{"id":1367,"date":"2022-01-18T04:34:00","date_gmt":"2022-01-18T02:34:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nurheute.net\/?p=1367"},"modified":"2022-01-17T23:20:33","modified_gmt":"2022-01-17T21:20:33","slug":"von-zuegen-pfuetzen-und-dem-ploetzlichen-gefuehl-von-zu-hause","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=1367","title":{"rendered":"Von Z\u00fcgen, Pf\u00fctzen und dem pl\u00f6tzlichen Gef\u00fchl von zu Hause"},"content":{"rendered":"\n<p>Pl\u00f6tzlich war es da: das Gef\u00fchl von &#8218;zu Hause&#8216;. Es kam bei einem Abendspaziergang zwischen Hochh\u00e4usern und ich sp\u00fcrte&#8230;hier geh\u00f6re ich hin. Und ein zweiter Gedanke kam gleich hinterher in Form einer Frage: Welche Art Mensch bekommt an dunklen, verregneten Januarabenden zwischen Hochh\u00e4usern Heimatgef\u00fchle?! <\/p>\n\n\n\n<p>Aber zu leugnen war es auch nicht. Ein warmes, sanft leuchtendes Gef\u00fchl in mir drin, irgendwo in Herzn\u00e4he. Und mit dem Gef\u00fchl kam die Erkenntnis: ich will hier nicht weg. Ich m\u00f6chte diese Welt nicht verlassen. Ich m\u00f6chte niemals jemals sterben m\u00fcssen. Ich m\u00f6chte f\u00fcr immer hier bleiben, hier wo es vertraut ist und ich an verregneten, viel zu warmen Winterabenden in Pf\u00fctzen springen kann. Ich springe in eine Pf\u00fctze. Ein Hoch auf wasserfeste Damenstiefel!<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich behaupte ich von mir: &#8222;Mein Herz ist im Himmel zu Hause, nicht hier auf der Erde.&#8220; Und ich meine das auch so. An vielen Tagen ist meine Sehnsucht nach dem Himmel \u00fcberm\u00e4chtig. Aber heute, an diesem verregneten Winterabend ist der Himmel unendlich weit weg. Heute m\u00f6chte ich einfach das bewahren, was ich habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem fr\u00fchen Tod meiner Eltern kommen die Gedanken an&#8217;s Sterben immer mal wieder. Die Frage danach, wie es wohl ist, wenn man alles was man liebt hinter sich lassen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod meiner Schwiegeromi war anders als der meiner Eltern. Ihr Abschied war kein Kampf um jede Minute, war kein Herausgerissenwerden aus dem Leben. Ihr Abschied war ein ungeduldiges Warten. Als w\u00fcrde sie schon lange im Zug sitzen, die Habseligkeiten verteilt, die Wohnung gefegt, der Schl\u00fcssel \u00fcbergeben. Und dann sa\u00df sie dort, in dem eigens f\u00fcr sie reservierten Abteil, die Koffer ordentlich verstaut, das Taschentuch griffbereit, um noch einmal zu winken, wartend auf den Pfiff und das Schlie\u00dfen der Zugt\u00fcren. Ihr Abschied war nicht nur loslassen, er war auch Vorfreude.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie oft hat sie mit ihren fast 100 Jahren geseufzt und halb im Scherz vor sich hingebrummt: &#8222;Jesus hat mich anscheinend vergessen.&#8220; Als ihr Abschied dann kam, war es Aufbruch, statt Zur\u00fccklassen. Eine Reise nach Hause. Jesus hat sie nicht vergessen. Er war nur mit uns gn\u00e4dig und hat uns diese Heldin des Gebets so lange wie m\u00f6glich gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gedankenverloren steige ich \u00fcber eine Pf\u00fctze. Wieso f\u00e4llt es mir so schwer mir den Himmel vorzustellen?<\/p>\n\n\n\n<p>Flannery O&#8217;Conner beschreibt es in einem ihrer Tagebucheintr\u00e4ge so: <em>&#8222;Wenn wir den Himmel genau kartographieren k\u00f6nnten, w\u00fcrden einige unserer aufstrebenden Wissenschaftler damit beginnen, Entw\u00fcrfe f\u00fcr seine Verbesserung zu zeichnen.&#8220;<\/em> Vielleicht deshalb. Vielleicht auch, weil es uns schwer f\u00e4llt, uns einen Ort ohne Leid vorzustellen. Oder einen Ort ohne Betonhochh\u00e4user und Winterpf\u00fctzen&#8230;okay&#8230;das vielleicht schon. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute Abend ist hier mein zu Hause. Aber ich m\u00f6chte wie meine Schwiegeromi einmal nicht an dem Ort festhalten, den ich hier habe, sondern auf das zugehen, was mich erwartet. Mutig und neugierig, an der Hand dessen, dem ich mein Leben verdanke und der mich sicher nach Hause bringt. <\/p>\n\n\n\n<p>So lange springe ich zwischen Hochh\u00e4user in Pf\u00fctzen oder steige dr\u00fcber. Vergesse wie alt ich bin, vergesse, das Beton eigentlich nicht meine Lieblingsfarbe ist und freue mich an der Vertrautheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pl\u00f6tzlich war es da: das Gef\u00fchl von &#8218;zu Hause&#8216;. Es kam bei einem Abendspaziergang zwischen Hochh\u00e4usern und ich sp\u00fcrte&#8230;hier geh\u00f6re ich hin. Und ein zweiter Gedanke kam gleich hinterher in Form einer Frage: Welche Art Mensch bekommt an dunklen, verregneten Januarabenden zwischen Hochh\u00e4usern Heimatgef\u00fchle?! Aber zu leugnen war es auch nicht. Ein warmes, sanft leuchtendes Gef\u00fchl in mir drin, irgendwo in Herzn\u00e4he. Und mit dem Gef\u00fchl kam die Erkenntnis: ich will hier nicht weg. Ich m\u00f6chte diese Welt nicht verlassen. Ich m\u00f6chte niemals jemals sterben m\u00fcssen. Ich m\u00f6chte f\u00fcr immer hier bleiben, hier wo es vertraut ist und ich an verregneten, viel zu warmen Winterabenden in Pf\u00fctzen springen kann. Ich springe in eine Pf\u00fctze. Ein Hoch auf wasserfeste Damenstiefel! Eigentlich behaupte ich von mir: &#8222;Mein Herz ist im Himmel zu Hause, nicht hier auf der Erde.&#8220; Und ich meine das auch so. An vielen Tagen ist meine Sehnsucht nach dem Himmel \u00fcberm\u00e4chtig. Aber heute, an diesem verregneten Winterabend ist der Himmel unendlich weit weg. Heute m\u00f6chte ich einfach das bewahren, was ich habe. Mit dem fr\u00fchen Tod meiner Eltern kommen die Gedanken an&#8217;s Sterben immer mal wieder. Die Frage danach, wie es wohl ist, wenn man alles was man liebt hinter sich lassen muss. Der Tod meiner Schwiegeromi war anders als der meiner Eltern. Ihr Abschied war kein Kampf um jede Minute, war kein Herausgerissenwerden aus dem Leben. Ihr Abschied war ein ungeduldiges Warten. Als w\u00fcrde sie schon lange im Zug sitzen, die Habseligkeiten verteilt, die Wohnung gefegt, der Schl\u00fcssel \u00fcbergeben. Und dann sa\u00df sie dort, in dem eigens f\u00fcr sie reservierten Abteil, die Koffer ordentlich verstaut, das Taschentuch griffbereit, um noch einmal zu winken, wartend auf den Pfiff und das Schlie\u00dfen der Zugt\u00fcren. Ihr Abschied war nicht nur loslassen, er war auch Vorfreude. Wie oft hat sie mit ihren fast 100 Jahren geseufzt und halb im Scherz vor sich hingebrummt: &#8222;Jesus hat mich anscheinend vergessen.&#8220; Als ihr Abschied dann kam, war es Aufbruch, statt Zur\u00fccklassen. Eine Reise nach Hause. Jesus hat sie nicht vergessen. Er war nur mit uns gn\u00e4dig und hat uns diese Heldin des Gebets so lange wie m\u00f6glich gelassen. Gedankenverloren steige ich \u00fcber eine Pf\u00fctze. Wieso f\u00e4llt es mir so schwer mir den Himmel vorzustellen? Flannery O&#8217;Conner beschreibt es in einem ihrer Tagebucheintr\u00e4ge so: &#8222;Wenn wir den Himmel genau kartographieren k\u00f6nnten, w\u00fcrden einige unserer aufstrebenden Wissenschaftler damit beginnen, Entw\u00fcrfe f\u00fcr seine Verbesserung zu zeichnen.&#8220; Vielleicht deshalb. Vielleicht auch, weil es uns schwer f\u00e4llt, uns einen Ort ohne Leid vorzustellen. Oder einen Ort ohne Betonhochh\u00e4user und Winterpf\u00fctzen&#8230;okay&#8230;das vielleicht schon. Heute Abend ist hier mein zu Hause. Aber ich m\u00f6chte wie meine Schwiegeromi einmal nicht an dem Ort festhalten, den ich hier habe, sondern auf das zugehen, was mich erwartet. Mutig und neugierig, an der Hand dessen, dem ich mein Leben verdanke und der mich sicher nach Hause bringt. So lange springe ich zwischen Hochh\u00e4user in Pf\u00fctzen oder steige dr\u00fcber. 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