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Dienstag, 20 November 2018 06:00

Allein im Wald

Manche Jahreszeiten liegen uns mehr als andere.

Bei mir ist es der Herbst. Wenn es wieder kühler wird, schlägt mein Herz schneller. Die dicken Pullis und die Kuschelsocken werden herausgekramt, mein Outfit besteht zu 80 Prozent aus Schal, es riecht nach frisch gefallenem Laub und Regenpfützen, während die langen Abende mit einem guten Buch locken.

Dieses Wochenende war ein Herbstwochenende. Bewusst ist es mein erstes dieses Jahr. Ich weiß nicht genau wie es passieren konnte, aber irgendwie ist mir der Oktober (und die Hälfte von September und November) durch die Finger gerutscht. Vielleicht liegt es am Wetter, aber ich bin immer noch im Spätsommermodus.

Mein Samstag war frei und da der Gatte auf Reisen ist, sogar sturmfrei. Nun hätte ich mir zwar gegen die Fenster prasselnden Regen gewünscht, um den Herbst gebührend mit heißem Tee zu begrüßen, aber schlechtes Wetter scheint in diesem Jahr Mangelware zu sein.

Bei gutem Wetter ist es in der Wohnung nur halb so gemütlich. Wie ärgerlich. Also: Seele lüften, damit sie nicht stinkig wird. Mit Rücksicht auf meine Eremitengene, die sich dieser Tage wieder gewaltig Bahn brechen, fällt meine Wahl auf schattigen Wald statt sonnigem Fluss, Weg mit wenig Aussicht und keine geöffneten Lokale auf der Route. Still hoffe ich, dass das genug Unattraktivität für die meisten Menschen darstellt und ich den Wald für mich alleine habe. Wider Erwarten geht diese Rechnung auf.

Die ersten Minuten bin ich irritiert. Leerer Wanderparkplatz, stiller Wald, nicht mal die allgegenwärtigen Jogger sind hier unterwegs. Kurz überlege ich, ob ich vielleicht doch weniger Eremit und mehr Schisser bin und lieber an den See fahre mit dem ganzjährig geöffneten Lokal im Stuttgarter Naherholungsgebiet. Aber nein. Es ist heller Tag, ich wollte Stille und nun habe ich sie. Basta. Also gehe ich los. Allein.

Allein mit meinen Gedanken, mit dem Schokoriegel in meiner Tasche und mit Jesus. Mein Bein ist schmerzfrei und ich kann laufen. Einfach einen Fuß vor den Anderen, während unter meinen Schritten das Laub raschelt und um mich herum neue Blätter wie bunter Schnee auf den Boden fallen. Mein Puls geht schneller und an der Art wie mein Körper auf die frische Luft reagiert merke ich, dass ich wohl zu lange den Schreibtisch nicht mehr verlassen habe. Nach ein oder zwei Stunden, als ich längst der festen Überzeugung bin, das einzige Lebewesen auf dem Planeten zu sein, springt mir ein Reh vor die Füße. Genauso erschrocken wie ich, aber nach der ersten Schrecksekunde nicht halb so verzückt. Verträumt schaue ich dem flüchtenden Tier hinterher und gehe dann weiter, leise Disneymelodien vor mich hinsummend. In meinem Bauch hat sich ein kleiner, glücklicher Leuchtball gebildet.

Meine Umgebung ist wunderschön. Und mir schießt ein Bibelvers durch den Kopf:

Dabei ist doch das, was man von Gott erkennen kann, für sie [die Menschen] deutlich sichtbar; er selbst hat es ihnen vor Augen gestellt. Seit der Erschaffung der Welt sind seine Werke ein sichtbarer Hinweis auf ihn, den unsichtbaren Gott, auf seine ewige Macht und sein göttliches Wesen. 
(Römerbrief 1,19-20a)

Ja Jesus, du hast die Welt wunderschön gemacht. Mit ihrer Vielfalt, den Farben, Gerüchen und Geräuschen. Mit dem Geschmack von Bratapfel oder Zwiebelkuchen oder Brombeeren. Du hast dir so schöne Tiere wie Rehe ausgedacht und du hast uns Menschen gemacht, mit denen du Reden und Zusammensein möchtest. Was für ein Gott. Und wir Menschen dürfen auch erfinden und erschaffen. Zum Beispiel so tolle Sachen wie Schaukeln.
Da habe ich nämlich auch noch eine gefunden. Mitten im Wald auf einem Waldspielplatz. Auf einem einsamen und unbeobachteten Waldspielplatz. Und da schoss mir dann noch ein weiteres Zitat durch den Kopf:

Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern.
―Astrid Lindgren

Das gilt auch für Schaukeln.