{"id":291,"date":"2018-08-14T06:01:50","date_gmt":"2018-08-14T06:01:50","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=291"},"modified":"2020-02-21T19:05:21","modified_gmt":"2020-02-21T19:05:21","slug":"im-moment-leben-ohne-schlechtes-gewissen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=291","title":{"rendered":"Im Moment leben &#8211; ohne schlechtes Gewissen"},"content":{"rendered":"\n<p>Wieder ist es Morgen, wieder ist es der Balkon. Den Kaffee habe ich, mangels Tisch, in einem der Blumenk\u00e4sten untergebracht. Ja, die Blumenk\u00e4sten. Die Pflanzen leben noch immer. Entschuldigt, dass ich das in jedem zweiten Post betone. Ich muss einfach. Es ist ein Wunder. Die Pflanzen wachsen vor sich hin, wenn auch von der Sonne gezeichnet. Sie sind nicht mehr dunkelgr\u00fcn, mit pinken und knallgelben Bl\u00fcten sondern pastellfarben. (Noch drei Wochen und sie sind wei\u00df.) Aber: sie leben!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sommer hat seinen eigenen Rhythmus entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schlafe morgens l\u00e4nger und sitze Abends noch lange in dem k\u00fchler werdenden Wind auf dem Balkon. Allen Ratgebern f\u00fcr Menschen mit Homeoffice zum Trotz arbeite ich gerade \u00fcberall, nur nicht am Schreibtisch. Allen Ratgebern zum Trotz, gehe ich morgen nicht als erstes ins Bad und style mich, als w\u00fcrde ich ins B\u00fcro fahren, sondern trage meine Lieblingsschlabberklamotten und die Bettfrisur den ganzen Tag lang. Allen Ratgebern zum Trotz, breche ich s\u00e4mtliche meiner Alltagsregeln und es tut mir noch nicht mal leid.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang hatte ich Schuldgef\u00fchle. Weil mein Sommeralltag so entspannt und zwanglos ist, w\u00e4hrend andere Menschen mit Morgenstau, unklimatisierten Arbeitsr\u00e4umen, w\u00e4rmen\u00f6hligen Kindern und durchwachten N\u00e4chten k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Oder endlich in ihren hei\u00df ersehnten Urlaub fahren k\u00f6nnen und dort die ganzen Privilegien erleben, die ich mir frech in meinen Alltag hole. Darf ich das?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon verr\u00fcckt, wie schwer es mir f\u00e4llt mir einzugestehen, dass gerade wenig los ist und dass ich das absolut genie\u00dfe. In meiner Familie stand Flei\u00df sehr weit oben im Ranking. Bis kurz vor seinem Schlaganfall antwortete mein Vater regelm\u00e4\u00dfig auf meine Verabschiedung: &#8222;Also dann, mach dir noch einen sch\u00f6nen Abend.&#8220; mit einem pfeilschnellen: &#8222;Naja, ich muss schon noch einiges machen, ich geh nochmal ins B\u00fcro.&#8220; Nicht zu arbeiten war nicht m\u00f6glich. Selbst im Urlaub stapelten sich Zeitschriften und Zeitungen die nach lehrreichen Artikeln durchgesucht werden mussten, um diese dann zu archivieren. Ich habe meinen Vater nie gefragt, ob das schlicht sein Hobby war oder ob er Angst hatte als faul und als Versager zu gelten, wenn er einmal nicht etwas n\u00fctzliches\/anstrengendes\/sinnvolles\/schwieriges tat.<br>Ich habe das leider \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nun sitze ich hier und genie\u00dfe (fast) schamlos den Sommer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bibel sagt, dass alles seine Zeit hat. Vielleicht liegt darin der Zauber: dass man die Zeiten, in denen man sich gerade befindet annimmt und durchlebt, anstatt sie zu bek\u00e4mpfen. Zu schlechten Zeiten zu stehen und sie zu durchleben, wenn sie an die T\u00fcr klopfen. Sich an hektischen Tagen mitrei\u00dfen lassen oder die Momente der Ruhe genie\u00dfen, anstatt schon an den n\u00e4chsten Termin zu denken. Sich nicht daf\u00fcr zu rechtfertigen, wie es einem geht. Weder in den dunklen Momenten, noch in den hellen. Gerade muss ich mich nicht zusammen rei\u00dfen, also warum sollte ich es tun? So einfach dieser Gedankengang ist, so revolution\u00e4r ist er f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber muss ich nachdenken. Auf dem Balkon. Bei meinen lebendigen aber fast wei\u00dfen Pflanzen. Ich glaube, ich hole mir noch einen Kaffee.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder ist es Morgen, wieder ist es der Balkon. Den Kaffee habe ich, mangels Tisch, in einem der Blumenk\u00e4sten untergebracht. Ja, die Blumenk\u00e4sten. Die Pflanzen leben noch immer. Entschuldigt, dass ich das in jedem zweiten Post betone. Ich muss einfach. Es ist ein Wunder. Die Pflanzen wachsen vor sich hin, wenn auch von der Sonne gezeichnet. Sie sind nicht mehr dunkelgr\u00fcn, mit pinken und knallgelben Bl\u00fcten sondern pastellfarben. (Noch drei Wochen und sie sind wei\u00df.) Aber: sie leben! Der Sommer hat seinen eigenen Rhythmus entwickelt. Ich schlafe morgens l\u00e4nger und sitze Abends noch lange in dem k\u00fchler werdenden Wind auf dem Balkon. Allen Ratgebern f\u00fcr Menschen mit Homeoffice zum Trotz arbeite ich gerade \u00fcberall, nur nicht am Schreibtisch. Allen Ratgebern zum Trotz, gehe ich morgen nicht als erstes ins Bad und style mich, als w\u00fcrde ich ins B\u00fcro fahren, sondern trage meine Lieblingsschlabberklamotten und die Bettfrisur den ganzen Tag lang. Allen Ratgebern zum Trotz, breche ich s\u00e4mtliche meiner Alltagsregeln und es tut mir noch nicht mal leid. Am Anfang hatte ich Schuldgef\u00fchle. Weil mein Sommeralltag so entspannt und zwanglos ist, w\u00e4hrend andere Menschen mit Morgenstau, unklimatisierten Arbeitsr\u00e4umen, w\u00e4rmen\u00f6hligen Kindern und durchwachten N\u00e4chten k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Oder endlich in ihren hei\u00df ersehnten Urlaub fahren k\u00f6nnen und dort die ganzen Privilegien erleben, die ich mir frech in meinen Alltag hole. Darf ich das? Es ist schon verr\u00fcckt, wie schwer es mir f\u00e4llt mir einzugestehen, dass gerade wenig los ist und dass ich das absolut genie\u00dfe. In meiner Familie stand Flei\u00df sehr weit oben im Ranking. Bis kurz vor seinem Schlaganfall antwortete mein Vater regelm\u00e4\u00dfig auf meine Verabschiedung: &#8222;Also dann, mach dir noch einen sch\u00f6nen Abend.&#8220; mit einem pfeilschnellen: &#8222;Naja, ich muss schon noch einiges machen, ich geh nochmal ins B\u00fcro.&#8220; Nicht zu arbeiten war nicht m\u00f6glich. Selbst im Urlaub stapelten sich Zeitschriften und Zeitungen die nach lehrreichen Artikeln durchgesucht werden mussten, um diese dann zu archivieren. Ich habe meinen Vater nie gefragt, ob das schlicht sein Hobby war oder ob er Angst hatte als faul und als Versager zu gelten, wenn er einmal nicht etwas n\u00fctzliches\/anstrengendes\/sinnvolles\/schwieriges tat.Ich habe das leider \u00fcbernommen. Aber nun sitze ich hier und genie\u00dfe (fast) schamlos den Sommer. Die Bibel sagt, dass alles seine Zeit hat. Vielleicht liegt darin der Zauber: dass man die Zeiten, in denen man sich gerade befindet annimmt und durchlebt, anstatt sie zu bek\u00e4mpfen. Zu schlechten Zeiten zu stehen und sie zu durchleben, wenn sie an die T\u00fcr klopfen. Sich an hektischen Tagen mitrei\u00dfen lassen oder die Momente der Ruhe genie\u00dfen, anstatt schon an den n\u00e4chsten Termin zu denken. Sich nicht daf\u00fcr zu rechtfertigen, wie es einem geht. Weder in den dunklen Momenten, noch in den hellen. Gerade muss ich mich nicht zusammen rei\u00dfen, also warum sollte ich es tun? So einfach dieser Gedankengang ist, so revolution\u00e4r ist er f\u00fcr mich. Dar\u00fcber muss ich nachdenken. Auf dem Balkon. Bei meinen lebendigen aber fast wei\u00dfen Pflanzen. 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