{"id":293,"date":"2018-08-07T06:02:48","date_gmt":"2018-08-07T06:02:48","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=293"},"modified":"2020-02-21T19:04:28","modified_gmt":"2020-02-21T19:04:28","slug":"lesen-im-sommer-ist-auch-irgendwie-wegfahren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=293","title":{"rendered":"Lesen im Sommer ist auch irgendwie wegfahren"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein kleines Geschenk f\u00fcr alle, die zu Hause bleiben und nicht in die Sommerferien fahren.<\/p>\n\n\n\n<h6>Erinnerung<\/h6>\n\n\n\n<p>Alle zwei Wochen besucht Mama mit mir die Stadtb\u00fccherei. Immer dienstags. Jahrelang. Obwohl ich also jede Jahreszeit mehrmals erlebt haben muss, ist es in meiner Erinnerung immer Herbst. Nasskalter Herbst, mit gro\u00dfen Bl\u00e4tterhaufen, durch die ich nicht springen soll, weil ich sonst zu dreckig bin.<br>Die B\u00fccherei selbst ist warm, erdbraunfarbig und trocken. Ich liebe die Atmosph\u00e4re. Leider sind die Menschen die hier arbeiten griesgr\u00e4mig und schimpfen schnell. Ich muss an ihrem Tresen vorbei, wenn ich zu den Sch\u00e4tzen in der Kinderabteilung m\u00f6chte. Bibliothekare sind wie die Sphinxen in der Unendlichen Geschichte &#8211; man darf ihnen nicht in die Augen sehen, sonst t\u00f6ten sie einen mit ihren Feuerblicken. (Zur damaligen Zeit wei\u00df ich nat\u00fcrlich noch nichts von der Unendlichen Geschichte, aber das Sphinx-Prinzip ist mir bereits klar.)<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Kinderabteilung geht es erst rechts, dann links. Mama bringt mich hin und verschwindet dann um f\u00fcr sich B\u00fccher auszuw\u00e4hlen. Einmal hat sie l\u00e4nger gebraucht und ich bin sie suchen gegangen. Dazu musste ich in die Erwachsenenabteilung. Die Regale sind hier viel h\u00f6her als bei den Kindern und die Reihen erstrecken sich bis in die Unendlichkeit. Wenn man sich hier verl\u00e4uft, findet man nie wieder zur\u00fcck und muss als Buchgeist f\u00fcr immer zwischen den Regalen leben.<br>Mamas findet man hier drin \u00fcbrigens auch nicht wieder. Ich habe einen Heulkrampf bekommen, was in einer B\u00fccherei nicht gut ist, weil man da leise sein muss. Aber wenigstens hat Mama mich auf diese Weise gefunden. Nur gab es Schimpfe und viele &#8218;Psssssts&#8216; von allen Seiten. Seit diesem Erlebnis bleibe ich in der Kinderabteilung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei B\u00fccher darf ich mir aussuchen, denn ich bin schon vier. Ich darf sie aus den Boxen nehmen, aber vorsichtig! Wenn ich zur Schule gehe, werde ich auch welche aus den Kinderregalen ziehen d\u00fcrfen, darauf freue ich mich. Da sind viel weniger Bilder drin, aber Mama sagt, dass die Buchstaben Bilder im Kopf malen, wenn man lesen kann. Das ist aufregend. Ich sp\u00fcre ein Ziehen im Bauch und kurz darauf muss ich aufs Klo. Ich muss immer aufs Klo, wenn wir hier sind. Zum Gl\u00fcck kommt Mama gerade zur\u00fcck und geht mit mir. Sie kennt das schon.<br>Dann geht sie an den Tresen, gibt die alten B\u00fccher zur\u00fcck und leiht die neuen aus, w\u00e4hrend sie mit einer Sphinx spricht. Meine Mama ist sehr mutig. Sie legt die B\u00fccher in ihren Korb und wir gehen durch den Park nach Hause. Jetzt darf ich durch die Bl\u00e4tterhaufen waten.<\/p>\n\n\n\n<h6>Gegenwart<\/h6>\n\n\n\n<p>In der Stadtb\u00fccherei ist es k\u00fchl. Die Klimaanlage tut ihre Pflicht und der lindgr\u00fcne Linoleumboden steuert das Seinige bei. Dieses Gr\u00fcn sorgt gewissenhaft daf\u00fcr, dass sich bei den Besuchern, trotz der angebotenen Polsterm\u00f6bel, ein Gef\u00fchl der K\u00e4lte breitmacht. Das st\u00f6rt mich gerade im Winter sehr. Denn was g\u00e4be es sch\u00f6neres als bei dem Geruch von B\u00fcchern hinter gro\u00dfen Fensterscheiben zu sitzen und auf die nasskalten Stra\u00dfen einer vertr\u00e4umten schw\u00e4bischen Kleinstadt zu sehen. Die Farbgebung verhindert jedoch erfolgreich, dass ich mich l\u00e4nger als n\u00f6tig in den R\u00e4umen aufhalten m\u00f6chte. Heute ist es aber okay, ich f\u00fchle mich\u2026abgek\u00fchlt\u2026als ich das Geb\u00e4ude betrete, was bei 35 Grad im Schatten recht angenehm ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau hinterm Tresen grinst zu mir her\u00fcber und winkt kurz, bevor sie sich wieder den zwei kleinen M\u00e4dchen zuwendet und ihnen mit leuchtenden Augen von den Welten in den B\u00fcchern erz\u00e4hlt. Ich muss l\u00e4cheln. Hier ist es so anders als auf dem B\u00fcchereiplaneten meiner Kindheit. Auch wenn ich diese Welt im Herbstpark vermisse. Ich habe schon mehrfach \u00fcberlegt, ob ich einfach mal hinfahren sollte. Aber im Park w\u00e4re gerade Sommer, den Sphinxen w\u00fcrde ich auf Augenh\u00f6he begegnen, falls sie nicht l\u00e4ngst pensioniert sind, die Erwachsenenabteilung w\u00fcrde sich wohl nicht \u00fcber die Geb\u00e4udegrenzen hinweg ausdehnen und ich w\u00fcrde meine Mama nicht zwischen den Regalreihen finden, egal wie sehr ich weine. Und falls doch, w\u00fcrde ich nicht weinen, sondern schreien. Nein, es w\u00e4re nicht das gleiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00fccherei steht in der Mitte der Altstadt und ich bin, trotz der n\u00fcchternen Atmosph\u00e4re, gerne hier, halt immer nur kurz. Heute bin ich zappelig. Die moderne Wendeltreppe lockt. Normalerweise bleibe ich im Erdgeschoss, denn da stehen die Bastelkramb\u00fccher. Manchmal gehe ich auch nach unten zur Fachliteratur und den Reisef\u00fchrern. Doch heute m\u00f6chte ich nach oben. Dorthin, wo die Romane stehen. Die Belletristik, die Krimis und Thriller, die Dramen und die Essays. Die Tore zu fremden Welten. Ein Tanz aus Buchstaben, der in der Lage ist, mich in andere L\u00e4nder und in die Leben anderer Menschen zu ziehen. Die Auswahl der B\u00fccher wird dar\u00fcber entscheiden, ob ich heute Abend lache oder weine, ob ich meine n\u00e4chsten Tage in der tropischen Hitze des brasilianischen Urwaldes oder in den eisigen K\u00e4lten des russischen Winters verbringe. Ich sp\u00fcre ein Ziehen im Bauch und Sekunden sp\u00e4ter muss ich aufs Klo. Also doch erstmal ins Untergeschoss zu den Toiletten, wie immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann beginne ich meinen Aufstieg in das obere Stockwerk und komme mit jedem Schritt meinem Abenteuer n\u00e4her.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo wirst du deinen Sommer verbringen?<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Gebetsreise hat \u00fcbrigens begonnen. Und zwar mit Ole Hallesby &#8211; eine Schule des Gebets. Es gilt als Klassiker und ich dachte, es w\u00e4re ein guter Einstieg. Ich werde berichten. \ud83d\ude42<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kleines Geschenk f\u00fcr alle, die zu Hause bleiben und nicht in die Sommerferien fahren. Erinnerung Alle zwei Wochen besucht Mama mit mir die Stadtb\u00fccherei. Immer dienstags. Jahrelang. Obwohl ich also jede Jahreszeit mehrmals erlebt haben muss, ist es in meiner Erinnerung immer Herbst. Nasskalter Herbst, mit gro\u00dfen Bl\u00e4tterhaufen, durch die ich nicht springen soll, weil ich sonst zu dreckig bin.Die B\u00fccherei selbst ist warm, erdbraunfarbig und trocken. Ich liebe die Atmosph\u00e4re. Leider sind die Menschen die hier arbeiten griesgr\u00e4mig und schimpfen schnell. Ich muss an ihrem Tresen vorbei, wenn ich zu den Sch\u00e4tzen in der Kinderabteilung m\u00f6chte. Bibliothekare sind wie die Sphinxen in der Unendlichen Geschichte &#8211; man darf ihnen nicht in die Augen sehen, sonst t\u00f6ten sie einen mit ihren Feuerblicken. (Zur damaligen Zeit wei\u00df ich nat\u00fcrlich noch nichts von der Unendlichen Geschichte, aber das Sphinx-Prinzip ist mir bereits klar.) Zur Kinderabteilung geht es erst rechts, dann links. Mama bringt mich hin und verschwindet dann um f\u00fcr sich B\u00fccher auszuw\u00e4hlen. Einmal hat sie l\u00e4nger gebraucht und ich bin sie suchen gegangen. Dazu musste ich in die Erwachsenenabteilung. Die Regale sind hier viel h\u00f6her als bei den Kindern und die Reihen erstrecken sich bis in die Unendlichkeit. Wenn man sich hier verl\u00e4uft, findet man nie wieder zur\u00fcck und muss als Buchgeist f\u00fcr immer zwischen den Regalen leben.Mamas findet man hier drin \u00fcbrigens auch nicht wieder. Ich habe einen Heulkrampf bekommen, was in einer B\u00fccherei nicht gut ist, weil man da leise sein muss. Aber wenigstens hat Mama mich auf diese Weise gefunden. Nur gab es Schimpfe und viele &#8218;Psssssts&#8216; von allen Seiten. Seit diesem Erlebnis bleibe ich in der Kinderabteilung. Zwei B\u00fccher darf ich mir aussuchen, denn ich bin schon vier. Ich darf sie aus den Boxen nehmen, aber vorsichtig! Wenn ich zur Schule gehe, werde ich auch welche aus den Kinderregalen ziehen d\u00fcrfen, darauf freue ich mich. Da sind viel weniger Bilder drin, aber Mama sagt, dass die Buchstaben Bilder im Kopf malen, wenn man lesen kann. Das ist aufregend. Ich sp\u00fcre ein Ziehen im Bauch und kurz darauf muss ich aufs Klo. Ich muss immer aufs Klo, wenn wir hier sind. Zum Gl\u00fcck kommt Mama gerade zur\u00fcck und geht mit mir. Sie kennt das schon.Dann geht sie an den Tresen, gibt die alten B\u00fccher zur\u00fcck und leiht die neuen aus, w\u00e4hrend sie mit einer Sphinx spricht. Meine Mama ist sehr mutig. Sie legt die B\u00fccher in ihren Korb und wir gehen durch den Park nach Hause. Jetzt darf ich durch die Bl\u00e4tterhaufen waten. Gegenwart In der Stadtb\u00fccherei ist es k\u00fchl. Die Klimaanlage tut ihre Pflicht und der lindgr\u00fcne Linoleumboden steuert das Seinige bei. Dieses Gr\u00fcn sorgt gewissenhaft daf\u00fcr, dass sich bei den Besuchern, trotz der angebotenen Polsterm\u00f6bel, ein Gef\u00fchl der K\u00e4lte breitmacht. Das st\u00f6rt mich gerade im Winter sehr. Denn was g\u00e4be es sch\u00f6neres als bei dem Geruch von B\u00fcchern hinter gro\u00dfen Fensterscheiben zu sitzen und auf die nasskalten Stra\u00dfen einer vertr\u00e4umten schw\u00e4bischen Kleinstadt zu sehen. Die Farbgebung verhindert jedoch erfolgreich, dass ich mich l\u00e4nger als n\u00f6tig in den R\u00e4umen aufhalten m\u00f6chte. Heute ist es aber okay, ich f\u00fchle mich\u2026abgek\u00fchlt\u2026als ich das Geb\u00e4ude betrete, was bei 35 Grad im Schatten recht angenehm ist. Die Frau hinterm Tresen grinst zu mir her\u00fcber und winkt kurz, bevor sie sich wieder den zwei kleinen M\u00e4dchen zuwendet und ihnen mit leuchtenden Augen von den Welten in den B\u00fcchern erz\u00e4hlt. Ich muss l\u00e4cheln. Hier ist es so anders als auf dem B\u00fcchereiplaneten meiner Kindheit. Auch wenn ich diese Welt im Herbstpark vermisse. Ich habe schon mehrfach \u00fcberlegt, ob ich einfach mal hinfahren sollte. Aber im Park w\u00e4re gerade Sommer, den Sphinxen w\u00fcrde ich auf Augenh\u00f6he begegnen, falls sie nicht l\u00e4ngst pensioniert sind, die Erwachsenenabteilung w\u00fcrde sich wohl nicht \u00fcber die Geb\u00e4udegrenzen hinweg ausdehnen und ich w\u00fcrde meine Mama nicht zwischen den Regalreihen finden, egal wie sehr ich weine. Und falls doch, w\u00fcrde ich nicht weinen, sondern schreien. Nein, es w\u00e4re nicht das gleiche. Die B\u00fccherei steht in der Mitte der Altstadt und ich bin, trotz der n\u00fcchternen Atmosph\u00e4re, gerne hier, halt immer nur kurz. Heute bin ich zappelig. Die moderne Wendeltreppe lockt. Normalerweise bleibe ich im Erdgeschoss, denn da stehen die Bastelkramb\u00fccher. Manchmal gehe ich auch nach unten zur Fachliteratur und den Reisef\u00fchrern. Doch heute m\u00f6chte ich nach oben. Dorthin, wo die Romane stehen. Die Belletristik, die Krimis und Thriller, die Dramen und die Essays. Die Tore zu fremden Welten. Ein Tanz aus Buchstaben, der in der Lage ist, mich in andere L\u00e4nder und in die Leben anderer Menschen zu ziehen. Die Auswahl der B\u00fccher wird dar\u00fcber entscheiden, ob ich heute Abend lache oder weine, ob ich meine n\u00e4chsten Tage in der tropischen Hitze des brasilianischen Urwaldes oder in den eisigen K\u00e4lten des russischen Winters verbringe. Ich sp\u00fcre ein Ziehen im Bauch und Sekunden sp\u00e4ter muss ich aufs Klo. Also doch erstmal ins Untergeschoss zu den Toiletten, wie immer. Dann beginne ich meinen Aufstieg in das obere Stockwerk und komme mit jedem Schritt meinem Abenteuer n\u00e4her. Wo wirst du deinen Sommer verbringen? *** Meine Gebetsreise hat \u00fcbrigens begonnen. Und zwar mit Ole Hallesby &#8211; eine Schule des Gebets. Es gilt als Klassiker und ich dachte, es w\u00e4re ein guter Einstieg. 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