{"id":1274,"date":"2021-07-13T04:39:00","date_gmt":"2021-07-13T02:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nurheute.net\/?p=1274"},"modified":"2021-07-12T19:43:06","modified_gmt":"2021-07-12T17:43:06","slug":"schreibmaschinengeraeusche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=1274","title":{"rendered":"Schreibmaschinenger\u00e4usche"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich werde durch ein vertrautes Ger\u00e4usch wach: das Klappern der Tasten einer elektrischen Schreibmaschine, das halb durch die Wand, halb durch das ge\u00f6ffnete Fenster meines Zimmers dringt. Es ist noch sehr fr\u00fch. Die V\u00f6gel zwitschern schon, aber sonst ist alles leise und dunkel. Kein Verkehrsl\u00e4rm, keine Stimmen. Und nun ist auch das Klappern der Schreibmaschine verstummt. Ich brauche ein wenig, bis ich wach genug bin um mich zu erinnern, dass es gar nicht da war. Es war ein Ger\u00e4uschfetzen, der aus einem Traum mit hin\u00fcber in die Realit\u00e4t gerutscht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine schreibmaschinenschreibende Nachbarin ist in ein Altenheim gezogen und seitdem ist es still auf der anderen Seite der Wand. Jahrelang haben uns nur ein paar Zentimeter Beton getrennt. Es irritiert mich immer wieder, wenn ich mir bewusst mache, wie nah wir beieinander gelebt und sogar geschlafen haben. Seite an Seite. Sie hat viel geschrieben. Kleine Geschichten und Gedichte, in denen sie erlebtes verarbeitet hat. Einige von ihren Werken haben lokale Preise gewonnen oder wurden in der Stadtzeitung ver\u00f6ffentlicht. Vor allem aber hat sie Briefe geschrieben. Durch meine Nachbarin habe auch ich wieder angefangen Briefe zu schreiben. Und da sie eine sehr korrekte und feine \u00e4ltere Dame war, hab ich auch erstmal gelernt, was man dabei formal alles falsch machen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte ihre Vorstellung vom Leben. Und sie hatte ihre festen Routinen. Zu einer geh\u00f6rte, dass sie an bestimmten Wochentagen, direkt nach dem Aufstehen (also kurz nach vier Uhr morgens) Briefe schrieb. Und da ich einen sehr leichten Schlaf habe, wurde ich &#8211; mit der gleichen Regelm\u00e4\u00dfigkeit mit der sie schrieb &#8211; wach. Aber ich mochte das Ger\u00e4usch. Und ich mochte es, davon wach zu werden &#8211; auch wenn es viel zu fr\u00fch war. Mit der Zeit wurde das Tippen zu einem friedlichen Ger\u00e4usch von Heimat. Und die Stunde in der ich wach lag, zu einer Stunde des Nachdenkens, Redens mit Gott (der ist ja auch schon immer so fr\u00fch wach) oder einem entspannten vor sich hind\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine meiner liebsten Gedanken war mir vorzustellen, welche Ger\u00e4usche es wohl im Himmel geben wird. Welche Ger\u00e4usche werden wir da h\u00f6ren, die uns ein Gef\u00fchl von zu Hause vermitteln? Die uns ein L\u00e4cheln aufs Gesicht und Schmetterlinge in den Bauch zaubern werden. Die Gef\u00fchle ausl\u00f6sen, die wie warme Wellen durch unseren neuen K\u00f6rper str\u00f6men und in dem tiefen Bewusstsein m\u00fcnden: Hier geh\u00f6re ich her.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Leben hier auf der Erde ist eine Reise. Eine wilde, wundervolle und manchmal leider auch verletzende und schmerzhafte Reise. Aber eine Reise mit Ziel. Vieles auf dieser Reise habe ich so lieb gewonnen, ist mir so vertraut geworden, dass ich Zweifel bekomme, der Himmel k\u00f6nnte mir jemals das an zu Hause bieten, was ich hier kennen gelernt habe.<br>Doch dann f\u00e4llt mir wieder ein, dass Jesus seit 2000 Jahren damit besch\u00e4ftigt ist, mein und dein und unsere Zimmer vorzubereiten. So viel M\u00fche hat sich noch niemand f\u00fcr mich gemacht. Ich bin so gespannt. Und bis dahin werde ich weiter auf die Ger\u00e4usche lauschen, die mir hier begegnen und sie dankbar in mein Erinnerungsk\u00e4stchen legen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich werde durch ein vertrautes Ger\u00e4usch wach: das Klappern der Tasten einer elektrischen Schreibmaschine, das halb durch die Wand, halb durch das ge\u00f6ffnete Fenster meines Zimmers dringt. Es ist noch sehr fr\u00fch. Die V\u00f6gel zwitschern schon, aber sonst ist alles leise und dunkel. Kein Verkehrsl\u00e4rm, keine Stimmen. Und nun ist auch das Klappern der Schreibmaschine verstummt. Ich brauche ein wenig, bis ich wach genug bin um mich zu erinnern, dass es gar nicht da war. Es war ein Ger\u00e4uschfetzen, der aus einem Traum mit hin\u00fcber in die Realit\u00e4t gerutscht wird. Meine schreibmaschinenschreibende Nachbarin ist in ein Altenheim gezogen und seitdem ist es still auf der anderen Seite der Wand. Jahrelang haben uns nur ein paar Zentimeter Beton getrennt. Es irritiert mich immer wieder, wenn ich mir bewusst mache, wie nah wir beieinander gelebt und sogar geschlafen haben. Seite an Seite. Sie hat viel geschrieben. Kleine Geschichten und Gedichte, in denen sie erlebtes verarbeitet hat. Einige von ihren Werken haben lokale Preise gewonnen oder wurden in der Stadtzeitung ver\u00f6ffentlicht. Vor allem aber hat sie Briefe geschrieben. Durch meine Nachbarin habe auch ich wieder angefangen Briefe zu schreiben. Und da sie eine sehr korrekte und feine \u00e4ltere Dame war, hab ich auch erstmal gelernt, was man dabei formal alles falsch machen kann. Sie hatte ihre Vorstellung vom Leben. Und sie hatte ihre festen Routinen. Zu einer geh\u00f6rte, dass sie an bestimmten Wochentagen, direkt nach dem Aufstehen (also kurz nach vier Uhr morgens) Briefe schrieb. Und da ich einen sehr leichten Schlaf habe, wurde ich &#8211; mit der gleichen Regelm\u00e4\u00dfigkeit mit der sie schrieb &#8211; wach. Aber ich mochte das Ger\u00e4usch. Und ich mochte es, davon wach zu werden &#8211; auch wenn es viel zu fr\u00fch war. Mit der Zeit wurde das Tippen zu einem friedlichen Ger\u00e4usch von Heimat. Und die Stunde in der ich wach lag, zu einer Stunde des Nachdenkens, Redens mit Gott (der ist ja auch schon immer so fr\u00fch wach) oder einem entspannten vor sich hind\u00f6sen. Eine meiner liebsten Gedanken war mir vorzustellen, welche Ger\u00e4usche es wohl im Himmel geben wird. Welche Ger\u00e4usche werden wir da h\u00f6ren, die uns ein Gef\u00fchl von zu Hause vermitteln? Die uns ein L\u00e4cheln aufs Gesicht und Schmetterlinge in den Bauch zaubern werden. Die Gef\u00fchle ausl\u00f6sen, die wie warme Wellen durch unseren neuen K\u00f6rper str\u00f6men und in dem tiefen Bewusstsein m\u00fcnden: Hier geh\u00f6re ich her. Unser Leben hier auf der Erde ist eine Reise. Eine wilde, wundervolle und manchmal leider auch verletzende und schmerzhafte Reise. Aber eine Reise mit Ziel. Vieles auf dieser Reise habe ich so lieb gewonnen, ist mir so vertraut geworden, dass ich Zweifel bekomme, der Himmel k\u00f6nnte mir jemals das an zu Hause bieten, was ich hier kennen gelernt habe.Doch dann f\u00e4llt mir wieder ein, dass Jesus seit 2000 Jahren damit besch\u00e4ftigt ist, mein und dein und unsere Zimmer vorzubereiten. So viel M\u00fche hat sich noch niemand f\u00fcr mich gemacht. Ich bin so gespannt. 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