{"id":1228,"date":"2021-05-04T04:21:00","date_gmt":"2021-05-04T02:21:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nurheute.net\/?p=1228"},"modified":"2021-05-03T20:26:17","modified_gmt":"2021-05-03T18:26:17","slug":"es-holt-schwung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=1228","title":{"rendered":"Es holt Schwung"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist einmal mehr fr\u00fcher Morgen. Es ist hell drau\u00dfen und frisch. Ich atme noch ein paar Mal tief durch, bevor ich das K\u00fcchenfenster schlie\u00dfe. Heute sieht es richtig nach Fr\u00fchling aus. Ein heller, freundlicher Tag. Und die Stadt wirkt friedlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch in mir drin ist es nicht friedlich. Ich f\u00fchle mich getrieben. Es f\u00fchlt sich an, als w\u00fcrde die Welt um mich herum tief Luft holen und zum Sprung ansetzen. Oder besser noch: zum Sturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal war ich als Jugendliche auf einem Konzert. (&lt;&#8211; Die Betonung liegt bei dem Satz auf dem ersten Wort.) Der Moment als die T\u00fcren zur Konzerthalle ge\u00f6ffnet wurden, war erschreckend. Pl\u00f6tzlich rannte alles los. Und man hatte nur eine M\u00f6glichkeit. Mitrennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso f\u00fchlt sich diese Zeit gerade an. Als w\u00fcrden gleich die T\u00fcren aufgehen. Und alles spannt bereits die Muskeln an um losrennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt hat Corona satt. Ich auch. Vor allem stellvertretend. Stellvertretend f\u00fcr all die Alleinstehenden, die endlich wieder unter Menschen wollen, Spieleabende machen, Kinos besuchen, bis sp\u00e4t in die Nacht mit Freunden in einem Cafe sitzen. Stellvertretend f\u00fcr alle Eltern, f\u00fcr die Homeschooling zum Horrorwort des Jahrzehnts wurde. Und stellvertretend f\u00fcr die Kinder und Jugendlichen, die ihre Freunde \u00fcber lange Zeit nicht sehen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was bedeutet es f\u00fcr mich? Heute morgen stelle ich mir zum ersten Mal diese Frage. So wie damals bei dem Konzert. Als das Gerenne losging und mir pl\u00f6tzlich der Gedanke kam, warum ich \u00fcberhaupt an diesen \u00fcberf\u00fcllten Ort voller Fremder gegangen war. Die Frage sollte ich mir in den n\u00e4chsten 2 Stunden noch \u00f6fter stellen. Und die Fragen: wo sind meine Oropax? Wo sind meine Freunde? Wo bekomme ich was zu trinken? Wie soll ich das bezahlen? Wo ist das Klo? (Klassiker) Und die Frage, die seitdem mein treuer Begleiter ist: Wann gehen wir heim?<\/p>\n\n\n\n<p>Aaaber: ich schweife ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Was w\u00fcrde ein Ende des Lockdowns f\u00fcr mich bedeuten? Was vermisse ich wirklich? Es ist nicht so viel wie ich dachte. Und doch&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Ich vermisse Umarmungen. Ehrliche, liebevolle Umarmungen von meinen Freunden.<\/li><li>Ich vermisse Gottesdienste ohne Maske, daf\u00fcr mit lautem, leidenschaftlichen und schr\u00e4gem Gesang.<\/li><li>Ich vermisse Restaurantbesuche.<\/li><li>Und ich vermisse das Meer. Eine Zeit ohne Verpflichtungen, ohne Nachrichten, ohne Menschen. (Zugegeben&#8230;all das, bis auf das Meer, k\u00f6nnte ich auch zu Hause im Lockdown haben.)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Ja, ich sehne das Ende des Lockdowns herbei, wie wohl fast alle. Und trotzdem merke ich, dass ich mich in dieser Zeit den gef\u00fchlten Schwungholens seltsam verloren f\u00fchle. Fast als h\u00e4tte ich verlernt, wie man sich im normalen Leben verh\u00e4lt. Wie man das macht, in \u00fcberf\u00fcllten Cafes nach einem Platz zu suchen. Wie man das macht, wenn am Abend wieder verschiedene Termine sind, bei denen man nicht nur virtuell von der Couch aus anwesend sein muss. Vieles werde ich erst wieder neu lernen m\u00fcssen. Und ein Teil von mir f\u00fcrchtet sich davor.<\/p>\n\n\n\n<p>Der restliche Teil will ans Meer.\u00a0Es muss eben auch Konstanten im Leben geben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist einmal mehr fr\u00fcher Morgen. Es ist hell drau\u00dfen und frisch. 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Stellvertretend f\u00fcr all die Alleinstehenden, die endlich wieder unter Menschen wollen, Spieleabende machen, Kinos besuchen, bis sp\u00e4t in die Nacht mit Freunden in einem Cafe sitzen. Stellvertretend f\u00fcr alle Eltern, f\u00fcr die Homeschooling zum Horrorwort des Jahrzehnts wurde. Und stellvertretend f\u00fcr die Kinder und Jugendlichen, die ihre Freunde \u00fcber lange Zeit nicht sehen konnten. Doch was bedeutet es f\u00fcr mich? Heute morgen stelle ich mir zum ersten Mal diese Frage. So wie damals bei dem Konzert. Als das Gerenne losging und mir pl\u00f6tzlich der Gedanke kam, warum ich \u00fcberhaupt an diesen \u00fcberf\u00fcllten Ort voller Fremder gegangen war. Die Frage sollte ich mir in den n\u00e4chsten 2 Stunden noch \u00f6fter stellen. Und die Fragen: wo sind meine Oropax? Wo sind meine Freunde? Wo bekomme ich was zu trinken? Wie soll ich das bezahlen? Wo ist das Klo? (Klassiker) Und die Frage, die seitdem mein treuer Begleiter ist: Wann gehen wir heim? Aaaber: ich schweife ab. Was w\u00fcrde ein Ende des Lockdowns f\u00fcr mich bedeuten? Was vermisse ich wirklich? Es ist nicht so viel wie ich dachte. Und doch&#8230;. Ich vermisse Umarmungen. Ehrliche, liebevolle Umarmungen von meinen Freunden. Ich vermisse Gottesdienste ohne Maske, daf\u00fcr mit lautem, leidenschaftlichen und schr\u00e4gem Gesang. Ich vermisse Restaurantbesuche. Und ich vermisse das Meer. Eine Zeit ohne Verpflichtungen, ohne Nachrichten, ohne Menschen. (Zugegeben&#8230;all das, bis auf das Meer, k\u00f6nnte ich auch zu Hause im Lockdown haben.) Ja, ich sehne das Ende des Lockdowns herbei, wie wohl fast alle. Und trotzdem merke ich, dass ich mich in dieser Zeit den gef\u00fchlten Schwungholens seltsam verloren f\u00fchle. Fast als h\u00e4tte ich verlernt, wie man sich im normalen Leben verh\u00e4lt. Wie man das macht, in \u00fcberf\u00fcllten Cafes nach einem Platz zu suchen. 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