{"id":1194,"date":"2021-03-02T01:51:00","date_gmt":"2021-03-01T23:51:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nurheute.net\/?p=1194"},"modified":"2021-03-02T10:58:07","modified_gmt":"2021-03-02T08:58:07","slug":"vom-sterben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nurheute.net\/?p=1194","title":{"rendered":"Vom Sterben"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist kein normaler Sonnenaufgang. Ich bin von Sonnenaufg\u00e4ngen ziemlich verw\u00f6hnt und genie\u00dfe sie jeden Morgen. Die intensiven oder verwaschenen Farben. Die Einzigartigkeit. Doch dieser Sonnenaufgang ist anders. So anders, dass ich im Laufe des Tages viele Fotos davon im Whatsappstatus meiner Freunde sehen werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Farben \u00fcber den H\u00e4usern sind atemberaubend. Der Himmel explodiert in tiefem Orange und dunklem Rot, gemischt mit helleren Pastellfarben.&nbsp; Er erstreckt sich \u00fcber den ganzen Weltausschnitt, den ich durch die Frontscheibe meines Autos sehen kann. Er ist \u00fcberall. Es ist unwirklich. Und verst\u00f6rend. Als w\u00e4re dem B\u00fchnenbildner die falsche Kulisse untergekommen und nun passt das aufgef\u00fchrte St\u00fcck nicht mehr zum Hintergrund. Ich bin mit einem Freund auf den Weg zu einem Termin beim Bestatter. Wir werden die Beerdigung seiner gestern verstorbenen Frau besprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der trauernde Witwer neben mir erwacht kurz aus seiner Katatonie und schaut auf den Himmel. &#8222;Ist das echt?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das echt? Ich wei\u00df es nicht. Es f\u00fchlt sich nicht echt an. Die Welt f\u00fchlt sich seit ein paar Tagen nicht mehr echt an. Seit ich bei meiner Freundin am Sterbebett sa\u00df, f\u00fchlt sich die Welt nicht mehr echt an. In den ausgemergelten Z\u00fcgen meiner Freundin spiegelten sich die verzerrten Z\u00fcgen meiner Mutter von vor zehn Jahren. Flashbacks und Unwirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es f\u00fchlt sich nicht mehr echt an, seit der kleine Sohn meiner Freundin in Tr\u00e4nen ausgebrochen ist. Er hat zugelassen, dass wir f\u00fcr seinen Vater und seine Mutter beten und auch f\u00fcr ihn selbst. Aber er merkte auch verzweifelt an, dass wir lieber seiner Mama helfen sollen, statt nur zu beten. Hilflosigkeit. Wir feierten gemeinsam das Abendmahl. Ein letztes Mal. Das n\u00e4chste Mal werden wir es gemeinsam im Himmel feiern. Wenigstens das ist sicher. Aber das ist kein Trost f\u00fcr einen Elfj\u00e4hrigen. Nicht mal ann\u00e4hernd.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle mich hilflos. Auch jetzt hier im Auto. Der Tag der vor uns liegt macht mir Angst. Die Gespr\u00e4che, die Entscheidungen, das Begleiten eines Mannes, der in seinem gr\u00f6\u00dften Albtraum feststeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Worte der Bibel kommen mir seltsam weit weg vor. Das Versprechen vom ewigen Leben. Die Zusage der N\u00e4he und Gegenwart Gottes. Das Wissen darum, dass einmal alle Tr\u00e4nen abgewischt werden. Heute werden sie nicht abgewischt. Heute ist die Hoffnung ein verzweifeltes Festhalten an etwas, das man weder sieht noch erlebt. Ein Riss in der Wirklichkeit. Ein H\u00e4ngen \u00fcber dem Abgrund und die stumme, schreiende Bitte an Gott, dass er auch dann nicht losl\u00e4sst, wenn meine eigene Kraft zum Festhalten nicht mehr reicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in all den verst\u00f6renden Gef\u00fchlen die tiefe Dankbarkeit, mehr im Kopf als im Herzen, dass wir einen Gott haben, der uns nach Hause tr\u00e4gt. Der uns nicht allein l\u00e4sst und der nicht auf unsere Kraft baut, sondern auf seine eigene. Der nicht auf unsere Taten sieht, sondern auf die seines Sohnes Jesus Christus. In Momenten wie diesen, wo meine eigene Schw\u00e4che, meine \u00c4ngste und Zweifel so gro\u00df werden, dass ich sie nicht mehr leugnen kann, in diesen Momenten bin ich einfach nur dankbar, dass Gott ist wie er ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Morgenhimmel verblasst und geht in einen eiskalten Tag \u00fcber, als wir auf dem Parkplatz des Bestattungsinstituts ankommen. Die Minusgrade treffen&nbsp; mich beim Aussteigen wie eine Ohrfeige, f\u00fcr die ich aber recht dankbar bin. Die Welt hat mich wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Stillen gebe ich auch den Mann neben mir in Gottes H\u00e4nde ab. Nur Gott kann ihn jetzt halten. Ich darf ein St\u00fcck des Weges begleiten und vielleicht kann ich helfen. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur da und bin gar keine Hilfe. Ich gebe mein Bestes. Der Rest liegt in Gottes Hand. Gott sei Dank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kein normaler Sonnenaufgang. Ich bin von Sonnenaufg\u00e4ngen ziemlich verw\u00f6hnt und genie\u00dfe sie jeden Morgen. Die intensiven oder verwaschenen Farben. Die Einzigartigkeit. Doch dieser Sonnenaufgang ist anders. So anders, dass ich im Laufe des Tages viele Fotos davon im Whatsappstatus meiner Freunde sehen werde. Die Farben \u00fcber den H\u00e4usern sind atemberaubend. Der Himmel explodiert in tiefem Orange und dunklem Rot, gemischt mit helleren Pastellfarben.&nbsp; Er erstreckt sich \u00fcber den ganzen Weltausschnitt, den ich durch die Frontscheibe meines Autos sehen kann. Er ist \u00fcberall. Es ist unwirklich. Und verst\u00f6rend. Als w\u00e4re dem B\u00fchnenbildner die falsche Kulisse untergekommen und nun passt das aufgef\u00fchrte St\u00fcck nicht mehr zum Hintergrund. Ich bin mit einem Freund auf den Weg zu einem Termin beim Bestatter. Wir werden die Beerdigung seiner gestern verstorbenen Frau besprechen. 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