{"id":281,"date":"2018-10-09T06:00:23","date_gmt":"2018-10-09T06:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=281"},"modified":"2020-02-21T19:23:43","modified_gmt":"2020-02-21T19:23:43","slug":"der-kuechentisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=281","title":{"rendered":"Der K\u00fcchentisch"},"content":{"rendered":"<p>Der Mittelpunkt in der Wohnung meiner Eltern war der K\u00fcchentisch. Es war ein kleiner rechteckiger Tisch, an dem vier Personen bequem Platz hatten &#8211; sechs Personen, wenn man ein wenig quetschte. Normalerweise sa\u00dfen zwei Leute auf der Eckbank und zwei auf St\u00fchlen.<br \/>\nDer Tisch war immer sauber abgewischt und mit einem Deckchen geschm\u00fcckt. An normalen Tagen in rot oder blau. Zu Ostern und Weihnachten mit passenden Mustern.<\/p>\n<p>Der Tisch diente als Treffpunkt f\u00fcr die Familie. Morgens beim Fr\u00fchst\u00fcck, stapelten sich zwischen den Teetassen die Schulhefte, in der Hoffnung, dass zusammen mit dem Marmeladenbrot auch die ein oder andere Englischvokabel reinrutschen w\u00fcrde. Und Mittags, wenn wir Kinder von der Schule kamen, die schweren Rucks\u00e4cke in die Ecke werfend, stand Mama meist schon mit dem R\u00fccken zum Tisch in der K\u00fcche am Herd. Eine Sch\u00fcrze \u00fcber dem eleganten malvenfarbenen Kost\u00fcm, das sie am Vormittag im B\u00fcro getragen hatte, die Brille beschlagen vom Wasserdampf. Auf den Tisch kamen Spinat mit Kartoffeln und Spiegelei, mein Donnerstags-Lieblingsessen. Daf\u00fcr lohnte es sich auch die Doppelstunde Mathe zu \u00fcberleben.<br \/>\nNachmittags war der Tisch das Zentrum f\u00fcr die Hausaufgaben, f\u00fcr den Nachmittagskakao, f\u00fcr malen, basteln und Gesellschaftsspiele.<\/p>\n<p>Der Tisch hat unser gesamtes Familienleben mitbekommen. Hier wurden aufgeschlagene Knie verarztet, wurde getr\u00f6stet und versorgt. Hier fanden die Gespr\u00e4che statt. Erst \u00fcber Freunde und die Schule. Sp\u00e4ter, als der Kakao schon dem Kaffee gewichen war, auch \u00fcber Lebenstr\u00e4ume und Liebeskummer.<\/p>\n<p>Einmal im Jahr verschwand der Tisch unter Bergen von Prospekten f\u00fcr Ferienwohnungen. An ihm wurde diskutiert \u00fcber zwei oder drei Wochen, D\u00e4nemark oder \u00d6sterreich, \u00fcber Fahrr\u00e4der auf dem Autodach oder Wanderstiefel im Kofferraum.<\/p>\n<p>F\u00fcr Familienfeiern konnte der K\u00fcchentisch durch zwei weitere Platten vergr\u00f6\u00dfert werden, die unter dem Tischplatte versteckt waren. In unserer Familie hie\u00df das: &#8222;Den Tisch ausziehen.&#8220; (Erst jetzt f\u00e4llt mir auf wie herrlich vieldeutig dieser Begriff ist.) Der Mechanismus war ausgekl\u00fcgelt, teuer und funktionierte nie reibungslos. Am Ende tat der Tisch was er sollte &#8211; n\u00e4mlich gr\u00f6\u00dfer werden. Aber es stellte sich immer die Frage ob er das vor oder nach dem Wutanfall unseres Vaters tun w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Heute sitze ich allein an diesem Tisch. Das lasierte Holz unter meinen Fingern f\u00fchlt sich noch so an wie immer. Dankbarkeit macht sich breit, bei all den gl\u00fccklichen Erinnerungen. Und Traurigkeit. Unsere K\u00fcche in Waiblingen ist zu klein um ihm ein neues zu Hause zu schenken und auch bei meiner Schwester wird er keinen Platz finden. Noch steht er hier, in der verlassenen Wohnung. Noch kann er hier stehen. Und mitbekommen, wie wir an den Feiertagen wieder im alten zu Hause eintrudeln. Mit unserem Wochenendgep\u00e4ck, den Geschichten aus unseren Leben, die so viel gr\u00f6\u00dfer geworden sind. Neue Menschen kamen dazu, unsere Ehem\u00e4nner und das kleine T\u00f6chterchen meiner Schwester.<br \/>\nUnd seit kurzem quetschen sich auch Tante und Onkel, zu denen ein neues und enges Verh\u00e4ltnis entstanden ist, zu uns an den Tisch.<br \/>\nWir werden ihn wohl ausziehen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mittelpunkt in der Wohnung meiner Eltern war der K\u00fcchentisch. Es war ein kleiner rechteckiger Tisch, an dem vier Personen bequem Platz hatten &#8211; sechs Personen, wenn man ein wenig quetschte. Normalerweise sa\u00dfen zwei Leute auf der Eckbank und zwei auf St\u00fchlen. Der Tisch war immer sauber abgewischt und mit einem Deckchen geschm\u00fcckt. An normalen Tagen in rot oder blau. Zu Ostern und Weihnachten mit passenden Mustern. Der Tisch diente als Treffpunkt f\u00fcr die Familie. Morgens beim Fr\u00fchst\u00fcck, stapelten sich zwischen den Teetassen die Schulhefte, in der Hoffnung, dass zusammen mit dem Marmeladenbrot auch die ein oder andere Englischvokabel reinrutschen w\u00fcrde. Und Mittags, wenn wir Kinder von der Schule kamen, die schweren Rucks\u00e4cke in die Ecke werfend, stand Mama meist schon mit dem R\u00fccken zum Tisch in der K\u00fcche am Herd. Eine Sch\u00fcrze \u00fcber dem eleganten malvenfarbenen Kost\u00fcm, das sie am Vormittag im B\u00fcro getragen hatte, die Brille beschlagen vom Wasserdampf. Auf den Tisch kamen Spinat mit Kartoffeln und Spiegelei, mein Donnerstags-Lieblingsessen. Daf\u00fcr lohnte es sich auch die Doppelstunde Mathe zu \u00fcberleben. Nachmittags war der Tisch das Zentrum f\u00fcr die Hausaufgaben, f\u00fcr den Nachmittagskakao, f\u00fcr malen, basteln und Gesellschaftsspiele. Der Tisch hat unser gesamtes Familienleben mitbekommen. Hier wurden aufgeschlagene Knie verarztet, wurde getr\u00f6stet und versorgt. Hier fanden die Gespr\u00e4che statt. Erst \u00fcber Freunde und die Schule. Sp\u00e4ter, als der Kakao schon dem Kaffee gewichen war, auch \u00fcber Lebenstr\u00e4ume und Liebeskummer. Einmal im Jahr verschwand der Tisch unter Bergen von Prospekten f\u00fcr Ferienwohnungen. An ihm wurde diskutiert \u00fcber zwei oder drei Wochen, D\u00e4nemark oder \u00d6sterreich, \u00fcber Fahrr\u00e4der auf dem Autodach oder Wanderstiefel im Kofferraum. F\u00fcr Familienfeiern konnte der K\u00fcchentisch durch zwei weitere Platten vergr\u00f6\u00dfert werden, die unter dem Tischplatte versteckt waren. In unserer Familie hie\u00df das: &#8222;Den Tisch ausziehen.&#8220; (Erst jetzt f\u00e4llt mir auf wie herrlich vieldeutig dieser Begriff ist.) Der Mechanismus war ausgekl\u00fcgelt, teuer und funktionierte nie reibungslos. Am Ende tat der Tisch was er sollte &#8211; n\u00e4mlich gr\u00f6\u00dfer werden. 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