{"id":174,"date":"2019-01-29T06:26:51","date_gmt":"2019-01-29T06:26:51","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=174"},"modified":"2020-02-21T19:50:30","modified_gmt":"2020-02-21T19:50:30","slug":"am-bahnsteig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=174","title":{"rendered":"Am Bahnsteig"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Man&nbsp;wei\u00df&nbsp;selten, was&nbsp;Gl\u00fcck&nbsp;ist, aber man wei\u00df&nbsp;meistens&nbsp;was Gl\u00fcck war.<br>(Fran\u00e7oise Sagan)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Es ist kalt und zugig hier. Unterschiedliche Sprachen und Dialekte dringen wie durch einen Nebel zu mir durch, ohne mich zu ber\u00fchren. Vor allem das Fr\u00e4nkische sticht heraus. Rentnergruppen, wild diskutierend, ob es den &#8218;Lebbkuung&#8216; (Lebkuchen) gebraucht h\u00e4tte oder nicht. Nein, denn man sei eh schon zu dick. Ja, denn wenn man schon mal in N\u00fcrnberg ist, brauchts &#8218;a an Lebbkuung&#8216;. Mein Gleis ist das Vorletzte des Bahnhofs und daher zerre ich den Koffer mit seinen blockierenden Rollen durch den schneematschfeuchten Tunnelgang. Es war ein Fehler. Jetzt wo ich mich hier, \u00fcbern\u00e4chtigt und verfroren, zu meinem Zug schleppe, schmecke ich den Fehler. Er klebt an meinem Gaumen und hinterl\u00e4sst einen bitteren Geschmack sobald ich schlucke.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aus dem Aufzug, der mich aus der Unterf\u00fchrung hoch zum Bahnsteig gebracht hat, trete, faucht mir der Januarwind sein &#8218;herzlich Unwillkommen&#8216; entgegen . Der Zug ist, wie fr\u00fcher, in mehrere Abschnitte geteilt. Wenn man den falschen Abschnitt w\u00e4hlt, landet man wahlweise (oder \u00fcberraschungsweise) in Bayreuth, statt in Hof. Wird auf dieser Fahrt wieder jemandem passieren. Ich steige in den richtigen Wagon. Routiniert. Obwohl das letzte Mal fast 14 Jahre her ist. Damals noch dreckige W\u00e4sche und die Studiensachen im Gep\u00e4ck. Heute saubere W\u00e4sche und meine Texte und Ideen. Ein Anachronismus. Es ist der richtige Ort, es ist nur die falsche Zeit. Oder der falsche Ort f\u00fcr die richtige Zeit? Ich selbst f\u00fchle mich falsch. Fremd.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Bahn anf\u00e4hrt &#8211; auf den Minutenschlag genau, wie die Dame neben mir die n\u00e4chste viertel Stunde engagiert betonen wird &#8211; muss ich mich zwingen, nicht auf ein tr\u00fcgerisches Gedankenspiel herein zu fallen. Mir nicht vorzustellen ich sei noch Anfang zwanzig. Eine Studentin auf dem Weg nach Hause, in ihre kleine Welt. Vertaut, voller Liebe und Struktur. Mein Kopf sucht nach Entlastung von all den gegenw\u00e4rtigen Emotionen und es w\u00e4re leicht sie ihm kurz zu g\u00f6nnen. Nur das Wissen um den Moment des Aufwachens, der unweigerlich kommen w\u00fcrde, h\u00e4lt mich davon ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bleibe im Hier und Jetzt. Erwachsen. Auf meiner Reise durch diese Welt die ich so oft nicht verstehe. Ich drehe die Musik in meinen Kopfh\u00f6rern ein wenig lauter, und kuschle mich in Gedanken an Jesus. Die Quelle meiner Sicherheit und Zuversicht. W\u00e4hrend drau\u00dfen die wei\u00dfe Welt an mir vorbeizieht, kommt mir Psalm 90 in den Kopf:&nbsp;<em>&#8222;Tausend Jahre sind in deinen Augen so kurz wie ein gerade vergangener Tag&nbsp;\u2013 sie sind nicht l\u00e4nger als ein paar Stunden in der Nacht.&#8220;<\/em><br>Gott h\u00e4lt alles sicher und vorsichtig in seiner Hand. Meine manchmal schmerzhaft leuchtenden Erinnerungen und die noch im Dunkel liegende Zukunft, in die ich halb \u00e4ngstlich, halb erwartungsvoll sehe. Und in der Gegenwart lebt er mit mir. H\u00e4lt mich fest und durchlebt jeden Augenblick.<br>Ohne es zu merken hat sich der bittere Geschmack in meinem Hals verfl\u00fcchtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war kein Fehler diese Zugfahrt zu machen. Mich nicht von meinen Eltern, sondern von einem alten Freund am Bahnhof abholen zu lassen und meine Heimatstadt zu besuchen. Mit neuen Augen und dankbarem Blick. Nicht nur f\u00fcr die Vergangenheit, sondern vor allem f\u00fcr Gegenwart.<br>Mein Handy vibriert. Die ermutigende Nachricht eines lieben Menschen zwinkert mir entgegen und ein ehrliches L\u00e4cheln breitet sich auf meinem Gesicht aus. Ich zwinkere zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man&nbsp;wei\u00df&nbsp;selten, was&nbsp;Gl\u00fcck&nbsp;ist, aber man wei\u00df&nbsp;meistens&nbsp;was Gl\u00fcck war.(Fran\u00e7oise Sagan) Es ist kalt und zugig hier. Unterschiedliche Sprachen und Dialekte dringen wie durch einen Nebel zu mir durch, ohne mich zu ber\u00fchren. Vor allem das Fr\u00e4nkische sticht heraus. Rentnergruppen, wild diskutierend, ob es den &#8218;Lebbkuung&#8216; (Lebkuchen) gebraucht h\u00e4tte oder nicht. Nein, denn man sei eh schon zu dick. 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Damals noch dreckige W\u00e4sche und die Studiensachen im Gep\u00e4ck. Heute saubere W\u00e4sche und meine Texte und Ideen. Ein Anachronismus. Es ist der richtige Ort, es ist nur die falsche Zeit. Oder der falsche Ort f\u00fcr die richtige Zeit? Ich selbst f\u00fchle mich falsch. Fremd. Als die Bahn anf\u00e4hrt &#8211; auf den Minutenschlag genau, wie die Dame neben mir die n\u00e4chste viertel Stunde engagiert betonen wird &#8211; muss ich mich zwingen, nicht auf ein tr\u00fcgerisches Gedankenspiel herein zu fallen. Mir nicht vorzustellen ich sei noch Anfang zwanzig. Eine Studentin auf dem Weg nach Hause, in ihre kleine Welt. Vertaut, voller Liebe und Struktur. Mein Kopf sucht nach Entlastung von all den gegenw\u00e4rtigen Emotionen und es w\u00e4re leicht sie ihm kurz zu g\u00f6nnen. Nur das Wissen um den Moment des Aufwachens, der unweigerlich kommen w\u00fcrde, h\u00e4lt mich davon ab. Ich bleibe im Hier und Jetzt. Erwachsen. Auf meiner Reise durch diese Welt die ich so oft nicht verstehe. Ich drehe die Musik in meinen Kopfh\u00f6rern ein wenig lauter, und kuschle mich in Gedanken an Jesus. Die Quelle meiner Sicherheit und Zuversicht. W\u00e4hrend drau\u00dfen die wei\u00dfe Welt an mir vorbeizieht, kommt mir Psalm 90 in den Kopf:&nbsp;&#8222;Tausend Jahre sind in deinen Augen so kurz wie ein gerade vergangener Tag&nbsp;\u2013 sie sind nicht l\u00e4nger als ein paar Stunden in der Nacht.&#8220;Gott h\u00e4lt alles sicher und vorsichtig in seiner Hand. Meine manchmal schmerzhaft leuchtenden Erinnerungen und die noch im Dunkel liegende Zukunft, in die ich halb \u00e4ngstlich, halb erwartungsvoll sehe. Und in der Gegenwart lebt er mit mir. H\u00e4lt mich fest und durchlebt jeden Augenblick.Ohne es zu merken hat sich der bittere Geschmack in meinem Hals verfl\u00fcchtigt. Es war kein Fehler diese Zugfahrt zu machen. Mich nicht von meinen Eltern, sondern von einem alten Freund am Bahnhof abholen zu lassen und meine Heimatstadt zu besuchen. Mit neuen Augen und dankbarem Blick. Nicht nur f\u00fcr die Vergangenheit, sondern vor allem f\u00fcr Gegenwart.Mein Handy vibriert. Die ermutigende Nachricht eines lieben Menschen zwinkert mir entgegen und ein ehrliches L\u00e4cheln breitet sich auf meinem Gesicht aus. 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