{"id":164,"date":"2019-03-26T06:12:37","date_gmt":"2019-03-26T06:12:37","guid":{"rendered":"https:\/\/laufforum24.de\/?p=164"},"modified":"2020-02-21T19:56:48","modified_gmt":"2020-02-21T19:56:48","slug":"winterpo-auf-fruehlingssteinen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=164","title":{"rendered":"Winterpo auf Fr\u00fchlingssteinen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Es sieht aus als h\u00e4tte es geschneit. Oder als w\u00e4ren in den B\u00e4umen sehr gro\u00dfe Kissen explodiert. Die Obstb\u00e4ume stehen in wei\u00dfer Bl\u00fcte. Und ein paar andere Buschb\u00e4ume auch, von denen ich aber keine Ahnung habe, was sie sind. Nur, dass sie wundersch\u00f6n sind, das sehe ich. Der Boden ist l\u00e4ngst nicht mehr nur von Fr\u00fchlingsbl\u00fchern bedeckt, sondern auch von G\u00e4nsebl\u00fcmchen. Und der kleine Bach unter meinen F\u00fc\u00dfen gluckst fr\u00f6hlich vor sich hin. Eigentlich hatte ich vor die F\u00fc\u00dfe rein zu h\u00e4ngen. Aber der gro\u00dfe Zeh, der zum Testen herhalten musste, signalisierte Erfrierungstod. Daher sitze ich nun hier, auf von der M\u00e4rzsonne angew\u00e4rmten Steinen, bar- aber trockenf\u00fc\u00dfig und habe die Augen geschlossen. Um mich herum tobt das Leben. V\u00f6gel zwitschern, beim 23. Schmetterling habe ich aufgeh\u00f6rt zu z\u00e4hlen (zumal ich mir nicht sicher war, wie oft ich den gleichen erwischt habe).<\/p>\n\n\n\n<p>Seit mehreren Stunden habe ich keinen Menschen mehr gesehen. Das kleine Bachtal ist abgelegen und das Privileg unter der Woche an einem Vormittag hierher kommen zu k\u00f6nnen, haben nicht viele.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fr\u00fchling ist da. Ich kann es noch nicht wirklich glauben. Hier im S\u00fcden, kommt er fr\u00fch. In Oberfranken, dort wo ich aufgewachsen bin, braucht man vor den Eisheiligen (also Mitte Mai), nicht mit dauerhaft w\u00e4rmeren Temperaturen zu rechnen. Ich erinnere mich an so manches Osterfest, das wir mit bunten Eiern im wei\u00dfen Garten gefeiert haben. Auf diese Weise hab ich aber wenigstens auch mal ein paar Eier gefunden, war also gar nicht so schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch genie\u00dfe ich die warme Sonne in meinem Gesicht, den warmen Stein unter meinem Po und das Leben in mir und um mich herum. Wie jedes Jahr, wenn die ersten Sonnenstrahlen kr\u00e4ftiger werden und die Natur beginnt darauf zu reagieren, schwanke ich zwischen Freude und Angst. Freude, weil es endlich, endlich wieder beginnt zu leben. Angst, weil es keine Garantie gibt, dass der Winter nicht doch noch einmal zur\u00fcck kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch innerlich geht es mir gerade so. Das Chaos der letzten Monate beruhigt sich nur langsam. Worte fallen mir schwer und Gedankeng\u00e4nge zu Ende zu denken ebenfalls. Aber gleichzeitig schieben sich die ersten Ideen wie zarte Triebe zur\u00fcck in mein Bewusstsein. Noch halte ich still, aus Angst, ich k\u00f6nnte sie verschrecken. Oder mich zu sehr dar\u00fcber freuen und die Entt\u00e4uschung nicht aushalten, wenn doch noch einmal der Frost kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal glaube ich, dass Gott uns auch deswegen die Jahreszeiten gegeben hat, damit wir verstehen lernen, dass sich das Leben in wiederkehrenden Kreisen bewegt. Niemand lebt st\u00e4ndig im Sommer. Und ein Winter dauert nicht ewig, auch wenn es sich manchmal so anf\u00fchlt. Umbr\u00fcche und Wechsel sind notwendig, manchmal be\u00e4ngstigend, manchmal inspirierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00f6ffne die Augen und kann gerade noch einen Zitronenfalter sehen, der aus meinem Blickfeld flattert.<br>24<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, ich glaube es wird Fr\u00fchling.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sieht aus als h\u00e4tte es geschneit. Oder als w\u00e4ren in den B\u00e4umen sehr gro\u00dfe Kissen explodiert. Die Obstb\u00e4ume stehen in wei\u00dfer Bl\u00fcte. Und ein paar andere Buschb\u00e4ume auch, von denen ich aber keine Ahnung habe, was sie sind. Nur, dass sie wundersch\u00f6n sind, das sehe ich. Der Boden ist l\u00e4ngst nicht mehr nur von Fr\u00fchlingsbl\u00fchern bedeckt, sondern auch von G\u00e4nsebl\u00fcmchen. Und der kleine Bach unter meinen F\u00fc\u00dfen gluckst fr\u00f6hlich vor sich hin. Eigentlich hatte ich vor die F\u00fc\u00dfe rein zu h\u00e4ngen. Aber der gro\u00dfe Zeh, der zum Testen herhalten musste, signalisierte Erfrierungstod. Daher sitze ich nun hier, auf von der M\u00e4rzsonne angew\u00e4rmten Steinen, bar- aber trockenf\u00fc\u00dfig und habe die Augen geschlossen. Um mich herum tobt das Leben. V\u00f6gel zwitschern, beim 23. Schmetterling habe ich aufgeh\u00f6rt zu z\u00e4hlen (zumal ich mir nicht sicher war, wie oft ich den gleichen erwischt habe). Seit mehreren Stunden habe ich keinen Menschen mehr gesehen. Das kleine Bachtal ist abgelegen und das Privileg unter der Woche an einem Vormittag hierher kommen zu k\u00f6nnen, haben nicht viele. Der Fr\u00fchling ist da. Ich kann es noch nicht wirklich glauben. Hier im S\u00fcden, kommt er fr\u00fch. In Oberfranken, dort wo ich aufgewachsen bin, braucht man vor den Eisheiligen (also Mitte Mai), nicht mit dauerhaft w\u00e4rmeren Temperaturen zu rechnen. Ich erinnere mich an so manches Osterfest, das wir mit bunten Eiern im wei\u00dfen Garten gefeiert haben. Auf diese Weise hab ich aber wenigstens auch mal ein paar Eier gefunden, war also gar nicht so schlecht. Dennoch genie\u00dfe ich die warme Sonne in meinem Gesicht, den warmen Stein unter meinem Po und das Leben in mir und um mich herum. Wie jedes Jahr, wenn die ersten Sonnenstrahlen kr\u00e4ftiger werden und die Natur beginnt darauf zu reagieren, schwanke ich zwischen Freude und Angst. Freude, weil es endlich, endlich wieder beginnt zu leben. Angst, weil es keine Garantie gibt, dass der Winter nicht doch noch einmal zur\u00fcck kommt. Auch innerlich geht es mir gerade so. Das Chaos der letzten Monate beruhigt sich nur langsam. Worte fallen mir schwer und Gedankeng\u00e4nge zu Ende zu denken ebenfalls. Aber gleichzeitig schieben sich die ersten Ideen wie zarte Triebe zur\u00fcck in mein Bewusstsein. Noch halte ich still, aus Angst, ich k\u00f6nnte sie verschrecken. Oder mich zu sehr dar\u00fcber freuen und die Entt\u00e4uschung nicht aushalten, wenn doch noch einmal der Frost kommt. Manchmal glaube ich, dass Gott uns auch deswegen die Jahreszeiten gegeben hat, damit wir verstehen lernen, dass sich das Leben in wiederkehrenden Kreisen bewegt. Niemand lebt st\u00e4ndig im Sommer. Und ein Winter dauert nicht ewig, auch wenn es sich manchmal so anf\u00fchlt. Umbr\u00fcche und Wechsel sind notwendig, manchmal be\u00e4ngstigend, manchmal inspirierend. 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