{"id":289,"date":"2018-08-21T06:00:31","date_gmt":"2018-08-21T06:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=289"},"modified":"2020-02-21T19:14:22","modified_gmt":"2020-02-21T19:14:22","slug":"nicht-gaeste-in-meiner-wohnung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=289","title":{"rendered":"Nicht-G\u00e4ste in meiner Wohnung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Einmal geradeaus durch und dann rechts.&#8220;<\/em>&nbsp;Ich l\u00e4chle gezwungen, w\u00e4hrend ich die fremden M\u00e4nner in meine Wohnung lasse. Ich hasse Handwerker.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, ich hasse nat\u00fcrlich nicht diese speziellen M\u00e4nner und auch nicht den Beruf. Denn wenn ich ehrlich bin, sind sie meine Helden. Alle. Gemeinsam mit unserem Hausmeister. Die Leute k\u00f6nnen Sachen tun, die ich nicht kann. Gut, das trifft auf sehr viele Menschen zu. Aber Handwerker k\u00f6nnen Dinge tun, die mein Leben verbessern. Wie zum Beispiel K\u00fcchen einbauen, WC-Sp\u00fclungen reparieren oder &#8211; wie heute &#8211; eine Markise im zehnten Stock anbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich habe ich gerne G\u00e4ste in meiner Wohnung. Ich mag es Gastgeberin zu spielen, Menschen zu verw\u00f6hnen, Gespr\u00e4chen zu lauschen und am Ende eines Abends die T\u00fcr wieder hinter den Besuchern zu schlie\u00dfen. Ja, ich hab&#8217;s gern, wenn Menschen wieder gehen, denn meine Wohnung ist mein R\u00fcckzugsort und es stresst mich, wenn ich morgens zu meinem Sessel geschlufft komme und da schon jemand sitzt. Ich w\u00e4re definitiv kein WG-Mensch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur sind Handwerker aber keine G\u00e4ste. Sie sind auch keine Mitbewohner. Ihr Status bleibt ungekl\u00e4rt. Und weil er innerhalb meiner Wohnung ungekl\u00e4rt bleibt, bleibe ich hibbelig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber mein Philosophieren, habe ich meine Nicht-G\u00e4ste aus den Augen verloren. Ich finde sie auf dem Balkon, wo sie ihren Arbeitsplatz besichtigen. Hektisch \u00fcberlege ich, ob ich ihnen etwas zu Trinken anbieten sollte. Ab wann darf man was anbieten ohne die Leute zu stressen und ohne sie zu vernachl\u00e4ssigen? Erst mal warten, bis sie ihre K\u00f6fferchen abgestellt haben? Und was bietet man an? Oh nein, ich hab nur Wasser. Aus der Leitung. Wie peinlich, ich hab nicht dran gedacht etwas anst\u00e4ndiges zu kaufen. Dabei steht der Termin seit drei Wochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zu Essen habe ich auch nichts da. Hoffentlich haben die beiden keinen Hunger. Es ist kurz nach zw\u00f6lf Uhr Mittag. Die haben bestimmt Hunger! Immerhin arbeiten die k\u00f6rperlich hart. Aber ich kann ja jetzt schlecht anfangen zu kochen. Au\u00dferdem kommt es mir seltsam vor gemeinsam mit den beiden Fremden am Tisch zu sitzen und zu Mittag zu essen. Nein, das geht nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten ich bestelle Pizza. Die kann man auch im Stehen essen, das geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem man mir freundlich mitgeteilt hat, dass meine Anwesenheit vorerst nicht mehr gebraucht wird und nichts zu Essen ben\u00f6tigt wird (<em>&#8222;Nein, auch keine Pizza. Und Kuchen auch nicht, danke. Nein, kein Kaffee. Wasser, gerne, ja. Mit Kohlens\u00e4ure\u2026ach, naja, dann ohne.&#8220;<\/em>), verdr\u00fccke ich mich dankbar in den hinteren Teil der Wohnung, wo ich mich erstmal sammle. Auf dem Boden sitzend, neben dem Bett. Wenn ich lange genug hier sitze und mich still verhalte, vergessen sie vielleicht, dass ich da bin und irgendetwas tun m\u00fcsste, was von mir als Nicht-Gastgeberin erwartet werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Minuten verstreichen g\u00e4hnend langsam. Ich vertreibe mir die Zeit damit auf meinem Handy zu googeln, wie viel Trinkgeld man gibt. Die Spanne reicht von Nichts bis hin zum knapp noch zweistelligen Betrag. Nicht hilfreich. Einmal traue ich mich noch auf den Balkon, stelle einen frischen Krug mit Wasser hin, beschreibe kurz wo die Toilette ist (<em>&#8222;Die T\u00fcr an der Stirnseite des Flurs.&#8220;<\/em>) und verschwinde dann schnell wieder in mein Eck.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus war Zimmermann. Ob sich seine Auftraggeber auch im hinteren Teil des Hauses versteckt haben, wenn er vorne den T\u00fcrrahmen abgeschliffen hat? Musste er deswegen seinen Beruf aufgeben, bevor er seine Lehrt\u00e4tigkeit begonnen hat, weil jeder sich vor ihm versteckt hat? Nein, bestimmt hat Jesus in seiner Handwerkerzeit zu Hause gearbeitet und die Sachen dann nur vorbei gebracht. Wie angenehm.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder lausche ich in Richtung Balkon. Keiner flucht laut und es sind noch zwei verschiedene Stimmen. Das hei\u00dft es ist noch keiner abgest\u00fcrzt und auch sonst noch nichts schlimmes passiert. Sehr gut. Es l\u00e4uft doch. Ich versuche mit Atem\u00fcbungen gegen meine verschwitzten H\u00e4nde anzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann endlich h\u00f6re ich das erl\u00f6sende Ger\u00e4usch &#8211; den Schl\u00fcssel im Schloss und die vertrauten Schritte meines Mannes. Gott sei Dank, die Kavallerie. Ich stehe mit etwas steifen Knochen auf, immerhin hocke ich seit vier Stunden hier.<br>Mein Mann \u00fcbernimmt den Rest. Die \u00dcbergabe, das Trinkgeld, das H\u00e4ndesch\u00fctteln, das herzliche Lachen und das T\u00fcre hinter den Nicht-G\u00e4sten zumachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse mich ersch\u00f6pft in meinen Sessel fallen.<br><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;So ein Nachmittag voller schwerer handwerklicher T\u00e4tigkeiten ist ein Kraftakt, ich sag&#8217;s dir. Erst mal keine Renovierungsarbeiten mehr.&#8220;<\/em>, seufze ich matt. In seinem Blick liegt Unverst\u00e4ndnis. Aber ich bin zu m\u00fcde es zu erkl\u00e4ren. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Einmal geradeaus durch und dann rechts.&#8220;&nbsp;Ich l\u00e4chle gezwungen, w\u00e4hrend ich die fremden M\u00e4nner in meine Wohnung lasse. Ich hasse Handwerker. Also, ich hasse nat\u00fcrlich nicht diese speziellen M\u00e4nner und auch nicht den Beruf. Denn wenn ich ehrlich bin, sind sie meine Helden. Alle. Gemeinsam mit unserem Hausmeister. Die Leute k\u00f6nnen Sachen tun, die ich nicht kann. Gut, das trifft auf sehr viele Menschen zu. Aber Handwerker k\u00f6nnen Dinge tun, die mein Leben verbessern. Wie zum Beispiel K\u00fcchen einbauen, WC-Sp\u00fclungen reparieren oder &#8211; wie heute &#8211; eine Markise im zehnten Stock anbringen. Eigentlich habe ich gerne G\u00e4ste in meiner Wohnung. Ich mag es Gastgeberin zu spielen, Menschen zu verw\u00f6hnen, Gespr\u00e4chen zu lauschen und am Ende eines Abends die T\u00fcr wieder hinter den Besuchern zu schlie\u00dfen. Ja, ich hab&#8217;s gern, wenn Menschen wieder gehen, denn meine Wohnung ist mein R\u00fcckzugsort und es stresst mich, wenn ich morgens zu meinem Sessel geschlufft komme und da schon jemand sitzt. Ich w\u00e4re definitiv kein WG-Mensch. Nur sind Handwerker aber keine G\u00e4ste. Sie sind auch keine Mitbewohner. Ihr Status bleibt ungekl\u00e4rt. Und weil er innerhalb meiner Wohnung ungekl\u00e4rt bleibt, bleibe ich hibbelig. \u00dcber mein Philosophieren, habe ich meine Nicht-G\u00e4ste aus den Augen verloren. Ich finde sie auf dem Balkon, wo sie ihren Arbeitsplatz besichtigen. Hektisch \u00fcberlege ich, ob ich ihnen etwas zu Trinken anbieten sollte. Ab wann darf man was anbieten ohne die Leute zu stressen und ohne sie zu vernachl\u00e4ssigen? Erst mal warten, bis sie ihre K\u00f6fferchen abgestellt haben? Und was bietet man an? Oh nein, ich hab nur Wasser. Aus der Leitung. Wie peinlich, ich hab nicht dran gedacht etwas anst\u00e4ndiges zu kaufen. Dabei steht der Termin seit drei Wochen. Und zu Essen habe ich auch nichts da. Hoffentlich haben die beiden keinen Hunger. Es ist kurz nach zw\u00f6lf Uhr Mittag. Die haben bestimmt Hunger! Immerhin arbeiten die k\u00f6rperlich hart. Aber ich kann ja jetzt schlecht anfangen zu kochen. Au\u00dferdem kommt es mir seltsam vor gemeinsam mit den beiden Fremden am Tisch zu sitzen und zu Mittag zu essen. Nein, das geht nicht. Am besten ich bestelle Pizza. Die kann man auch im Stehen essen, das geht. Nachdem man mir freundlich mitgeteilt hat, dass meine Anwesenheit vorerst nicht mehr gebraucht wird und nichts zu Essen ben\u00f6tigt wird (&#8222;Nein, auch keine Pizza. Und Kuchen auch nicht, danke. Nein, kein Kaffee. Wasser, gerne, ja. Mit Kohlens\u00e4ure\u2026ach, naja, dann ohne.&#8220;), verdr\u00fccke ich mich dankbar in den hinteren Teil der Wohnung, wo ich mich erstmal sammle. Auf dem Boden sitzend, neben dem Bett. Wenn ich lange genug hier sitze und mich still verhalte, vergessen sie vielleicht, dass ich da bin und irgendetwas tun m\u00fcsste, was von mir als Nicht-Gastgeberin erwartet werden k\u00f6nnte. Die Minuten verstreichen g\u00e4hnend langsam. Ich vertreibe mir die Zeit damit auf meinem Handy zu googeln, wie viel Trinkgeld man gibt. Die Spanne reicht von Nichts bis hin zum knapp noch zweistelligen Betrag. Nicht hilfreich. Einmal traue ich mich noch auf den Balkon, stelle einen frischen Krug mit Wasser hin, beschreibe kurz wo die Toilette ist (&#8222;Die T\u00fcr an der Stirnseite des Flurs.&#8220;) und verschwinde dann schnell wieder in mein Eck. Jesus war Zimmermann. Ob sich seine Auftraggeber auch im hinteren Teil des Hauses versteckt haben, wenn er vorne den T\u00fcrrahmen abgeschliffen hat? Musste er deswegen seinen Beruf aufgeben, bevor er seine Lehrt\u00e4tigkeit begonnen hat, weil jeder sich vor ihm versteckt hat? Nein, bestimmt hat Jesus in seiner Handwerkerzeit zu Hause gearbeitet und die Sachen dann nur vorbei gebracht. Wie angenehm. Immer wieder lausche ich in Richtung Balkon. Keiner flucht laut und es sind noch zwei verschiedene Stimmen. Das hei\u00dft es ist noch keiner abgest\u00fcrzt und auch sonst noch nichts schlimmes passiert. Sehr gut. Es l\u00e4uft doch. Ich versuche mit Atem\u00fcbungen gegen meine verschwitzten H\u00e4nde anzugehen. Dann endlich h\u00f6re ich das erl\u00f6sende Ger\u00e4usch &#8211; den Schl\u00fcssel im Schloss und die vertrauten Schritte meines Mannes. Gott sei Dank, die Kavallerie. Ich stehe mit etwas steifen Knochen auf, immerhin hocke ich seit vier Stunden hier.Mein Mann \u00fcbernimmt den Rest. Die \u00dcbergabe, das Trinkgeld, das H\u00e4ndesch\u00fctteln, das herzliche Lachen und das T\u00fcre hinter den Nicht-G\u00e4sten zumachen. 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