwischt das Ger\u00e4t das erste Bild. Damit beginnt der Zauber. Jedes Bild bietet eine neue Welt, in die man eintauchen kann. Und mit jedem Klicken m\u00f6chte man aufschreien, weil es verschwindet, w\u00e4hrend sich gleichzeitig das Tor zu einer neuen Welt \u00f6ffnet.&nbsp;In jedes m\u00f6chte man eintauchen, darin umhergehen, beobachten, ber\u00fchren, zuh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sind die Urlaube von Kroatien, wo Mama so jung und gl\u00fccklich ist und ich noch kein Kindergartenkind bin, aber schon ganz lange Haare habe. Ich trage einen zitronengelben Rock und spiele mit einer kleinen Katze. Kroatien ist f\u00fcr mich untrennbar mit gelben R\u00f6cken und dem staubig-warmen Geruch des Diaprojektors verbunden.<br>Dann Geburtstagsfeiern im Garten: gleicher Ort, gleiches Wetter, gleiche Menschen nur unterschiedlich alt und mit unterschiedlichen Frisuren. Es wird gestichelt und gekichert. Bilder vom Grill. Erstes Gemurmel, ob es eigentlich schon zu fr\u00fch f\u00fcr ein Bier ist.<br><em>&#8222;Ist es&#8220;<\/em>, sagt Mama.&nbsp;<em>&#8222;Ist doch ein besonderer Tag.&#8220;<\/em>, sagt Papa.&nbsp;<em>&#8222;Man k\u00f6nne mal wieder grillen.&#8220;<\/em>, sagt Oma, w\u00e4hrend Opa schon mal los l\u00e4uft um Bier aus dem Keller zu holen. Das Licht geht an, damit Opa was sieht und nicht \u00fcber fremde Beine f\u00e4llt. Das Bild, das gerade noch deutlich auf der Leinwand zu sehen war verblasst und die Zeitmaschinenstimmung ist weg.<br>Die Erwachsenen unterhalten sich und ich verdr\u00fccke mich in mein Zimmer, bis mich jemand zum Abendessen ruft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Familie war alles andere als perfekt.<\/strong>&nbsp;Ich k\u00f6nnte auch Geschichten von unerf\u00fcllten Bed\u00fcrfnissen, von Verletzungen, Egoismus und Streit erz\u00e4hlen. Oder eben noch weitere von Liebe, gemeinsamen Ritualen und N\u00e4he. Ich denke es ist immer beides.&nbsp;<strong>Die gr\u00f6\u00dften Verletzungen ziehen wir uns bei den Menschen zu, die uns nahe sind. Aber hier erleben wir auch das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck.<\/strong><br>Heute habe ich keine Kernfamilie in diesem Sinne mehr. Aber ich habe einen tollen Mann, eine wunderbare Schwester, liebe Freunde und ich habe eine Gemeinde. Menschen, mit denen ich zusammengew\u00fcrfelt wurde, so wie ich in meine Familie hineingerutscht bin. Mit diesen Menschen bin ich nun unterwegs. Es bilden sich bereits neue Rituale. Es entwickelt sich Vertrauen. Es kommt zu Streit und zu Verletzungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterm Strich wei\u00df ich, dass ich hier richtig bin. Und w\u00e4hrend ich mich weiter mit meiner Trauer besch\u00e4ftige, blitzen bereits immer wieder Erinnerungen an Erlebnisse aus der j\u00fcngeren Vergangenheit auf. Das Leben geht weiter. Das ist manchmal schmerzhaft, aber eigentlich ist es wunderbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennt ihr diese alten Diaprojektoren? Unsere Familiendiazeiten fielen in der Regel auf verregnete Nachmittage, in denen die Verwandtschaft im Haus war, sprich auf verregnete Geburtstage. Zu dem Zeitpunkt, wenn der Kaffee getrunken und der Kuchen gegessen war entstand eine unangenehme L\u00fccke. Diese wurde entweder mit Fernsehen \u00fcberbr\u00fcckt (was meine Mutter in den Wahnsinn trieb) oder mit Spazierengehen, trotz Regenwetter &#8211; sehr zu meinem Leidwesen. Ich m\u00f6chte an dieser Stelle gerne betonen, dass ich dem Spruch&nbsp;&#8222;Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.&#8220;&nbsp;\u00fcberhaupt nichts abgewinnen kann.&nbsp;Es gibt sehr wohl schlechtes Wetter.&nbsp;Die Hauptaufgabe dieses Wetters ist es, einem ein Argument zu liefern, dass man zu Hause kann. Am besten mit nem hei\u00dfen Kakao in H\u00e4nden. Meine Familie hat dieses Prinzip nur nie richtig verstanden. Ab und zu kam jedoch der zaghafte Vorschlag (meistens von mir), man k\u00f6nne ja auch Dias anschauen. Und damit begann das Spektakel: Der Raum muss abgedunkelt werden. Vater und Onkel streiten sich, wie der Projektorklapptisch denn nun korrekt aufgestellt wird, w\u00e4hrend Opa voller Vorfreude &#8211; auf dem Boden hockend &#8211; die Dias vorsortiert. Das Licht geht aus, jeder findet seinen Platz (jemand flucht, weil ihm\/ihr jemand anderes auf den Zeh getreten ist. Mama schimpft, weil man nicht flucht, schon gar nicht vor den Kindern.) Und dann geht der Projektor an. Der Raum riecht pl\u00f6tzlich nach warmen Staub.&nbsp;Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass Zeitmaschinen so riechen wie Diaprojektoren. Es klickt wiederholt, der Projekttr\u00e4ger greift drei Mal ins Leere, nichts passiert. Ich bekomme Panik, weil ich bef\u00fcrchte er k\u00f6nne kaputt sein. Dann erwischt das Ger\u00e4t das erste Bild. Damit beginnt der Zauber. Jedes Bild bietet eine neue Welt, in die man eintauchen kann. Und mit jedem Klicken m\u00f6chte man aufschreien, weil es verschwindet, w\u00e4hrend sich gleichzeitig das Tor zu einer neuen Welt \u00f6ffnet.&nbsp;In jedes m\u00f6chte man eintauchen, darin umhergehen, beobachten, ber\u00fchren, zuh\u00f6ren. Da sind die Urlaube von Kroatien, wo Mama so jung und gl\u00fccklich ist und ich noch kein Kindergartenkind bin, aber schon ganz lange Haare habe. Ich trage einen zitronengelben Rock und spiele mit einer kleinen Katze. Kroatien ist f\u00fcr mich untrennbar mit gelben R\u00f6cken und dem staubig-warmen Geruch des Diaprojektors verbunden.Dann Geburtstagsfeiern im Garten: gleicher Ort, gleiches Wetter, gleiche Menschen nur unterschiedlich alt und mit unterschiedlichen Frisuren. Es wird gestichelt und gekichert. Bilder vom Grill. Erstes Gemurmel, ob es eigentlich schon zu fr\u00fch f\u00fcr ein Bier ist.&#8222;Ist es&#8220;, sagt Mama.&nbsp;&#8222;Ist doch ein besonderer Tag.&#8220;, sagt Papa.&nbsp;&#8222;Man k\u00f6nne mal wieder grillen.&#8220;, sagt Oma, w\u00e4hrend Opa schon mal los l\u00e4uft um Bier aus dem Keller zu holen. Das Licht geht an, damit Opa was sieht und nicht \u00fcber fremde Beine f\u00e4llt. Das Bild, das gerade noch deutlich auf der Leinwand zu sehen war verblasst und die Zeitmaschinenstimmung ist weg.Die Erwachsenen unterhalten sich und ich verdr\u00fccke mich in mein Zimmer, bis mich jemand zum Abendessen ruft. Meine Familie war alles andere als perfekt.&nbsp;Ich k\u00f6nnte auch Geschichten von unerf\u00fcllten Bed\u00fcrfnissen, von Verletzungen, Egoismus und Streit erz\u00e4hlen. Oder eben noch weitere von Liebe, gemeinsamen Ritualen und N\u00e4he. Ich denke es ist immer beides.&nbsp;Die gr\u00f6\u00dften Verletzungen ziehen wir uns bei den Menschen zu, die uns nahe sind. Aber hier erleben wir auch das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck.Heute habe ich keine Kernfamilie in diesem Sinne mehr. Aber ich habe einen tollen Mann, eine wunderbare Schwester, liebe Freunde und ich habe eine Gemeinde. Menschen, mit denen ich zusammengew\u00fcrfelt wurde, so wie ich in meine Familie hineingerutscht bin. Mit diesen Menschen bin ich nun unterwegs. Es bilden sich bereits neue Rituale. Es entwickelt sich Vertrauen. Es kommt zu Streit und zu Verletzungen. Unterm Strich wei\u00df ich, dass ich hier richtig bin. Und w\u00e4hrend ich mich weiter mit meiner Trauer besch\u00e4ftige, blitzen bereits immer wieder Erinnerungen an Erlebnisse aus der j\u00fcngeren Vergangenheit auf. Das Leben geht weiter. 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